Zeitung Heute : Ein Gedankengang an der Spree

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Wo ist denn nun die schöne neue Flaniermeile an der Spree? Lieber Freund, wolltest du nicht ein wenig Geduld mitbringen? Kommt Zeit, kommt Weg. Also, einfach los, von der Schloßbrücke immer am Wasser lang, links Zeughaus, rechts Presslufthämmer, auch am Kupfergraben soll alles schöner werden. Höchste Zeit! Die Gehwegplatten, wegen ihres gewölbten Unterteils auch „Schweinebauch“ genannt, haben wohl schon den Einmarsch der Russen erlebt; krumm und schief warten sie auf den Aufschwung Ost, ohne den liegt man hier ganz schnell mal auf der Nase.

An der Spitze des Bodemuseums schwimmt träge die Spree herbei, blaugrau kräuselt sie sich durch die Weidendammer Brücke, den preußischen Ikarus über sich und den Einfluss der Panke daneben. Dem musealen Weg folgt der geschäftige: die Friedrichstraße und ihr Großstadtkrach. Erst am Reichstagufer wird es gemütlicher, hier beginnt der mediale und politische Teil mit ARD-TV, Bundestag. Nach dem sinnlosen Abriss des Luisen-Wohnblocks kommt wahre Scheußlichkeit hervor: Die Bundestagsbibliothek wirkt mit ihren herablassenden Jalousien wie eine Fabrikhalle; bei diesem Monster bleibt dem Berliner die Spucke weg, dagegen wirkt der gute alte Reichstag wie eine Sixtinische Kapelle.

Nun, endlich, ist er da, der neue Weg zwischen Paul- Löbe-Haus und Spree. Wo einst die Mauer stand, spazieren wir geradewegs in den Bundespressestrand, wo es bunte Mixturen zum Genuss in Liegestühlen gibt, und abends „Tango mit Fridolin“. Hinter der Kronprinzenbrücke wird es richtig gepflegt: Unter ein schützendes Dach haben sie ein Dutzend Bänke gestellt, den gelben Kiesweg begrenzt ein frischer, breiter Streifen dickes Gras Hier ist er, echt und in Farbe, das Original: der grüne Strand der Spree. Hinter der dunkelroten Moltkebrücke ist er sogar noch mit etwas rotem Mohn und Margeriten durchwirkt – so kommt man bis zum Biergarten am Haus der Kulturen der Welt (und weiter). Wenn der Kanzler über die Brücke zu seinem Helikopter geht, grüßt er die Leute, und wenn man ihn fragte, wie er denn diesen tollen neuen Weg findet, würde er vielleicht sagen: Naja, es ist eben alles zum Wohle des Volkes. Oder so.

Spreeweg, noch namenlos, Tag und Nacht geöffnet, Spaziergang: ca. 70 Min.

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