Zeitung Heute : Ein Graben voller Ängste

„Wir sind doch in Deutschland!“, ruft ein blondes Mädchen. Wie Berliner eine Moschee verhindern wollen

Lars von Törne

„Liebe für alle, Hass für keinen“ steht in weißen Großbuchstaben auf einem Schild über dem Schreibtisch von Imam Tariq. Es wirkt wie ein ironischer Kommentar zu dem erbitterten Streit, in dessen Zentrum Tariqs Gemeinde im Moment steht. Räucherstäbchenduft hängt im kleinen Büro, Flugzeuge dröhnen übers Dach, Tegel ist nicht weit.

Wenn man hier bei Tee und Keksen sitzt, möchte man dem freundlichen Geistlichen mit dem grauen Kinnbart gerne abnehmen, dass er und seine Glaubensbrüder ihren nicht-muslimischen Nachbarn in Frieden begegnen wollen. Wenn da nicht der Graben voller Ängste wäre, der sich in den vergangenen Wochen zwischen Tariqs Ahmadiyya-Gemeinde und den Bürgern in Heinersdorf, einem Ortsteil von Pankow, aufgetan hat. Erst am Donnerstagabend hat in diesem Graben eine regelrechte Schlacht getobt, eine Redeschlacht erst, aber viel hätte nicht gefehlt bis zu ersten Handgreiflichkeiten. Der Anlass: Im beschaulichen Heinersdorf will die Ahhmadiyya-Gemeinde im kommenden Jahr eine Moschee bauen.

Auf dem Grundstück nahe der Autobahnauffahrt, um das es geht, wachsen unkontrolliert Bäume und Sträucher. 5000 Quadratmeter misst es, früher hat es die Sauerkrautfabrik nebenan mitgenutzt. „Hier drüben wohnen einige aus unserer Interessengemeinschaft“, sagt Heiner Fleck, ein schlanker Mann mit Seitenscheitel, kleiner Goldrandbrille und Fältchen um die Augen, die verraten, dass er eigentlich gerne lacht. Er ist Arzt im Ruhestand, zurzeit aber vor allem Sprecher der „Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger“, die sich vor drei Wochen spontan gegründet hat. Fleck zeigt auf ein paar dreistöckige Mietshäuser gegenüber der künftigen Moschee: „Die fühlen sich besonders bedrängt.“

Die Heinersdorfer fühlen sich bedrängt von etwas, das die meisten nur vom Hörensagen kennen. Im Büro von Imam Tariq hängen Bilder eines bärtigen Mannes mit Turban: Hazrat Mirza Ghulam Ahmad, der als Messias verehrte Gründer der Ahmadiyya-Gemeinde. Seine Koranauslegung teilt nur eine kleine Minderheit der Muslime, deswegen gilt sie als Randgruppe der islamischen Welt, ein wenig wie die Zeugen Jehovas bei den Christen. In Berlin hat sie gerade 120 Mitglieder. Weltweit seien es 200 Millionen in 184 Ländern, sagt der Imam, „aber kein Einziger hat je an Ausschreitungen teilgenommen oder Sachschaden verursacht“. Betont friedliebend seien diese Muslime, sagen auch Islamwissenschaftler. In manchen Ländern,wie in Pakistan werden sie gewalttätig unterdrückt.

Dennoch. Die Gemeinde vertritt ein konservatives Gesellschaftsbild, und das macht den Heinersdorfern Angst. Auch Imam Tariq, der nach dem Studium der Religionswissenschaften und der deutschen Literatur schon vor 24 Jahren nach Deutschland gekommen ist, setzt sich dafür ein, dass islamische Mädchen in Berlin nicht an Klassenfahrten oder dem gemeinsamen Schwimmunterricht teilnehmen müssen. Zugleich distanzieren er und seine Glaubensbrüder sich aber auch von islamistischen Gruppen, die Religion und Politik vermischen. Wenn Tariq, der zum traditionellen Hemd eine pakistanische Pelzmütze trägt, über aktuelle Konflikte spricht, erscheint er wie ein Musterbeispiel an islamischer Toleranz. Er holt seinen grünen Koran hervor und liest: „Es soll kein Zwang sein im Glauben.“ Er wird das später auch im Freitagsgebet zitieren, vor etwa 30 Männern in der Behelfsmoschee, einem Einfamilienhaus unweit des Kurt-Schumacher-Platzes, in das die Gemeinde 1989 eingezogen ist, das aber langsam zu klein wird. Die Ansprache hält er auf Deutsch.

In der Behelfsmoschee war neulich auch Fleck zu Besuch. Als er zum ersten Mal vom Moscheeplan hörte, hat der Hobby-Historiker sich ein Standardwerk zum Islam besorgt, ist nach Reinickendorf gefahren und hat mit dem Imam gesprochen, den er einen sehr honorigen Mann nennt. „Wir sind weder rassistisch noch fremdenfeindlich“, sagt er beim Spaziergang rund um den zukünftigen Bauplatz in Pankow. Man merkt: Er will sich nicht vereinnahmen lassen. Weder als Stichwortgeber der NPD, die den Moscheenprotest als Vehikel für ihre fremdenfeindlichen Parolen nutzt, noch als Projektionsfläche für jene, die die Heinersdorfer als kleinbürgerliche Spießer mit Gartenzaunideologie bezeichnen. Viele hier verbinden automatisch den Islam mit sozialen Problemen wie in Neukölln, von denen sie in der Zeitung lesen. Aber Fleck ärgert sich am meisten über die Bezirksverordneten, die seit fast einem Jahr von den Plänen wussten, aber erst jetzt mit den Bürgern darüber sprechen. Zumindest müssten die Heinersdorfer die Möglichkeit haben, sich ein eigenes Bild zu machen. Flecks Fazit ist angesichts der Vehemenz seines Protestes überraschend: „Das sind friedliche Leute, die keinem was tun – aber die Möglichkeit, das herauszufinden, hätte man allen Bürgern geben sollen, bevor man die Baugenehmigung erteilt.“ Es schmerzt ihn, der sich als aufrechter Demokrat sieht, wie leicht man missverstanden wird. Auch das hat er mit Imam Tariq gemein.

Der traf mit den Pankower Bürgern am Donnerstagabend zum ersten Mal zusammen. Und es war ein Fiasko.

350 Stühle standen in der Turnhalle der Heinersdorfer Schule. 20 Minuten vor Beginn der Bürgerversammlung war jeder Platz besetzt, 15 Minuten vorher gab es keine Stehplätze mehr, und zu Veranstaltungsbeginn standen draußen noch immer etwa tausend Menschen, die auch rein wollten, Rentner, Eltern, Schüler, aber auch ein paar Glatzköpfe, dazu ein Dutzend Mannschaftswagen der Polizei und etliche Beamte in Zivil. Einige draußen wurden aggressiv. Die Bezirkspolitiker, die die Versammlung organisiert haben, wurden unruhig, die Polizei auch. Während sie debattieren, was zu tun ist, machen die Bürger ihren Ängsten Luft. Einige zücken Baupläne und Entwürfe für die Moschee, andere ziehen Ausdrucke aus dem Internet hervor, die die Gefährlichkeit der Ahmadiyya-Gemeinde belegen sollen. Man hört Satzfetzen wie „Gebetstourismus, dessen man nicht mehr Herr wird“ und „nach außen friedlich, aber wer weiß, was hinter den Kulissen passiert“. Eine Frau mit graumelierten Locken zeigt auf das Minarett auf dem Bauplan der Moschee und sagt: „Da ist dann der Muezzin schon ab 5 Uhr am Jodeln.“

Dass von dem Minarett aus nie ein Muezzin singen soll, dass der Turm nur als Verzierung gedacht ist, erfährt die Frau an diesem Abend nicht. Auch alles andere, was Imam Tariq und andere Vertreter seiner Gemeinde gegen die Ängste der Heinersdorfer sagen könnten, bleibt ungehört. Eine turbulente halbe Stunde nach dem Veranstaltungsbeginn steigt ein Polizist auf die Bühne. Der Veranstalter, die Bezirksverordnetenversammlung, könne wegen der Überfüllung und der Unruhe für die Sicherheit nicht garantieren, die Bürger mögen die Halle gesittet und geordnet verlassen. Da entlädt sich der Gefühlssturm, der sich bei vielen in jenen drei Wochen aufgestaut hat, seitdem sie aus der Zeitung von den Moscheeplänen erfahren haben. Minutenlang pfeifen und schreien sie, rufen „Feigling!“ in Richtung des Vorsitzenden der Bezirksverordnetenversammlung, und dann in ohrenbetäubender Einheit: „Wir sind das Volk!“ Während Polizisten den Imam und andere Podiumsgäste durch den Hinterausgang ins Freie begleiten, bleiben viele Heinersdorfer noch lange in der Halle stehen.

„Wieso braucht gerade Heinersdorf eine Moschee?“, fragt ein zorniger junger Mann mit Meckifrisur einen älteren mit grauem Bart. Der erklärt ihm, dass wegen der Religionsfreiheit in Deutschland jede Gemeinde Gotteshäuser bauen darf, wo sie will. „Aber wieso eine Moschee? Wir sind doch in Deutschland“, ruft ein blondes Mädchen dazwischen. Am Rande steht ein Bezirkspolitiker von der SPD. „Das war ein Etappensieg für die Rechten“, sagt er . Am heutigen Sonnabend haben die Neonazis in Pankow eine Demonstration gegen den „Vorposten des Islam“ und die „Überfremdung“ angemeldet, der Bürgermeister und die Bezirksverordneten rufen zur Gegenkundgebung für Religionsfreiheit auf.

Am Tag nach der gescheiterten Debatte sind Imam Tariq und Bürgerinitiativensprecher Fleck gleichermaßen ratlos. Tariq will die Heinersdorfer nun zu Gesprächen in kleinen Gruppen einladen. Die Idee des Vorstehers der Bezirksverordnetenversammlung, die Debatte in einem größeren Rahmen, zum Beispiel in der Max-Schmeling-Halle nachzuholen, behagt ihm nicht. Angesichts der hasserfüllten Rufe am Donnerstagabend hält er eine noch größere Halle für problematisch. Die Heinersdorfer werden sich schon mit der neuen Moschee arrangieren, hofft er. Wie zum Beleg holt er zwei goldene Bilderrahmen aus einem Nebenraum. Auf Fotos sind zwölf neue Moscheen zu sehen. Die hat die Gemeinde in den vergangenen Jahren in Städten wie Frankfurt und Hamburg gebaut. Immer gab es zu Anfang Protest, aber nun lebe man friedlich nebeneinander. „Der Neubau in Pankow wird ein Schmuckstück für das Stadtviertel“, sagt der Imam, „ein Symbol für den Frieden.“

Die Standortwahl war Zufall. Erst später ist ihm aufgegangen: 120 Moscheen und muslimische Gebetsräume sind in Berlin offiziell registriert – und zwar alle im Westteil der Stadt. Die Pankower Moschee wäre die erste im Osten. Manche Heinersdorfer interpretieren die Standortwahl als Zeichen, dass die Gemeinde nun hier ihre Missionsarbeit starten will. Imam Tariq lächelt gequält und erklärt, dass schon der Begriff der Missionierung ein christlicher sei und man nun wirklich nicht vorhabe, die Heinersdorfer Bürger zum Übertritt zu gewinnen.

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