Zeitung Heute : Ein Hinweis, der daneben geht

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Von Kurt Sagatz

So viel Ironie konnte man vom Suhrkamp Verlag in der Debatte um den Walser-Roman „Tod eines Kritikers“ gar nicht erwarten. Erst der Antisemitismus-Streit zwischen dem Verlag und der „FAZ“, dann die illegale Veröffentlichung des Romans im Internet: Wer mag da die Vorwürfe, all dies sei im Grunde eine riesengroße PR-Kampagne, noch aufrecht erhalten? Und doch schafft es der renommierte Frankfurter Verlag, immer wieder aufs Neue zu überraschen. Denn wie kann angesichts des Umstandes, das der Roman erst am 26. Juni in den Handel kommt, die Werbung verstanden werden: „Der neue Walser. Besprochen wurde er schon. Jetzt kann ihn jeder lesen“?

Nun sollte niemand dem Verlag unterstellen, dieses „Jetzt“ sei tatsächlich ernst gemeint. Denn nachkommen kann man dieser Aufforderung schließlich nur dadurch, dass man eine der bekannten Internet-Suchmaschinen anwirft, um den aktuellen Aufenthaltsort der Raubkopie festzustellen und den Text sodann dort zu lesen. Dies ist allerdings verboten und kann ernsthafte Konsequenzen haben. Weniger für den Internet-Nutzer, der sich die Datei auf die eigene Festplatte lädt. Um ihn zu ermitteln, müssten per Gerichtsbeschluss Logfiles eingefordert und ausgewertet werden, müssten Internet-Provider ihrerseits mitwirken, um die Nutzer-Identität hinter den Adress-Zahlen zu ermitteln. Viel Aufwand für wenig Ertrag, wie Filmstudios und Musik-Produzenten bereits in der Vergangenheit erfahren haben. In größere Gefahrt begegen sich darum die Betreiber von Internet-Seiten, auch wenn sie nicht selbst die Datei auf ihrem Server bereithalten, sondern über einen Hyperlink zum Speicherort verweisen.

Der Spaß hört für deutsche Verlage spätestens dann auf, wenn sich diese Links auf Seiten von deutschen Internet-Diensten befinden. So wie beim „Schockwellenreiter“, einem Internet-Angebot, das die verschiedensten Interessensgebiete bedient. In der letzten Woche stand dort ein Verweis mit dem kurzen Vermerk „Dieser Link müsste funktionieren“. Dahinter stand ein Server in den USA, der den Walser-Text in seiner „Trash“-Rubrik führte. Wer bereit war, über 400 Kilobyte Daten über die Leitung rauschen zu lassen, konnte auf diese Art dem Verlags-Aufruf zum sofortigen Lesen des neuen Walser-Romans nachkommen. Einen derartigen Link sucht man freilich auf der Suhrkamp-Seite vergeblich, und auch beim „Schockwellenreiter“ wird ihn seit vergangenem Freitag niemand mehr finden. Per Anwalt – das allein kostete 1200 Euro – ließ der Verlag die weitere Verbreitung der Internet-Adresse untersagen. Sollte sich der „Schockwellenreiter“ daran nicht halten, würden die Gerichte eingeschaltet. Streitwert: 100 000 Euro. Dem kleinen Internet- Dienst reichten bereits die Anwaltskosten, im Forum wird nun überlegt, ob man den Betrag nicht durch eine Sammelaktion beibringen soll. Eine Verrohung der Sitten erwartet der Verlag trotz der schneeballartigen Internet-Verbreitung des Walser-Romans dennoch nicht, dagegen sprechen die technischen Gegebenheiten. Der Bildschirm ist sicherlich nicht das richtige Ausgabemedium und wer will schon rund 100 Din-A-4- Seiten mit seinem Tintenstrahldrucker zu Papier bringen? Dennoch war es für den Verlag ein riskantes Vorgehen, das Buch als E-Mail an ausgewählte Medien zu verschicken, um die von „FAZ“-Herausgeber Schirrmacher angezettelte Antisemitismus-Debatte nicht weiter anschwellen zu lassen. Schule macht dieses Vorgehen sicherlich nicht, genauso wenig wie das Vorziehen der Annonce, die eigenlicht erst zum Veröffentlichungstermin am 26. im „Börsenblatt des deutschen Buchhandels“ hätte erscheinen sollen, wie Verlagssprecherin Heide Grasnick die missverständliche Werbung erklärt.

Zu Ironie scheint jedoch nicht nur der Suhrkamp Verlag in der Lage, egal, ob diese nun beabsichtigt war oder zufällig zustande kam. Auch die Betreiber der US-Site haben offensichtlich ihren Spaß mit dem Walser-Roman. Hinter dem streitbaren Link findet sich zwar weiterhin eine Datei mit dem n „walser.doc“. Wer diese anklickt, wird jedoch nach einem etwas längeren Download eine kleine Überraschung erleben. Kein „Tod eines Kritikers“ erscheint auf dem Bildschirm, sondern Bruce Sterlings „The Hacker Crackdown“. Dagegen kann niemand etwas haben, denn bei diesem Werk handelt es sich um „Literary Freeware“. Mit dem Zusatz: „Nicht für den kommerziellen Gebrauch bestimmt.“

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