Zeitung Heute : Ein Hoch dem Hosenträger

ANDREAS CONRAD

Klappe, die letzte! Im Zoopalast ist der Premierenvorhang endgültig gefallen, aber hier im Wappensaal des Roten Rathauses läuft der Film, der "Berlinale" heißt, für ein paar Stunden weiter, und alle, die noch da sind, spielen mit.Schlußempfang der 49.Internationalen Filmfestspiele? Da kann man als Filmkundiger doch nur lachen.Das hier ist eindeutig ein Remake: "Moderne Zeiten", die Restaurantszene.Leider werden keine gebratenen Enten, ja nicht mal Hähnchen an uns vorbeibalanciert, kein knuspriger Vogel kann sich also am Kronleuchter verhaken, aber ansonsten ähneln die Mühen der Serviermädels denen des großen Charlie doch frappant.Hoch über den Köpfen lassen sie die zierlichen Würstchen dahinschweben, die wohlgeformten Bouletten ebenso und die pikanten Teigtaschen mit ihrer fernöstlichen Note.Mit Brotlaiben zu kleinen Skulpturen des kulinarischen Multikulti geformt und auf Tabletts gestapelt, schwanken die Leckereien vorüber, wenn man nicht vorwitzig nach oben greift und sich uneingeladen bedient oder laut ruft, um Einhalt zu gebieten und das allzu eilige Personal zum Senken seiner Tabletts zu bewegen.Ruckzuck, sind sie leer.

Verstaut sind die Goldenen und Silbernen Bären, auch Moritz de Hadeln hat seine Hosenträger wieder perfekt kaschiert, die er vorhin im Zoopalast, aus dem Publikum ausdrücklich aufgefordert, für eine knappe Sekunde blitzen ließ.Schon 20 Jahre leitet er die Festspiele mit derart gesichertem Beinkleid, die Ehrung mit dem "Goldenen Hosenträgerbären", stellvertretend für alle Berlinale-Mitarbeiter von Michael Ballhaus und Renate Krößner vorgenommen und die eigentliche Überraschung des Abends, war da nur gerecht.

Eine letzte Prominenten-Pirsch, bevor alle auseinanderlaufen.Sehr ergiebig ist sie nicht mehr.Terrence Malick, als Regisseur des Siegerfilms "The Thin Red Line" an sich die Hauptperson des Abends, ist längst wieder in der selbstgewählten Versenkung verschwunden, in South Carolina, wie sein Darsteller und Stiefsohn Will Wallace im Zoopalast verriet, während er nicht recht wußte, wohin mit dem Goldenen Bären.Längst wieder weg DJ Bruce Willis, Nick Nolte, Sean Penn und Meryl Streep, vermutlich auch Nicolas Cage samt seiner Patricia Arquette, Liv Tyler und die wunderhübsche Penélope Cruz, ebenso Shirley MacLaine, die aber spätestens in 45 Jahren, zur Verleihung des Platinbären, wiederkommen will, versprochen ist versprochen.

Doch, doch, es war, nimmt man nur den Auftrieb an Stars und Starlets, eine durchaus glänzende "Berinale", wie der Regierende Bürgermeister die zwölf tollen Tage bei ihrem Start zu bezeichnen beliebte.Und wenn sie in Hollywood noch lernen, daß hier zur Siegerehrung der "Berlin Bear" verliehen und nicht etwa "Berlin Beer" ausgeschenkt wird - selbst Jurymitglied Paolo Branco aus Portugal schien sich bei der Preisverleihung nicht ganz sicher -, ja, dann nehmen wir es auch ohne Mittelmeer vielleicht doch noch mit dem Löwen von Venedig und der Palme von Cannes auf.

Denn haben nicht auch wir einiges zu bieten an Glamourboys und -girls? Man schaue sich nur um im Wappensaal der Berliner Bezirke, zwischen Wilmersdorf und Weißensee, Reinickendorf und Tempelhof.Auf manchen ist Verlaß, die Partys kommen und gehen, sie aber bleiben bestehen.Vadim Glowna etwa, dort steht er wieder wie so oft in den letzten Tagen, etwas zerknitterter vielleicht als sonst, aber er ist da.Auch auf Klaus Keil kann man jederzeit zählen, als Chef des Filmboards Berlin-Brandenburg ist er dafür verantwortlich, daß der Nachschub an Sternen nicht abreißt über die Jahre.Und ist das dort nicht der Wolfgang Stumph?

Das also bleibt unterm Strich, und selbstverständlich kann man ohne weiteres auch die Berliner Bären-Preisträger dazuzählen.Vorerst aber ist von ihnen keine Spur."Irgendwo in einer VIP-Ecke weggeschlossen", mutmaßen die Fotografen und streifen ein ums andere Mal durch die noch immer dichten Reihen, die jetzt nahe der Bühne sogar zu tanzen beginnen, zu halb folkloristisch, halb poppig klingenden Weisen.

Und endlich, so gegen halb eins, läßt sich Michael Gwisdek doch noch blicken, vorhin im Zoopalast fast zu Tränen gerührt, jetzt vor der Fernsehkamera wieder ganz der alte, mit ausladender Gestik, kaum zu bremsen.Und auch Maria Schrader wird bald kommen, begeistert stürzt sich das ZDF nun auf sie.Ein strahlendes Lächeln zur Einleitung, ein paar wohlgesetzte Worte für die Fernsehgemeinde, dann wieder lächeln, lächeln, lächeln.Zwölf dünne Träger, fast im Spaghettiformat, halten ihr schwarzes Kleidchen, einer hat sich vorwitzig aus der Gruppe gelöst, es zieht ihn nach unten.Sehr hübsch.Da können de Hadelns Hosenträger leider nicht mithalten.

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