Zeitung Heute : Ein Grundstein für mehr als ein Haus

GERD APPENZELLER

In Anwesenheit des Bundeskanzlers legen die Präsidenten des Bundesverbandes der Industrie, der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände und des Deutschen Industrie- und Handelstages den Grundstein für ein gemeinsames "Haus der Wirtschaft".VON GERD APPENZELLERDer lange Streit um den Umzug der Verfassungsorgane nach Berlin, das Taktieren um die Termine, schließlich die Debatte darüber, wer wo bleiben darf und wer wohin gehen muß, all das hat den Blick dafür verstellt, daß die Verlagerung des Hauptstadtsitzes von Bonn nach Berlin nicht nur eine politische Dimension hat.Blieben die Präsenz von Staatsoberhaupt, Parlament und Regierung die einzigen Insignien der neuen Würde, wäre damit bestenfalls ein deutscher Brasilia-Status erreicht - die Isolierung im märkischen Sand.Hauptstadtwerdung im Sinne dessen, was Berlin derzeit widerfährt oder was die Stadt selber initiiert, was sie mit sich geschehen läßt und gelegentlich mißmutig erduldet oder oft begeistert herbeisehnt, ist aber viel mehr, und das gilt sowohl für das einstige West-Berlin als auch für den Teil des wieder vereinten Gemeinwesens, der bis zum Herbst 1990 Hauptstadt der DDR war.Die Stadt macht, hier wie dort, eine Metamorphose durch, die wie jede Verwandlung an äußeren Zeichen erkennbar ist. Ein solches Zeichen wird heute gesetzt.In Anwesenheit des Bundeskanzlers - der die gleiche angenehme Bauherrenpflicht bereits absolviert hat - legen die Präsidenten des Bundesverbandes der Industrie, der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände und des Deutschen Industrie- und Handelstages den Grundstein für ein gemeinsames "Haus der Wirtschaft".Daß drei manchmal miteinander um die öffentliche Aufmerksamkeit konkurrierende Institutionen gemeinsam bauen, ist ein gutes, freilich nicht das wichtigste Zeichen. Kulturmetropole ist Berlin immer gewesen, dieseits und jenseits der Mauer.Aber als Wirtschaftsstandort spielte die Stadt nach dem Krieg nie wieder eine Rolle wie um die Jahrhundertwende, als sie mit den großen Namen der deutschen Industriegeschichte verbunden war.Auf der westlichen Seite der Mauer waren die Standortbedingungen schwer kalkulierbar, was auch im Nachhinein jenen hohes Lob einträgt, die sich in den Jahren der Not als Arbeitgeber nicht davongemacht haben.Im Ostteil der Stadt fehlte die Grundvoraussetzung - das politische System ließ sich mit einer freien Ökonomie nicht vereinbaren. Wenn die drei großen Wirtschaftsverbände nun an der Spree bauen und sich, was es bislang nicht gab, ein einziges Grundstück für dieses Vorhaben teilen, ist das also Resultat einer historischen und politischen Umwälzung.In Berlin kann man künftig nicht nur präsent sein, man muß es.Helmut Kohl, Hans-Olaf Henkel, Dieter Hundt und Hans Peter Stihl legen am heutigen 27.August 1997 nicht nur den Grundstein für ein Haus.Sie vollziehen einen symbolischen Akt mit Signalwirkung.Vom Umzug der Verfassungsorgane, und das macht eben die Dimension des Standortwechsels weit über die Politik hinaus deutlich, geht ein Sog aus.Wer für seine Verbandspolitik die Nähe zum Parlament und zu den Ministerien braucht, kann nicht auf Dauer in Bonn bleiben.Verbandsarbeit ist eine Dienstleistung.Die Spitzen der Wirtschaft stärken in Berlin also durch ihren Umzug genau jenen Sektor, den zu entwickeln eines der Ziele städtischer Politik ist. Natürlich würden die drei Spitzenverbände der Wirtschaft die Vermutung heftig zurückweisen, aus dem Platzwechsel von Bonn und Köln an den Mühlendamm im Berliner Bezirk Mitte könne auch eine veränderte Verbandspolitik erwachsen.Aber BDI, BDA und DIHT werden sich einem Einfluß nicht entziehen können, den jeder verspürt hat, der seinen Lebensmittelpunkt, aus welchen Gründen auch immer, in den letzten Jahren in die neuen Bundesländer oder nach Berlin verlegte.Wer jeden Tag mit den Problemen des Aufbaus, mit dieser Mischung aus Hoffnung und Resignation, konfrontiert wird, beginnt, andere Prioritäten zu setzen.Menschen bewegen sich gerne in festen Bahnen.Wenn sie gezwungen werden, die Laufrichtung zu ändern, entdecken sie, was ihnen bis dahin verborgen blieb. Die Entscheidung zum Neubau in Berlin ist, wenn das auch manchen hier enttäuschen mag, insgesamt weniger ein Liebesbeweis als ein Indiz für rationales Handeln.Dafür ist der Beschluß aber umso verläßlicher.Ob aus dem mit Verstand auf den Weg gebrachten Vorhaben auf Dauer eine Freundschafts- oder Liebesbeziehung wird, haben letztlich die Berliner selber in der Hand.

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