Zeitung Heute : Ein himmlischer Frieden

„Das hilft bei der Karriere“, sagen viele Studenten und treten in die KP ein. Das Tiananmen-Massaker von 1989 interessiert keinen mehr

Harald Maass[Peking]

Gelangweilt sitzen Hu und Tian auf dem Stockbett, ihr Blick ist auf den Computermonitor in der Mitte des Raumes gerichtet. Hus Oberkörper ist nackt. Die Luft riecht so, wie man es in einem Wohnheimzimmer mit vier jungen Männern erwartet. Auf den Tischen stapeln sich Bücher, Cola-Dosen und CD-Hüllen.

So ähnlich muss es damals ausgesehen haben, im Frühjahr des Jahres 1989. In den Wohnheimzimmern standen die gleichen blauen Stockbetten aus Metall, die schmalen Schultische aus Holz. Die meisten Studenten der Pekinger Normal Universität waren damals auf dem Tiananmen, dem Platz des Himmlischen Friedens. Hunderttausende demonstrierten für mehr Freiheit und gegen die KP-Herrschaft. Ein Bett war damals fast immer leer. Bis 1989 wohnte hier in Zimmer 339 des Wohnheimes der Studentenführer und spätere Staatsfeind Wuer Kaixi. „Da unten hat er geschlafen“, sagt der Student Meng und deutet auf das Bett, auf dem Hu und Tian sitzen.

Die blutige Niederschlagung der Demonstrationen von 1989 ist in China bis heute ein Tabu. Ein dunkles Kapitel, über das kaum jemand spricht und das trotzdem auf dem Land lastet. „Liu Si“ nennen es die Chinesen – „Sechs Vier“, die Kurzform des 4. Juni. An dem Tag vor 15 Jahren schickte die KP-Führung die Armee gegen die friedlich demonstrierenden Studenten. In den Morgenstunden überrollten Panzer die Barrikaden. Junge Bauernsoldaten, von denen viele zum ersten Mal in der Hauptstadt waren, schossen mit Maschinengewehren in die Menge. Einige Hundert, vielleicht sogar Tausende wurden getötet. „Eine schwarze Sonne erschien am Himmel meines Heimatlandes“, sagte Wuer Kaixi später.  

Das monotone Geräusch von Bällen, die auf Beton aufprallen, dringt durch die Dämmerung. Studenten spielen vor dem Wohnheim Basketball. „Was vorbei ist, ist vorbei“, sagt der Geografiestudent Liu über das Massaker 1989. „China ist heute viel offener. So etwas wird sich nicht wiederholen.“ Der schlanke 21-Jährige trägt ein amerikanisches Basketball-T-Shirt. Er spricht leise, blickt zwischendurch über die Schulter nach hinten. Mit einem ausländischen Reporter über Politik zu reden ist in China noch immer riskant. Obwohl in der Schule oder auf der Uni nie über den 4. Juni gesprochen wurde, kennt Liu aus dem Staatsfernsehen und den Zeitungen die offizielle Linie. „Die Regierung sagt, dass es eine Konterrevolution war“, erklärt er. Wie alle Studenten musste Liu vor Studienbeginn einen einmonatigen Militärkurs absolvieren. „Wenn die Regierung nicht eingegriffen hätte, wäre China im Chaos versunken“, sagt Liu. 

Die Pekinger Normal Universität im Norden der Hauptstadt gehört zu Chinas Elitehochschulen. 13000 Studenten, ausgewählt aus den Besten des Landes, studieren hier. Der Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre hat auch auf dem Campus seine Spuren hinterlassen. Zur 100-Jahr-Feier der Universität wurde 2002 ein neues siebenstöckiges Verwaltungsgebäude errichtet. Vergangenes Jahr kamen fünf neue Studentenwohnheime mit je 20 Stockwerken hinzu. Abends sieht man junge Paare, die zu McDonald’s am Südeingang spazieren.

Im nordwestlichen Wohnheim, einem von Bäumen umgebenen Plattenbau, scheint die Zeit jedoch stehen geblieben zu sein. Die Wände tragen das gleiche Mintgrün, in dem früher alle öffentlichen Gebäude in China gestrichen wurden. Abends stehen die Studenten in Shorts vor den Gemeinschaftsbädern Schlange, um einmal am Tag heißes Wasser abzubekommen. Neu sind nur die Leuchtkästen, die im Treppenhaus an jedem Stockwerk angebracht wurden – Werbung für den China-Dienst von Yahoo. „Die Miete ist hier billiger als in den neuen Wohnheimen“, sagt der 19-jährige Hu, der wie Tian im ersten Jahr Lehramt studiert. Für ein Bett in dem  zwölf Quadratmeter großen Zimmer, das sie zur viert bewohnen, zahlen sie  650 Yuan Miete im Jahr – 65 Euro. Der Internetanschluss, mit dem sie sich Spielfilme aus dem Netz laden, kostet weitere 60 Yuan im Monat.

