Zeitung Heute : Ein Hauch von Dolly

STEFANIE DÖRRE

Charité: "Der selbstgebaute Mensch", ein Abend am Schauplatz MuseumSTEFANIE DÖRREEin Schauder zuckt über den Rücken.Einst wurden Leichen im "Anatomischen Theater" der Charité geöffnet, um ihnen vor steil aufragenden Publikumsrängen die Geheimnisse des Lebens zu entreißen.Nun hat Nina Trobisch Texte zusammengesetzt, die den Wegen der Schöpfung nachgehen: Es werde Mensch - die Auswahl reicht von der Mythologie bis zum Science Fiction, sie zeigt Belesenheit, doch kein Konzept.Schwarze Bühne, eine flackernde Kerze.Nach göttlichem Ebenbild, liest Christian Brückner, formte Prometheus den Menschen, Athene hauchte dem Erdkloß Geist ein.Vom Bräutigam, den sich eine Kaufmannstochter aus Mandeln und Zucker bäckt, erzählt Giambattista Basile (1575-1632).Schnitt zur jüdischen Sage: Der stumme Golem entspringt dem Lehm, Buchstabenmystik vernichtet ihn.Zäsur durch die dunklen Klangkaskaden von Klaus Koch am Kontrabaß.Nun die Stimme der Wissenschaft: In einem gewärmten Glase entstehe aus Sperma der Miniaturmensch "Homunculus", schreibt der Forscher Paracelsus im 16.Jahrhundert.Dann: Werthers Klage, er fühle sich "wie eine Marionette".Ein Holzmann wird geköpft, weil er der Königin "lüstern zuzwinkert".Sozialisiert ist der Maschinenmensch nicht, eher gefährlich.Bei Ambrose Bierce (1842-1914) erwürgt das fehlgeschaltete Eisenmonster seinen Konstrukteur.Goethe zum zweiten: diesmal mit dem gern gehörten, aber hier deplazierten "Zauberlehrling".Bis Hermann Kasacks "Der Automat" in Aussicht stellt, durch einen Doppelgänger doppelt so viel Geld zu verdienen.Mit diesem Hauch vom Klonschaf Dolly sind wir aus dem Anatomischen Theater entlassen.

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