Zeitung Heute : Ein Haus, ein Reich, eine Brille

SILVIA HALLENSLEBEN

Geradezu unheimlich sympathisch: "Men in Black" spielt virtuos mit der Angst vor dem FremdenVON SILVIA HALLENSLEBENNormalerweise haben Filmkritiker morgens zwischen zehn und elf im Kino zu sein.Frisch geduscht und gestärkt durch ein spendiertes Päppchen dünnen Kaffeetrunkes verrichten wir fleißig und aufmerksam unseren Dienst.Neuerdings aber werden wir immer öfter abends, nein, nachts, ins Kino zitiert.Statt Kaffee gibt es Alkoholisches, und statt der erlesenen Schar von Kollegen werden ganze Oberschuljahrgänge geladen, um die mitunter recht dröge Pressestimmung anzuheizen.Für die Schulklassen zumindest funktioniert das: Es wird schon gejohlt, bevor sich der Vorhang überhaupt öffnet, danach sowieso. Kritikerarroganz? Nun, Dienst ist Dienst.Und das alles, der Alkohol, die späte Stunde, die Atmosphäre angestrengter Zerstreuung, kann wohl die Stimmung heben, trübt aber Kritik- und Erinnerungsvermögen.Also werden solcherart Filme beworben, die man sich vielleicht besser gar nicht mit allzu klarem Kopf ansehen sollte? "Anaconda" wäre ein Beispiel, "Speed 2" oder auch "Mr.Bean". Auch die Pressevorführung von "Men in Black" fand zu nachtschlafender Stunde statt.Die anwesenden PR-Menschen durften ihre Ray-Ban-Brillen erst nach Erlöschen der Saalbeleuchtung ablegen.Inszenierung von Mundpropaganda wäre ein Stichwort hierfür, künstlich generierter Kultstatus und Corporate Identity: Auf der "Wir über uns"-Seite von Columbia-Tri-Star im Internet muß sich das komplette Team, vom Topmanager bis zur biederen Sachbearbeiterin, entsprechend präsentieren.Ein Haus, ein Reich, eine Brille.Schließlich eilt diesem Film ein Ruf voraus. 90 Millionen Dollar hat "Men in Black" gekostet, etwa 84 Millionen hat er am allesentscheidenden Eröffnungswochenende Anfang Juli in den USA eingespielt.Das sieht nach Erfolg aus, und als kritische Kulturkritikerin möchte man diesen Film dafür hassen.Doch es hilft nichts: "Men in Black" ist ein sympathischer Film.Kein Meisterwerk, aber gelungen, witzig, vor allem aber dies: geradezu unheimlich sympathisch.Woher rührt das Wohlgefühl, das dieser Film mitgibt? Ist es nur der billige Mithaß-Effekt, der uns - eine Blitzeinstellung am Ende macht es präsent - Großköpfe aus "Medien und Politik" (Michael Jackson, Sylvester Stallone und Newt Gingrich konnte ich auf die Schnelle ausmachen) als dreckige Aliens zum Fraß vorwirft? Sympathisch? Ein Film, in dem quallenartige Schleimbrocken von Mega-MGs zerfetzt werden? "Men in Black" ist ein Science-Fiction-Film, der den uralten Mythos von der großen Weltverschwörung und ihren Agenten mit der Idee des Paralleluniversums zusammenbringt und verschmilzt.Dabei trägt er, wie heutzutage jeder bessere Genre-Film, ein gehöriges Maß an Selbstreferentialität mit sich herum.Analytiker wußten es schon immer, und auch eher naive Kinogucker ahnten, daß sich hinter all den Aliens und grünen Fastmenschen etwas zutiefst Irdisches verbarg: Die Angst vor dem Fremden - deutet man sie nun geopolitisch, bevölkerungspolitisch, ordnungspolitisch oder psychoanalytisch - treibt diese Filme an. In "Men in Black" nun ist dieses Szenario bis zur Überzeichnung kenntlich.Die Welt ist Amerika, Manhattan Schalt- und Schwachpunkt, Einfallort der Außerirdischen; im Zentrum eine Geheimbehörde, eben die M.I.B, die klammheimlich operiert.Ihre Schaltstelle sieht aus wie Einwanderungsbehörde und Flughafen zugleich.M.I.B.sind superelitär, müssen dafür aber auf jede eigene Identität verzichten.Das kann ganz schön hart sein.Und als Spezialtruppe der Einwanderungspolizei stehen sie natürlich im Kontrast zu den normalen Ordnungsbehörden. Die Aliens selbst, im Gegensatz zu "Independence Day" kriegt man sie hier ausgiebigst zu sehen, mischen seit den frühen Sechzigern in unserem Leben mit.Manche kommen als artig versklavte Hausschaben daher, andere sind voller Glibber und Schleim und Tausenbeinchen, andere tarnen ihre ekligen Insektenkörper unter menschlicher Haut.Wie würden Sie reagieren, wenn Sie von einem freundlichen Beamten in die Kaffeeküche gebeten würden, wo ein paar langbeinige Echsentierchen brav die Hausarbeit tun? Neidisch? Von den Pinschern bis zu den Ratten und Schmeißfliegen, von mindestens Strauß bis Landowsky: Es ist nur konsequent, wenn sie endlich auch einmal im Kino auftauchen, in kosmische Dimensionen gebeamt: "The Scum of the Universe", der Abschaum des Universums. Die Handlung in diesem Film ist zu vernachlässigen.Die Sprüche sind wirklich komisch, die Ausstattung himmlisch, irgendwo muß ja das ganze Geld geblieben sein.War "Mars Attacks" eine bissige, quasi-parodistische Antwort auf den unsäglichen "I.D.", so konfrontiert "M.I.B." das Genre mit jener kindsköpfigen Veralberung, die Pathos in sich zusammensacken läßt.Am schönsten zeigt sich das in der Besetzung, die den Haudegen Tommy Lee Jones ausgerechnet mit Will Smith zusammenbringt, der in "I.D." den patriotischen schwarzen G.I.mimen mußte.Hier ist er ein hyperintelligentes Nervenbündel.Als Comic-Figuren lassen sich selbst Buddies ertragen. Hollywood ist kein Monolith, sondern - gerade im Sci-Fi-Genre - ein großer Spielplatz.Da gibt es nette und böse Buben.Warten Sie nur, bis Emmerich sein Godzilla-Remake auf uns losläßt! "Men in Black" ist auf 27 (!) Berliner Leinwänden zu sehen.Originalfassung in der Kurbel und im Odeon.

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