Zeitung Heute : Ein Heiliger für zwei Gotteshäuser

Seit 25 Jahren gräbt Dorothée Sack im Norden Syriens die christlich-muslimische Ruinenstadt Resafa aus

Sybille Nitsche

Es ist keine Fata Morgana, sondern ein leibhaftiges Kamel, das im Juni 2007 gemächlich durch Berlin trabt. Zwischen den beiden Höckern sitzt Dorothée Sack und lässt sich im Rhythmus des Passganges sanft hin- und herschaukeln. Der Kamelritt über die Straße des 17. Juni ist ein Geschenk der Kollegen zu ihrem 60. Geburtstag. Den hatte Dorothée Sack zwar schon einen Monat zuvor begangen, mit einer stilechten „Hafle“, einem Beduinenfest, jedoch ohne Kamele und weit weg von Deutschland, in der syrischen Wüste: in Resafa.

Nicht von ungefähr. Denn die Ruinenstadt im Norden Syriens hat ihre wissenschaftliche Laufbahn geprägt. Seit 25 Jahren gräbt sie dort nach den Geheimnissen dieser untergegangenen Stadt. Und mindesten vier Jahre werden hinzu kommen. Denn das Deutsche Archäologische Institut (DAI) hat der Professorin für historische Bauforschung die Grabungsleitung in Resafa übertragen und damit die Verantwortung für ein Vorhaben, bei dem bis 2011 alle bisherigen Einzeluntersuchungen zur Geschichte der Stadt und ihres Umlandes wie bei einem Puzzle zusammengefügt werden sollen.

400 Jahre war Resafa vergessen. 1269 hatten die letzten Bewohner die Stadt verlassen. Erst 1691 entdeckten englische Kaufleute die Siedlung wieder. Und noch einmal 200 Jahre sollten vergehen, bis deutsche Forscher 1907 mit ersten Grabungen begannen. Seit 1952 wird die aus weißem Gipsstein erbaute Stadt systematisch untersucht. „Resafa“, sagt Dorothée Sack, „ist mit fünf fantastisch erhaltenen christlichen Kirchen, der großen Moschee, unterirdischen Zisternen, der monumentalen Stadtmauer und der Kalifenresidenz eine der bedeutendsten Ruinenstätten Syriens. Anhand dieser Zeugnisse können wir in Resafa den Übergang von der Spätantike zum frühen Islam wie in einem Brennglas verfolgen.“

Begonnen hat Resafas Geschichte kurz nach der Zeitenwende. In der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts entstand die Siedlung als römisches Kastell am östlichen Limes, wo das Römische Reich gegen den Ansturm der Perser verteidigt wurde. „Als 303 n. Chr. der römische Offizier Sergios in oder bei Resafa wegen seines christlichen Glaubens gefoltert wurde, also sein Martyrium erlitt, wurde sein Grab alsbald Ziel einer berühmten Wallfahrt. Resafa, auch Sergiupolis genannt, entwickelte sich im 5. und 6. Jahrhundert zu einer der wichtigsten christlichen Pilgerstätten im östlichen Mittelmeerraum“, erzählt Dorothée Sack. „Aber Sergios wurde nicht nur von den Christen verehrt, sondern auch von den Muslimen.“ Die Araber eroberten die Region um 636. Rund 90 Jahre später ließ der Kalif Hisham b. Abd al-Malik in Resafa in unmittelbarer Nachbarschaft zur christlichen Basilika, in der Sergios Reliquien aufbewahrt wurden, eine Moschee erbauen.

Diese Moschee hat Dorothée Sack jahrelang untersucht. Dabei machte sie 1985 einen höchst erstaunlichen Fund: Sie stieß auf einen Türsturz mit einer griechischen Inschrift, die nahe legte, dass die Basilika nicht 559 gebaut wurde, sondern schon 70 Jahre früher. Mit dieser Entdeckung war die bis dahin geltende Datierung hinfällig.

„Die Moschee“, sagt Sack, „ist zum einen wahrscheinlich der einzig bisher bekannte islamische Kultplatz, der zusammen mit der benachbarten christlichen Kirche in Benutzung war.“ Zum anderen sei sie auch baulich eine Besonderheit. „Aufgrund des von Hohlräumen durchzogenen Untergrundes wurde erstmals eine statisch einfachere Bauform umgesetzt, als es für Moscheen in der Herrschaftszeit der Umaiyden, der ersten islamischen Dynastie, die von 661 bis 750 regierte, üblich war.“ Deshalb komme dieser Moschee innerhalb der Entwicklungsgeschichte des frühislamischen Moscheenbaus eine Schlüsselrolle zu.

Aber noch etwas macht Basilika und Moschee so außergewöhnlich: Dass die beiden Gotteshäuser nebeneinander standen, führte nicht dazu, die religiösen Handlungen zu verlegen oder gar einzustellen. „In der Moschee befindet sich eine Tür, die auf den Nordhof der Kirche führt und eine Verbindung zum Kultkomplex der Sergios-Verehrung herstellt“, erläutert Sack. Beide Gotteshäuser waren also gleichzeitig in Betrieb, bis Resafa in Folge der Mongoleneinfälle 1269 für immer aufgegeben wurde.

Warum aber ließ der Kalif die Basilika nicht abreißen und setzte seine Moschee auf deren Grund? Ein Zeichen von religiöser Toleranz? „Wohl eher von Pragmatismus“, mutmaßt die Forscherin. In Damaskus habe damals der Bau der Großen Moschee an der Stelle einer Kirche zu einem 50-jährigen Rechtsstreit geführt. „Das wollte Hisham sich wohl nicht aufhalsen.“

Der Kalif baute aber nicht nur eine Moschee zur Verehrung des heiligen Sergios, sondern kürte Resafa auch zu seiner Residenz und errichtete mehrere Paläste und Nebengebäude. Sie lagen außerhalb der imposanten Stadtmauer, einer zwei Kilometer langen, bis zu zehn Meter hohen Befestigungsanlage, die heute noch zu bewundern ist.

Bereits 1983 war Dorothée Sack vom Deutschen Archäologischen Institut die Untersuchung dieses Areals übertragen worden. Seit 2006 wird diese von der Fritz-Thyssen-Stiftung finanziert. Sacks Forschungen haben maßgeblich dazu beigetragen, Resafa nicht nur als christliche, sondern auch als muslimische Pilgerstadt und darüber hinaus auch als Kalifenresidenz bekannt zu machen.

„In den kommenden Jahren wollen wir Resafa als zusammenhängendes Siedlungsgebiet untersuchen, um eine archäologische Karte zu erstellen. Anhand dieser Karte werden wir exakt sagen können, wie die Stadt in der Spätantike aussah und wie sich ihr Aussehen und das des Umlandes mit der Ansiedlung des Kalifen veränderte, wie also aus der christlich geprägten Stadt eine islamische wurde“, erklärt Sack ihre Pläne.

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