Zeitung Heute : Ein Haufen Energie

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Die Landesregierung von NRW will das Forschungszentrum Jülich wieder zu einem größeren Kernforschungsstandort machen. Wie verträgt sich das mit dem beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie?

Der Düsseldorfer Forschungsminister Andreas Pinkwart (FDP) hat angedeutet, er könne sich den Neubau eines Forschungsreaktors auf dem Gelände des Forschungszentrums Jülich vorstellen. In Jülich war in den 70er Jahren der Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) entwickelt worden. Mit dem Atomgesetz wäre ein solcher Neubau kaum zu vereinbaren. Zudem hat die Bundesregierung in der Energieforschung längst andere Schwerpunkte gelegt: Solarenergie, Brennstoffzelle oder Fusionsforschung – alles Felder, die im Forschungszentrum Jülich auch abgedeckt werden.

Ganz so hat Pinkwart es aber offenbar auch nicht gemeint. Es gehe nicht darum, einen neuen Forschungsreaktor zu bauen, sondern „die vorhandene Kompetenz in der Atomtechnologie zu erhalten und auszubauen“, sagt sein Sprecher Andre Zimmermann. Kernforschung wird in Deutschland noch in Karlsruhe und in Garching betrieben. In Jülich läuft die Kernforschung dagegen seit 20 Jahren aus. Angela Lindner, Sprecherin des Forschungszentrums, sagt, die letzte Arbeitsgruppe bestehe aus älteren Wissenschaftlern, die demnächst in den Ruhestand gingen. Der Etat gehe „gegen null“. So hätten es Bund und Land schon vor Jahren beschlossen. Der Bund finanziert das Forschungszentrum zu 90, das Land zu zehn Prozent. Da sei es Aufgabe des Forschungszentrums „im Auftrag der Gesellschaft“ zu forschen. Sollte Pinkwart wieder einen Schwerpunkt Atomforschung in Jülich wollen, müsste dafür „viel neues Geld in die Hand genommen werden, denn das Forschungsfeld ist nicht mehr vorhanden“.

Hochtemperaturreaktoren zeichnen sich durch einen sparsamen Uranverbrauch und geringe Abwärme aus. Der primäre Spaltstoff ist Uran-235. Daneben tragen erbrütete Spaltstoffe zur Energieerzeugung bei. Beim Thorium-Hochtemperaturreaktor wird Uran-233 als Kernbrennstoff aus Thorium-232 hergestellt. Die vorherrschende Bauform ist der Kugelhaufenreaktor. In tennisballgroße Graphitkugeln, die im Reaktorkern angehäuft sind, ist Thorium und Uran eingebettet. Das Graphit dient als Moderator. Gekühlt wird mit Helium. Der THTR gilt als vergleichsweise sicherer Reaktortyp.

Eine moderne Form ist der PBMR (Pebble Bed Modular Reactor). Diese Minireaktoren enthalten etwa 450 000 mit Graphit beschichtete Kugeln, in die schwach angereicherte Uranpartikel eingeschlossen sind.

An diesem Reaktortyp arbeiten unter anderen deutsche Unternehmen, beispielsweise RWE Nukem, sowie das Forschungszentrum MIT (Massachussetts Institute of Technology) in Japan, China, Indonesien oder Südafrika.

Die Entwicklung geht generell in Richtung kleinerer Reaktoren, die dezentral gebaut werden. Das hat den Vorteil, dass einzelne Reaktoren weniger gefährliches Potenzial enthalten und billiger herzustellen sind. So plant der halbstaatliche südafrikanische Energiekonzern Eskom den Bau von mehr als 20 solcher kleiner Kugelhaufenreaktoren.

Das Experiment in Deutschland war weniger erfolgreich. Der THTR in Hamm- Uentrop ging 1987 ans Netz und wurde zwei Jahre später stillgelegt. 1986 kam es zu einem Unfall, bei dem radioaktive Aerosole entwichen. Der Reaktor kostete die Steuerzahler zwei Milliarden Euro Baukosten und bis heute jedes Jahr 6,5 Millionen Euro „Betriebskosten“. Vor 2009 kann der THTR wegen seines strahlenden Inhalts nicht abgerissen werden.

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