Zeitung Heute : Ein Geist, der nicht zur Ruhe kommt

Vor 26 Jahren erhängte sich die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof in ihrer Zelle. Damals wurde ihr Gehirn untersucht, aber nicht beerdigt. Jetzt hat ein Magdeburger Forscher das Organ erneut untersucht und kommt zu einem überraschenden Befund: Sie war vermindert schuldfähig.

Bas Kast

Es ist der 23. Oktober 1962, ein Dienstag, als der Hamburger Neurochirurg Rudolf Kautzky den Bohrer an die rechte Schädelseite seiner Patientin setzt. Nicht irgendeiner Patientin: Ulrike Marie Meinhof, Chefredakteurin der Hamburger Studentenzeitschrift „Konkret“. Ein paar Jahre später, am 14. Mai 1970, wird diese Frau Andreas Baader gewaltsam aus dem Gefängnis befreien – es ist die Geburtsstunde der Baader-Meinhof-Gruppe, der RAF.

Was war es, das die ehrgeizige Journalistin in eine eiskalte Terroristin verwandelte? Der Psychiater Bernhard Bogerts, 54, glaubt, die Antwort nun gefunden zu haben. 26 Jahre nach ihrem Tod hat der Direktor der Klinik für Psychiatrie an der Universität Magdeburg das Hirn der Terroristin untersucht, Schnitt für Schnitt. Sein Schluss: „So wie sich der Fall darstellt, ist es in hohem Maße zweifelhaft, ob Frau Meinhof in ihrem Prozess schuldfähig war.“

Als der Dienst habende Beamte am 9. Mai 1976 um 7 Uhr 34 die Zellentür Ulrike Meinhofs in Stuttgart-Stammheim aufschloss, hing ihre Leiche am Fenstergitter. Die 41-jährige hatte sich selbst erhängt. Lässt sich heute, über 26 Jahre später, anhand von leblosen Hirnschnitten, noch nachvollziehen, was Ulrike Meinhof in den Terror getrieben hat? Und wenn ja, was sagt das aus über ihre Schuldfähigkeit?

Handfeste Befunde über die Biologie des Bösen gibt es erst seit wenigen Jahren – und auch sie sind nicht unumstritten. So legte der Neurobiologe Adrian Raine von der Universität von Südkalifornien in Los Angeles 21 Männer mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung in einen Kernspintomographen und durchleuchtete ihre Hirnanatomie. Das verblüffende Resultat: Der so genannte Präfrontalcortex war, im Verhältnis zu normalen Versuchspersonen, um bis zu 14 Prozent geschrumpft – ein Volumen von immerhin zwei Teelöffeln.

Der Präfrontalcortex befindet sich direkt hinter unseren Augen und ist so groß wie eine Billardkugel. Er wird auch als „Sitz der Zivilisation“ bezeichnet, denn es ist der Ort im Kopf, wo unser ethisches Empfinden angesiedelt ist. Das Hirnareal hat vor allem eine hemmende Funktion, ist also in der Lage, Impulse, die von anderen Hirnteilen kommen, zu unterdrücken, auch Impulse von Gewalt – wie eine Art Bremse im Kopf. Dennoch: „Es gibt Menschen mit präfrontalen Schäden, die nicht asozial werden“, sagt Hirnexperte Raine. „Umgekehrt gibt es Asoziale mit normalen präfrontalen Hirnen.“

Zurück ins Jahr 1962. Meinhof klagt über Kopfschmerzen, sieht doppelt, schielt. Am 14. September 1962 machen Ärzte der Neurochirurgischen Klinik Hamburg-Eppendorf ein Bild ihrer Hirngefäße. Tief in ihrem Kopf scheint sich ein Tumor gebildet zu haben. Gut einen Monat später folgt die Operation. Chirurg Kautzky arbeitet sich mit seinem Skalpell zu dem Tumor vor. An der kritischen Stelle angelangt, entdeckt er aber keinen Krebs, sondern einen Blutschwamm. Der Chirurg klemmt den Schwamm mit Klammern fest und flach, Meinhofs Schädel wird wieder geschlossen. Die Operation scheint gelungen. Die Patientin befindet sich auf dem Weg der Besserung. „Volles Wohlbefinden und volle Lebenskraft“, notiert Chirurg Kautzky bei einer Untersuchung vier Jahre nach dem Eingriff. Ulrike Meinhof allerdings klagt darüber, dass sie nicht mehr so schnell lesen könne und manchmal noch Doppelbilder sehe.

Ob die OP tatsächlich so gut gelungen war, wie Kautzky glaubte, darf inzwischen bezweifelt werden. Der Tübinger Neurologe Jürgen Peiffer, der 1976 Meinhofs Hirn obduzierte, stellt „erhebliche Verletzungen der Rinde“ fest, wenn er heute Fotos von Meinhofs Hirnschnitten studiert – Folge von Kautzkys Eingriff mit dem Skalpell.

Doch nicht nur die äußere Hirnrinde ist verletzt. Die „Gewebsschädigungen“ erstrecken sich offenbar bis tief ins Hirn, bis ganz nah am so genannten Mandelkern. Auch der Magdeburger Psychiater Bogerts, der Meinhofs Hirn nun noch einmal untersucht hat, hat sein Auge auf diese Struktur geworfen – die Ergebnisse seiner Studie sollen aber erst Anfang 2003 veröffentlicht werden.

Der fingernagelgroße Mandelkern liegt – in zweifacher Ausgabe – tief im Hirn und gilt als eine Schaltzentrale unserer Gefühle, insbesondere negativer Gefühle wie Angst, Aggressionen und Hass. Der Neurologe Antonio Damasio von der Universität von Iowa hat die Fallgeschichte einer Frau („Frau S.“) beschrieben, deren Mandelkerne buchstäblich verkalkt waren. Fortan erschien die Welt Frau S. rosarot – „als wären negative Emotionen wie Furcht und Ärger aus ihrem affektiven Vokabular gelöscht worden“.

Umgekehrt kann es auch zu einer Überaktivität des Mandelkerns kommen – mit gefährlichen Folgen. Vor zwei Jahren erschien im US-Wissenschaftsmagazin „Science“ eine Studie, in der ein Team um den Neurobiologen Richard Davidson von der Universität von Wisconsin in Madison die Hirne von 500 extrem aggressiven Menschen, darunter 41 Mördern, untersucht hatte. Das Resultat: Die Aktivität im Präfrontalcortex war vermindert, der Mandelkern dagegen zeigte sich als besonders erregt. Die verminderte Aktivität des Präfrontalcortex, der Bremse im Kopf, hatte den Mandelkern der Verbrecher enthemmt – so, spekuliert Hirnforscher Davidson, konnte es zu geradezu explosiven Ausbrüchen von Aggression kommen.

Bei Meinhof, ist Psychiater Bogerts überzeugt, war es der Blutschwamm, der auf den Mandelkern drückte und so ihre Persönlichkeit in Richtung Angst, Aggression und Hass lenkte. Nichts ungewöhnliches, sagt er, dass sich dieser Prozess über Jahre hinzieht. Das im Nachhinein zu beweisen, um so das Ausmaß ihrer Schuldfähigkeit neu einzuschätzen, wird allerdings auch für den Experten mehr als schwierig: Diese Frage wurde schon während ihres Prozesses nicht geklärt.

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