Zeitung Heute : Ein Gericht irgendwo im Nirgendwo

MATTHIAS OLOEW

Steglitzer Schüler verfilmten Dürrenmatts "Die Panne" und knüpften so an eine 40 Jahre zurückliegende Berlinale-Premiere anVON MATTHIAS OLOEWSchwarz-weiß sollte es sein.Wegen der Atmosphäre und so.Schließlich ist Dürrenmatt schon lange tot.Und seine Stücke, inhaltlich noch heute hoch aktuell, sind - nun ja - doch ein wenig antiquiert; zumal für die Augen eines jugendlichen Publikums.Außerdem hat schwarz-weiß noch einen anderen, entscheidenden Vorteil: Kleine Unebenheiten im Make-up fallen nicht so auf, und der Zuschauer sieht nicht auf den ersten Blick, daß die grauen Haare der Schauspieler nicht durch einen Profi-Friseur arrangiert sind, sondern auf die Schnelle gemacht wurden.So war für Philipp Jansen und Jakob Volz klar: Ihr jüngster Film kann nur in Schwarz-Weiß gedreht werden.Dürrenmatt in Berlin, noch dazu zusammen mit der Berlinale, das hat eine lange zurückliegende Geschichte.Exakt 40 Jahre ist es her, daß im Wettbewerb der Filmfestspiele die Dürrenmatt-Verfilmung "Es geschah am hellichten Tag" gezeigt wurde.Regie führte Ladislao Vajda, auf der Besetzungsliste standen Heinz Rühmann, Gert Fröbe und Michel Simon.Beim Filmball im Palais am Funkturm zeigten sich beide gut gelaunt.Dürrenmatt mit Zigarre, Simon im hellen Anzug, in demonstrativ freundschaftlicher Nähe.Heute zählt Dürrenmatt nicht unbedingt zu dem, was gemeinhin als heiße Ware auf den Schreibtischen von Drehbuchautoren gilt.So ist es nicht der Zoo-Palast, auch nicht das Delphi oder das Astor, in denen in der kommenden Woche die Aufführungen eines Dürrenmatt-Films auf dem Programm steht, sondern die Aula des Steglitzer Gymnasiums in der Heesestraße.Mithin also alles andere als ausgetretene Pfade für den Berlinale-Troß. "Die Panne" ist verfilmt.Jenes wunderbare Stück über eine fiktive Gerichtsverhandlung, abseits der großen Straßen und Wege, in einem abgelegenen Ort, irgendwo im Nirgendwo.Ein Geschäftsmann muß eine unfreiwillige Übernachtung einplanen und findet Quartier bei einer skurrilen Gesellschaft aber nur scheinbar seniler Herren, die schließlich aus ein Spielsituation einer Tribunal machen.Denn der Geschäftsmann hat alles andere als eine weiße Weste, unterhielt mit der Frau seines Chefs eine Liaison, ehe er schließlich unter ungeklärten Umständen verschwand.Ein Mord.Ein gefundener Fall für die abendlich-illustre Runde.Und kein leichter Filmstoff. Philipp Jansen (Regie und Kamera) und Jakob Volz (Musik und Schauspieler) haben es trotzdem versucht.Sie motivierten eine Handvoll Mitschüler, kauften sich einen Schwung Video-Kassetten und drehten schließlich in den Herbstferien den Film, der jetzt - 65 Minuten lang - zum ersten Mal vor einer großen Öffentlichkeit gezeigt werden soll.Gemessen an den technischen Möglichkeiten ist das Ergebnis hochprofessionell.Hier wackelt zwar die Kamera, dort ist der Ton nicht immer abgestimmt, aber immer wird die Geschichte atmosphärisch dicht erzählt.Ein weiter Weg.Denn nicht nur das fünf Stunden lange Rohmaterial mußte aufwendig ausgewertet und zusammengeschnitten, auch einige Mitschüler wollten überzeugt werden, daß der Film wirklich so gut gelungen ist, daß er durchaus einem großen Publikum gezeigt werden kann. Die zeitliche Überschneidung mit der Berlinale ist somit Zufall.Die Jungfilmer hatten die Premierentermine nicht im Kopf, als die Arbeiten zur "Panne" begannen."Wir haben jedes Jahr einen Film gedreht", sagt Philipp Jansen routiniert, angefangen hat es mit ersten Filmen über Studienfahrten oder kleine Spielszenen, stark improvisiert.Jetzt arbeiten sie wesentlich rationeller und professioneller, sechs Filme in sechs Jahren.Kein Wunder also, daß die beiden ihrer Filmproduktion den bedeutungsschweren Namen "Alle-Jahre-Wieder-Film" gegeben haben.Mit anderen Worten: Da kommt noch etwas auf die Filmnation zu. "Die Panne" wird am Montag, 16.Februar, und Mittwoch, 18.Februar, jeweils um 19.30 Uhr in der Aula des Steglitzer Gymnasiums, Heesestraße 15, gezeigt.Der Eintritt ist frei, Spenden sind gern gesehen.

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