Zeitung Heute : Ein Herz in Aufruhr

Beate Simon

Ich leben in einer Familie, die nur so tut, als ob sie lebt." Für Marcel, von romantischen Mädchen Marcello genannt, ist in der Familie nichts mehr wie es einmal war, seitdem sein älterer Bruder Leo tödlich verunglückte. Der französische Autor und Filmkritiker Christophe Honoré erzählt von den starken Gefühlen eines 14jährigen Heranwachsenden, der dem Tod seines Bruders und dessen Spuren im Familienalltag nachgeht.

Es ist dieses "nie mehr" was alles so verändert hat. Nie mehr wurden Ostereier im Garten versteckt. Nie mehr hat die Mutter in ihrem komischen afrikanischen Hausmantel um zwei Uhr nachts Schokoladenkuchen gebacken, einfach so, zum Spaß. Jeder geht anders mit dieser Katastrophe um, der Vater eine blasse Figur, eher pragmatisch, die beiden großen Brüder Pierrot und Tristan leben in ihren eigenen Welten und die Lebensweisheiten der Großmutter, dass das Leben einen bescheiden werden lässt, reizen Marcel nicht zum Erwachsen werden.

Die Mutter hat einen Liebhaber, und Marcel kreist um ein neues Thema: Betrug, Verrat und die Selbstständigkeit eines eigenen Lebens. Mit seiner ersten Liebe, einem Mädchen noch aus Kindergartenzeiten, kann er über "die Liebe und all das" sprechen.

Eine Familie funktioniert, wenn sie ihre Angehörigen in existentiellen Krisen auffängt und stützt. In Marcels Familie ist jeder mit sich beschäftigt. Nachts geht man den eigentlichen Dingen und Gefühlen nach. Marcel geht nachts in das Zimmer von Leo, in dem nichts verändert wurde und liest in den Liebesbriefen von Leos Freund Aymeric, der so gut schreiben kann. Marcel verfasst selbst Gedichte, wenn es sein muss, auch auf dem Badewannenrand bei laufendem Wasser.

Weihnachten, als die Familie zusammenkommt, wird zur Generalabrechnung. Marcel konfrontiert die andern mit seinem tiefsten Gefühl: "Hier stinkt es nach Tod... Ihr seid gestorben, als Leo gestorben ist und ihr wollt die ganze Welt mit euch begraben." Nach Leos Tod war die Angst da und Marcel will sie bewältigen. Er sucht und findet den Liebhaber seines Bruders und kann dessen Aids-Erkrankung, der eigentlichen Todesursache, klarer begegnen.

Marcel zeigt seine verwirrenden und schmerzhaften Gefühle, er bricht die Verdrängung in der Familie auf, die Tabuisierung der Aids-Erkrankung von Leo und die Vermeidung und Unterdrückung der Trauerarbeit. Es geht ihm um die Berechtigung echter Gefühle und authentischer Entscheidungen, auch die der Mutter, sich in ihr Leben zu begeben. Marcel besteht auf dem eigenen Leben. Der Autor hat in ihm eine starke und intensive Figur geschaffen, die sich durch Abgründe bewegt und der man zutraut, ins Freie zu kommen.

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