Zeitung Heute : Ein Heim ist ein Zuhause

Die Zahl der Pflegebedürftigen wächst und Fachkräfte sind rar. Das Fehlverhalten Einzelner belastet das Ansehen der Branche. Was macht gute Qualität aus?

Wie aus dem Bilderbuch. So schön und harmonisch sollte es in Pflegeheimen zugehen: Pfleger, Angehörige, Heimleiter sind ein Team, und der Bewohner steht – oder sitzt – im Mittelpunkt. Foto: Robert Kneschke/randstad/fotolia
Wie aus dem Bilderbuch. So schön und harmonisch sollte es in Pflegeheimen zugehen: Pfleger, Angehörige, Heimleiter sind ein Team,...

Schon heute leben in Berlin mehr als 100 000 pflegebedürftige Menschen, im Jahr 2030 werden es nach Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung doppelt so viele sein. Denn die geburtenstarken Jahrgänge kommen erst noch, die dann – mehr oder weniger – auch wegen körperlicher, seelischer oder geistiger Beeinträchtigungen auf Hilfe Dritter angewiesen sein werden: Laut Statistischem Bundesamt wird die Zahl der Pflegebedürftigen bundesweit von 2,5 Millionen im Jahr 2011 auf 3,4 Millionen bis 2030 steigen.

Das Gesundheitssystem hat sich darauf noch nicht eingestellt. Kümmerten sich 2011 noch 952 000 stationäre und ambulante Pflegekräfte um die Belange älterer Menschen, werden 2030 bereits 500 000 Fachkräfte fehlen. Die Gründe: Es gibt immer mehr alte Menschen, gleichzeitig sind die Ausbildungszahlen rückläufig – auch eine Folge des schlechten Ansehens der Pflegeberufe.

Die Heimleitungen leiden unter dem rüden Fehlverhalten einzelner Pfleger, weil sie sich zu Unrecht wie ein Schatten auf die gesamte Branche legen. In einem aktuellen Fall ist sogar mit Video dokumentiert, wie eine Pflegerin in Bremen eine demenzkranke Schutzbefohlene an den Haaren gezogen und geschubst hat. Diese Handlungen und Bilder schmerzen nicht nur die Betroffenen und Heimaufsichten, sondern vor allem die Angehörigen. Ihnen fällt es schon schwer genug, das passende Pflegeheim für Vater oder Mutter zu finden. Die Suche steht häufig unter einem großen Zeitdruck. „Im Schnitt schauen sich Angehörige etwa drei Heime an, bevor sie sich entscheiden“, sagt Ralf Suhr, Vorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege.

Um eine gute Einrichtung zu finden, hilft der sogenannte Pflege- Tüv nicht richtig weiter, ist aus den Chefetagen der Pflegeheime hinter vorgehaltener Hand zu hören: „So ein Heim ist ja keine Autowaschanlage.“ Außerdem könne der „Pflege-Tüv“ der Arbeit gar nicht gerecht werden – die Qualität sei über ein Notensystem nicht messbar. „Wenn praktisch alle Heime mit Bestnoten abschneiden, dann stimmt angesichts offenkundiger Missstände bei der Pflege etwas nicht mit den Bewertungskriterien“, sagt dazu der Chef der Senioren-Union, Otto Wulff. Wie aber ist die Qualität dann messbar – und im Idealfall zu verbessern? Die medizinischen Leitungen in den Pflegeheimen klagen vor allem über den Personalschlüssel, dessen Richtwerte sich seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 nicht geändert haben: Auf vier Bewohner der Pflegestufe I soll eine Pflegekraft kommen, auf 2,5 Bewohner in der Stufe II eine Kraft, auf 1,8 Bewohner der Stufe III eine Kraft. So weit die Theorie, die in der Praxis des jeweiligen Heimbetreibers aber unterschiedlich gehandhabt wird.

Unter diesen Vorzeichen kann es bei der Heimsuche von Nutzen sein, nach der Zahl der Pfleger und Pflegerinnen sowie nach deren Ausbildung zu fragen. Wichtiger fast noch als das Gespräch mit den Heimaufsichten ist der persönliche Eindruck: Sieht es aus wie in einem Museum of Modern Art – oder gar wie in einem altertümlichen Museum? Beides wäre wohl als Negativkriterium zu werten: Wer fühlt sich schon in einem Museum wohl? Die entscheidenden Fragen bei der Auswahl dürften daher lauten: Bietet dieses Heim ein spürbares Zuhause? Wie entspannt sind Pflegepersonal und Bewohner? Riecht es gut? Wird Wert auf individuelle Kleidung und ein gepflegtes Außeres der Bewohner gelegt?

Angehörige nehmen sich am besten mindestens eine Stunde Zeit, um diesen Themen auch im Gespräch mit Heimleitung und Pflegern nachzugehen. Eine gute Informationsquelle ist zudem der Heimbeirat – ihm gehören Angehörige und Bewohner an. So lässt sich herausfinden, ob die angepriesenen Leistungen – häufig durch Zertifikate ausgewiesen – auch tatsächlich umgesetzt werden.

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