Hu und Tian, die aus den Provinzen Jiangxi und Hebei zum Studium nach Peking kamen, sind typische junge Chinesen. Über ihren schmalen Betten hängen die Poster chinesischer Popbands und europäischer Fußballklubs. Auf dem Tisch vor ihnen blinkt ein Klapphandy. Mit einem Studium in Peking werden Hu und Tian einmal zur Elite des Landes gehören.

Vor 15 Jahren hatte hier alles begonnen. Die späten 80er Jahre waren die vielleicht freieste Zeit in der gesamten chinesischen Geschichte. Nach Jahrzehnten sozialistischer Starre öffnete sich die Gesellschaft. Künstlergruppen bildeten sich, die Literatur blühte auf. Bis spät in die Nacht diskutierten die Studenten über Politik. „Wir wollten ein freieres China, in dem sich der Staat aus dem Leben der Menschen zurückzieht“, sagt Wuer Kaixi, der heute in Taiwan im Exil lebt.

Der Tod des ehemaligen KP-Generalsekretärs Hu Yaobang am 15.April 1989 löste die Demonstrationen aus. Spontan versammeln sich Studenten zu einer Mahnwache, um den als Reformer geschätzten Altpolitiker zu ehren. Nach einigen Tagen sind 100000 Menschen auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Eine Bewegung formiert sich. Die Studenten erheben politische Forderungen, kritisieren die staatliche Korruption und fordern mehr Freiheiten. Wuer Kaixi, damals 21 Jahre alt, ist einer der Wortführer. „Den Berichten zufolge hat er die schlechtesten Noten in seiner Klasse an der Pekinger Normal Universität. Wie kann jemand wie er etwas von Strategie verstehen?“, schimpft am 27.April der Pekinger Parteisekretär Li Ximing auf einer Sitzung des Politbüros.

Doch der Protest weitet sich aus. Journalisten der Staatsmedien, Fabrikarbeiter und immer mehr normale Pekinger Bürger marschieren zum Tiananmen. Die Studenten beginnen einen Hungerstreik. Ihre Kritik an der KP-Herrschaft wird schärfer. „Die Regierung ist eine Bande von faulen Eiern“, erklärt Wuer Kaixi am 17. Mai einem Reporter von „Le Figaro“. Staat und Partei seien in China dasselbe. „Wenn du das eine ablehnst, lehnst du alles ab.“ Tags darauf empfängt Regierungschef Li Peng eine Abordnung der Studenten. Millionen Chinesen verfolgen vor dem Fernseher, wie die Führer des Staatsapparates und die jungen Studenten aneinander vorbeireden. Wuer Kaixi, der einen Krankenhausschlafanzug trägt, fährt Li Peng gleich zu Beginn über den Mund: „Wir können hier sitzen und etwas trinken, aber die Studenten sitzen auf dem kalten Boden und verhungern auf dem Platz.“ Drei Tage später ruft Li Peng das Kriegsrecht aus. In der Nacht zum 4. Juni beginnt das Massaker.     

Wudaokou, nördlich der Normal Universität gelegen, ist heute eines der Ausgehviertel für Pekings Studenten. Aus den Modeläden und Handy-Shops dröhnen die Hongkonger Schlager. Chinas Studenten sind die Gewinner der Wirtschaftsreformen der vergangenen 15 Jahre. Unkritisch sind sie deshalb nicht. „Natürlich sehen wir die politischen Probleme, die es in unserem Land gibt“, sagt die Studentin Yu. Die Korruption habe in den vergangenen Jahren zugenommen. China brauche einen Rechtsstaat. Revolutionäre sind die Studenten jedoch längst nicht mehr. Solange die Wirtschaft wächst, zweifelt niemand die KP-Herrschaft an. Eine Freundin von ihr sei vor kurzem Parteimitglied geworden, erzählt Yu. „Das hilft bei der Karriere.“

An Pekings Universitäten kennt kaum noch jemand Wuer Kaixi oder die anderen Studentenführer von damals. Ihre Namen verblassen und mit ihnen die Erinnerungen daran, wie verwundbar 1989 die KP war. Hätten die Demonstrationen damals ein demokratischeres China schaffen können? „Wir haben 1989 gezeigt, dass sich die Chinesen selbst für ihre Freiheiten einsetzen müssen“, sagt Wuer Kaixi. Er selbst zahlte dafür einen hohen Preis. Seit seiner Flucht hat Wuer Kaixi seine Eltern nicht gesehen. Peking gestattet der Familie die Ausreise nicht. „Liu si“ ist und bleibt ein Tabu. Vor ein paar Jahren wechselte die Regierung die Steinplatten auf dem Platz des Himmlischen Friedens aus – als ließen sich damit die Spuren der Geschichte beseitigen.

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