Zeitung Heute : Ein Haydn-Spaß

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Wer schreibt, muss lesen, hat die Gräfin Dönhoff einmal gesagt. Ein kluger Satz, aber vertrackt. Denn wer schreibt, hat wenig Zeit zum Lesen. Wer schreibt und die gräflich-ostpreußische Disziplin nicht kennt, der liest bestenfalls noch quer, der überfliegt, dem gerinnt jede Lektüre zu Buchstabenklein, seiten-, zeitungs-, bücherweise. Ein Lump, wer anderes behauptet. Mir jedenfalls geht es so, und ich leide darunter wie eine Hündin. Es kommt aber auch vor, dass ich, um bei der Zeitungslektüre zu bleiben, einen Artikel ganz lese. Und bisweilen sind es sogar zwei, zwei ganze. Letzte Woche etwa lernte ich im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ die Internationale Gesellschaft für Humorstudien kennen (Überschrift: „Ho ho ho“). Was Humor ist, so der Text, wissen die ehrenwerten Mitglieder dieser ehrenwerten Gesellschaft bis heute nicht: Der eine wirft sich von klein auf und bei jeder Gelegenheit weg vor Lachen, der andere verzieht lebenslang keine Miene. Schicksal? Erziehung? Die Gene?

Womit ich 1. beim Thema wäre, dem Humor in der Musik, und 2. bei dem zweiten von mir ganz gelesenen Artikel. Dieser findet sich im März-Heft der Schweizer Zeitschrift „Du“, stammt, was die Sache ein wenig heikel macht, aus der Feder eines Kollegen und beschäftigt sich mit dem so genannten „Gute-Laune-Imperativ“. Herr Wilson (nein, nicht Bob) beschreibt da, wie er einmal in einem Ferienflieger nach Spanien saß, und alle außer ihm es mächtig bärig lustig hatten. Und dann beschreibt er noch, wie sehr er sich über meine Neue-Musik-Kolumne geärgert habe, die im Herbst (!) in einer Veröffentlichung des Frankfurter Ensemble Modern erschien, und dass ich mit „Holzhammerschlägen auf einen Pappkameraden“ einhauen würde, und dass Sinnlichkeit, ha, im Kopf stattfinde, und dass das Neue – „die filigranen Klangtexturen eines Salvatore Sciarrino, die popkompatiblen Pulsmusiken eines Steve Reich“ – das Hirn nun einmal anstrengen müsse.

Hm. Eigentlich hatte ich in der Kolumne ja bloß gefragt, warum es bei unseren lebenden Komponisten so verdammt wenig zu lachen gibt. Das wiederum weiß Herr Wilson auch nicht. Hatte Haydn keinen Humor? Machte Mozart sich keinen Mordsspaß? Saß Schubert nie der Schalk im Nacken? Einige jener lebenden Trauerklöße übrigens haben mich seinerzeit sogar angerufen, um mich ihrer ausdrücklichen Zustimmung in Sachen Humor zu versichern. Wir haben dann gleich ein bisschen Lachen miteinander geübt. Teilweise ging das richtig gut. Und ich glaube, lieber Herr Wilson, das wäre auch etwas für Sie. Es ist nämlich gar nicht so schwer, probieren Sie’s doch einfach mal, tiiief Luft holen und: Ho ho ho.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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