Zeitung Heute : Ein Herz für die Niere

Besuch beim Entdecker des Leichensezierers von Hagens

Esther Kogelboom[Heidelberg]

Von Esther Kogelboom,

Heidelberg

Hier hat er angeklopft, sagt Professor Kriz. Er zeigt auf die Tür seines von Morgensonne durchfluteten Büros im zweiten Stock der Heidelberger Anatomie. Hier trat der Anästhesist Doktor von Hagens herein und fragte nach einer Assistentenstelle. Die 70er Jahre waren goldene Zeiten an der Ruprecht-Karls-Universität. Kriz und seine Kollegen haben alle ihre WunschGerätschaften und -Instrumente in den kantigen Neubau schaffen lassen, sie konnten losforschen. Alles, was er wollte, hat Wilhelm Kriz bekommen. Auch Gunther von Hagens, den wissbegierigen jungen Mann um die 30 mit dem übergroßen Interesse an Anatomie.

Der macht inzwischen mehr von sich Reden als Professor Kriz, sein Institut und vielleicht sogar die ganze Heidelberger Universität zusammen. Doch Kriz, 66 Jahre alt, war es, der die Voraussetzung für von Hagens’ Tun schuf. „Der hatte im Leichenbereich im Grunde das Sagen“, sagt er und lächelt so nachsichtig, als erinnere er sich an einen besonders gelungenen Kindergeburtstag.

Vier Wochen ist es her, und es war das erste Mal seit 150 Jahren, dass in London eine Autopsie vor Publikum stattgefunden hat. 500 Leute hatten Eintrittskarten gekauft, um zu sehen, wie von Hagens mit einem gekonnten Y-Schnitt die Organe eines 72 Jahre alten Mannes freilegt. Im Frühjahr will er auch in München öffentlich eine Leiche aufschneiden. Und viele, die etwas zu sagen haben, sind dagegen: die Internationale Anatomische Gesellschaft zum Beispiel. Die Deutsche Hospiz Stiftung, der EU-Parlaments-Vizechef, die Kirchen. Am Montag sollten die Münchner Stadträte entscheiden, ob von Hagens die Sektion vornehmen darf oder nicht. Doch dann vertagten sie sich wegen rechtlicher Unklarheiten auf Ende Januar.

Ein Außenseiter sei er gewesen, einer, der im Untergeschoss der Heidelberger Anatomie sein Ding durchzog, sagt Kriz. Stets umringt von einer Gruppe Studenten. Vor zwei Jahrzehnten zum ersten Mal, endlich nach all den Ratten-Organen, sollte er eine menschliche Niere in halbmillimeterdünne Scheiben schneiden und präparieren. Eingegossen in und durchdrungen von Plastik ging das leichter. Der erste Schritt in Richtung Plastination war getan. Vom winzig kleinen Gehörknöchelchen bis zur ersten plastinierten Männerleiche steht heute alles in den blank geputzten Vitrinen, was der menschliche Körper hergibt. Im Erdgeschoss steht neben plastinierten Rindernieren ein Weihnachtsbaum.

Kriz war dabei, als die Uni einmal einen Tag der Offenen Tür veranstaltete, die Laien mit offenem Mund vor einem Muskelmann seines Schüler stehen blieben und sich gegenseitig in die Eingeweide knufften. „Ich ahnte, was er vorhat“, sagt Kriz, blinzelt in die Sonne, streckt sich lang und lässt sich in seinen Sessel zurücksinken.

Den Werdegang des dünnen Mannes mit den tief liegenden Augen, dessen Markenzeichen der schwarze Schlapphut ist, verfolgten die Heidelberger Anatomen mit milder Kritik. Irgendwann kam er nur noch mit Hut. Von Hagens sagte neulich dazu der Illustrierten „Bunte“: „Wenn sie Rembrandts Gemälde ,Die Anatomie des Dr. Tulp’ sehen, erkennen sie, dass der einen schwarzen Hut aufhat.“ Kriz war noch nie in der „Bunten“. Ihm sei die Aufmerksamkeit des Fachpublikums lieber, sagt er. Ach was, wir haben hier nicht das Gefühl in seinem Schatten zu stehen. Im Flur des Instituts hängen Plakate der Ausstellungen des Schülers. Klar, ein bisschen stolz sei man auf ihn.

Von Hagens wurde Gastprofessor an der Universität von Dalian, China, und 1999 Ehrenprofessor der Medizinischen Akademie von Bischek, Kirgisien. Professor Kriz forschte unterdessen über die Niere. „Ich will herausfinden, welche Mechanismen dazu führen, dass die Niere chronisch versagt“, erklärt er, und Entschlossenheit blitzt auf in seinem Blick. Die Herausforderung überhaupt in der Nierenkunde sei das, wenn nicht sogar die Herausforderung des 21.Jahrhunderts. Blutwäschen sind teuer, eine große Belastung für das Gesundheitssystem. Der illegale Organhandel boomt. Kriz’ Ton wird lebhaft, er erhebt sich und holt einen Kaffee.

Gunther von Hagens lebt jetzt die meiste Zeit weit weg von Heidelberg, in Bischek. Er komme nicht mehr oft zu Besuch. Und wenn, dann machten die beiden ein paar hilflose Scherze. Viel zu sagen hätten sie sich nicht.

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