Zeitung Heute : Ein Gnadenversuch

Michael Buback plädiert dafür, Christian Klar in die Freiheit zu entlassen. Ist das die Wende im Fall Klar?

Axel Vornbäumen

Die Einlassungen Michael Bubacks, des Sohns des 1977 von der RAF ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, geben dem Fall Christian Klar zumindest eine zusätzliche neue Dimension. Weniger entscheidend ist dabei, dass sich mit dem Buback-Sohn erstmals ein Angehöriger eines RAF-Opfers für die Begnadigung Klars stark macht, viel bemerkenswerter ist der Argumentationsstrang, an dem Buback sich entlangbewegt. Buback will für ihn selbst „schlüssige“ Hinweise erhalten haben, wonach Klar möglicherweise nicht für alle Attentate in dem Maße verantwortlich war, wie die Öffentlichkeit 30 Jahre lang glaubte. Klar soll weder die tödlichen Schüsse auf Siegfried Buback abgegeben haben, noch an der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer beteiligt gewesen sein.

Stimmt das tatsächlich, dann müsste nicht nur ein Teil der RAF-Geschichte – womöglich auch der Ermittlungsgeschichte – neu geschrieben werden, dann wäre auch die politische Debatte um das Maß von Schuld und Sühne neu belebt. Buback selbst rückt von seiner ursprünglichen Forderung nach Preisgabe des Täterwissens oder gar des Zeigens von Reue ab und argumentiert gleichsam mit dem rechtsstaatlichen Gleichgewicht. In einem Beitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt er: „Wenn die Schwere der Verbrechen von Christian Klar die der Morde anderer RAF-Mitglieder nicht deutlich übersteigt, kann man fragen, ob seine Haftdauer länger als die von Frau Mohnhaupt andauern sollte. Beide haben gemeinsam das schreckliche, zur Ermordung von Jürgen Ponto führende Verbrechen ausgeführt, und so könnte auch er nach etwa 24 Jahren Haft in Freiheit gelangen. Durch einen Gnadenerweis des Bundespräsidenten wäre das möglich.“

Ob sich Horst Köhler, der am Mittwoch in kleinem Kreis über das Gnadengesuch von Christian Klar beriet, sich auf diese Argumentation einlässt, ist unklar. Dem Bundespräsidenten ist nach Informationen des Tagesspiegels daran gelegen, die Stimmen der Angehörigen bei seiner Entscheidung besonders ernst zu nehmen – und noch steht Michael Buback mit seinem Plädoyer für Gnade allein auf weiter Flur, viele sind unversöhnlich, zum Beispiel die Angehörigen von Hanns Martin Schleyer. Andererseits hat Köhler durch die neue Erkenntnislage auch neue Spielräume für seine Entscheidung gewonnen. Die waren in der festgefahrenen Debatte zuletzt recht eng geworden, parteiübergreifend wurde ihm in der politischen Klasse Berlins von einem Gnadenerweis für Klar abgeraten, auch in der Bevölkerung lehnt eine große Mehrheit die vorzeitige Freilassung des früheren RAF-Mitglieds ab.

Besonders heikel ist die Frage, wie seriös die Quelle ist, auf die Buback sich nun, nach 30 Jahren, stützt. Er selbst, dem die Frage, wer seinen Vater am 7. April 1977 vom Motorrad aus erschossen hat, die entscheidende war, will „im Zweifel“ zu Klars Gunsten „den Informanten glauben, dass er (Klar) keiner der Täter auf dem Motorrad war“. Es ist wahrscheinlich, dass Buback den Namen des Informanten im Gespräch mit Köhler offenlegen wird, auch die Bundesanwaltschaft wird, wie es heißt, „Hinweise prüfen und hat in diesem Zusammenhang eine Person einbestellt“. Insider gehen in Gesprächen mit dem Tagesspiegel davon aus, dass es sich nur um eine Person handeln kann, die seinerzeit „in der Illegalität“ war, also Mitglied des engsten RAF-Zirkels, der die sogenannte „Offensive 77“ plante und dann auch ausführte. Die glaubwürdigste Quelle, so heißt es von dieser Seite, wäre danach der Täter selbst, also ein ehemaliges, inzwischen wieder freigelassenes RAF-Mitglied. Die Preisgabe von Täterwissen ist aber gerade für die Beteiligten der „Offensive 77“ höchst ungewöhnlich. Christian Klar selbst hat zweieinhalb Jahrzehnte eisern geschwiegen, ebenso Brigitte Mohnhaupt. Nach den Hinweisen, die Buback erhalten hat, war der Schütze auf dem Motorrad auch keiner der wegen der Tat verurteilten RAF-Mitglieder Günter Sonneberg und Knut Folkerts.

Köhler selbst muss abwägen, inwieweit er sich auf die Buback-Quelle stützen kann, wobei es nicht um die juristische Bewertung des wegen gemeinschaftlicher Tat verurteilten Christian Klar geht. Der Bundespräsident wird dabei auch eine andere interessante Frage zu prüfen haben – inwieweit einer bereit ist, sich aus seiner eigenen Gedankenwelt zu befreien, die ihn länger als jeden anderen seiner einstigen Kampfgenossen im Gefängnis gehalten hat. Indizien dafür, dass Klar sich daraus befreien will, gibt es. Im März hat er Köhler einen Brief geschrieben. Auch Christian Klar bewegt sich.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben