Zeitung Heute : Ein großer Bissen

Wie andere EU-Staaten Zahnarztkosten abrechnen

Martin Gehlen

Das kann teuer werden. Von 2005 an will Bernd Raffelhüschen, Mitglied der Rürup-Reformkommission, die Kassenleistungen für Zahnbehandlungen in jährlichen Schritten um zehn Prozent verringern. Vom Jahr 2014 an sollen sie dann ganz gestrichen werden – in den Ohren der Deutschen ein unerhörtes Anliegen. Doch nicht ganz: In anderen europäischen Ländern sind solche harten Sparregeln schon seit Jahren Realität. Für Zahnersatz gibt es in der Schweiz, aber auch in Italien, Norwegen, Dänemark sowie in den Neu-EU-Mitgliedsländern Polen, Ungarn und Tschechische Republik keinen Cent von den gesetzlichen Krankenkassen. In Belgien zahlen die Kassen nur noch an Menschen über 50 Jahre. In Finnland steht nur noch Kriegsveteranen eine kostenlose Behandlung zu.

Etwa die Hälfte der europäischen Länder verlangt – wie auch Deutschland – eine erhebliche Selbstbeteiligung der Patienten an den Kosten für Zahnersatz. Hierzulande sind es 50 Prozent, die sich auf 35 oder 40 Prozent verringern können, wenn der Patient regelmäßig zur Durchsicht seiner Zähne zum Zahnarzt gegangen ist. Niedriger, nämlich bei 25 bis 30 Prozent, liegt die Selbstbeteiligung in Griechenland, Österreich, Portugal und Frankreich.

Bei der normalen Karies-Behandlung sind die Leistungen der Gesundheitskassen in der Regel deutlich großzügiger. Viele europäische Länder verlangen bei Prophylaxe- und Routine-Untersuchungen keine Selbstbeteiligung. In Deutschland werden diese Kosten voll erstattet, genauso verfahren Belgien, Griechenland, Österreich und die Niederlande. In Norwegen, Schweden und Irland ist diese Behandlung zumindest für Personen frei, die jünger als 20 Jahre sind.

Aber auch hier gibt es inzwischen eine Reihe von Gesundheitssystemen, die eine gewisse Selbstbeteiligung der Patienten erwarten. In Luxemburg müssen sie 5 Prozent, in Großbritannien 20 Prozent, in Frankreich 30 Prozent, in Finnland 40 Prozent und in Dänemark 35 bis 60 Prozent der Behandlungskosten berappen. Noch höher liegt die Selbstbeteiligung in Norwegen und Schweden. Hier wie auch in Portugal und Italien steuert die gesetzliche Kasse oder die Gesundheitsverwaltung lediglich noch einen bescheidenen pauschalen Grundbetrag bei. In Irland, Norwegen und Schweden gehen alle Menschen über 20 Jahre leer aus. Einzig die Schweiz zahlt, bis auf die Schulzahnpflege, überhaupt nichts mehr.

Das Schweizer Gesundheitssystem ist darum in Europa der Vorreiter einer komplett privaten Zahnversorgung, wie sie von 2014 an auch dem Gesundheitsexperten Raffelhüschen vorschwebt. Und die Erfahrungen sind zwiespältig. Zwar ist nach Aussagen der Ärzte das Gesundheitsbewusstsein für die eigenen Zähne in der Bevölkerung gestiegen. 87 Prozent putzen sich zweimal am Tag die Zähne, fast jeder Zweite benutzt täglich Zahnseide. Die Schweizer tun, was sie können, um beim Zahnarztbesuch zu sparen. Der Erfolg kann sich sehen lassen. Innerhalb einer Generation ist Karies unter Kindern um mehr als 90 Prozent zurückgegangen. Das Gebiss eines Armeerekruten wies 1970 im Schnitt 20 Zähne auf, die schadhaft waren oder fehlten. Heute sind es nur noch vier.

Trotzdem sind die Gesundheitskosten in der Schweiz nach der Ausgliederung der Zahnkosten keineswegs gesunken. Nach den USA leisten sich die Eidgenossen heute das zweitteuerste Gesundheitswesen der Welt, auf dem dritten Platz gefolgt von Deutschland. Einer der Kostentreiber sind die privaten Zahnarztrechnungen. So kassiert ein Schweizer Mediziner für eine „eingehende Untersuchung“ mittlerweile die dreifache Summe wie sein deutscher Kollege. Eine Erfahrung, die ein Abgeordneter des Nationalrats mit den Worten kommentierte: „Unser jahrzehntelanges Realexperiment beweist, dass die Nichtübernahme von Leistungen nicht immer die Kosten senkt.“

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