Zeitung Heute : Ein Hochamt in der Kathedrale Berlin

WALTHER STÜTZLE

Mit dem Besuch Bill Clintons erreichen die Feierlichkeiten zum 50.Jahrestag der Luftbrücke einen Höhepunkt.Doch der Blick sollte nicht nur zurück gehen.Clinton sollte Gültiges über die Zukunft der Freiheit sagenVON WALTHER STÜTZLEAm schönsten feiern sich Hochämter im Dom.Bill Clinton und Helmut Kohl haben Berlin für ihren Festgottesdienst ausgewählt, den sie zwei Tage lang zu zelebrieren gedenken.Amerikas geschichtliche Leistung, nicht aktuelle Tagespolitik hat Berlin zum wichtigsten Schauplatz amerikanisch-deutscher Beziehungen gemacht.Moskaus zahlreiche Versuche, die Insel zu nehmen, sind an Mut und Weitsicht der Nachkriegspräsidenten in Washington sowie an der atlantischen Beständigkeit aller Bonner Kanzler gescheitert.Als Kathedrale der Freiheit ragte Berlin am Ende des Kalten Krieges heraus aus der vielgestaltigen Architektur euro-atlantischer Beziehungen.Davon und von vielen Schmuckstücken, wie der Luftbrücke, wird ausführlich die Rede sein, wenn der erste amerikanische Präsident der Nachkriegsgeneration heute seinen zweiten Berlin-Besuch absolviert.Dabei werden Besucher und Besuchte auf Schritt und Tritt von einer Vergangenheit eingerahmt und begleitet, die so erfolgreich war, mancherorts gar so verklärt wird, daß viele sie schon für die Zukunft halten.Doch wie auch immer man die Geschichte drehen und wenden mag, - auch Kathedralen kommen in die Jahre, bedürfen mithin der Pflege, ja Reparatur.Mancher Stein beginnt zu verwittern, muß neu geformt und so behauen werden, daß er auch in Zukunft hält.Bei seinem ersten Berlin-Besuch feierte Präsident Clinton 1994 vor der historischen Kulisse des Brandenburger Tores den Erfolg der Freiheit.Im Mai 1998 wird mehr von ihm erwartet.In der Mitte Berlins, im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt muß Gültiges über die Zukunft der Freiheit gesagt werden.Gemessen an den Herausforderungen der Vergangenheit mag das wie eine leichte Aufgabe anmuten.Angesichts der Wirklichkeit erweist sie sich aber als kraftzehrende Anstrengung.Zu definieren ist, wie der innere Zusammenhalt der Allianz bewahrt und gefestigt werden kann und das, ohne von der zusammenschweißenden Kraft einer Bedrohung von außen dazu angehalten zu werden.Zu entwerfen ist überdies eine Politik, die den neuen Demokratien in Mittelosteuropa und auch Rußland hilft, jenes Maß an wirtschaftlicher und sozialer Stabilität zu gewinnen, ohne das Demokratie und Freiheit, mithin Stabilität in Europa, wenig Aussicht auf Erfolg haben.Polen, Tschechien und Ungarn haben den Eintritt in die NATO bereits in der Tasche.Die damit verbundene Sicherheitsgarantie vor allem Amerikas, gibt den Kräften des demokratischen Wandels neuen Auftrieb und verleiht den Staaten, in denen sie wirken, ein hohes Maß an Selbstsicherheit.Welche Perspektive aber haben die noch nicht Hereingebetenen, außer der schon oftmals gegebenen Zusicherung, die Tür zur Allianz bleibe für sie weit geöffnet! Entscheidend für einen erfolgreichen Übergang zu stabilen politischen Verhältnissen ist ein gelungener Innenausbau der neuen mittelosteuropäischen Wohnungen im euro-atlantischen Haus.Und dieser Innenausbau ist teuer.So sehr Amerika sich beim Zimmern des neuen Schutzdaches auch engagiert hat, so zurückhaltend zeigt es sich, Risikokapital zu investieren.Diese Aufgabe hat Washington gern und gründlich den Europäern überlassen, zumal den Deutschen.Ein Opel-Werk in Eisenach ist fein, aber weder ein Kunststück noch ein Risiko.Doch wer investiert beispielsweise in die Umwandlung von bulgarischen, rumänischen und polnischen Agrarstrukturen in eine konkurrenzfähige Industriegesellschaft! Dem Appell zur Freiheit muß die Tat der Investition folgen.Für ein Engagement Amerikas ist da noch viel Raum.Im Europa-Konzept der USA belegt Deutschland einen herausragenden Platz.Doch Gewicht und Einfluß der Bundesrepublik in Washington resultieren aus der Wirkung, die deutsche Politik in der EU und in der NATO erzielt.Formeln wie partner in leadership sind zwar griffig, aber verdecken, daß es sich um einen indirekten Einfluß handelt.So ist es kein Zufall, daß in Washington die Unterschriften von 80 Senatoren zugunsten Israels schneller zusammenzubringen sind als zehn Senatoren für eine Reise nach Deutschland.Auch Reisen des Kanzlers in die USA sind seltener geworden.Im Wahlkampf ist Kohl seinem Freund Clinton 1996 zur Hilfe geeilt.Nun zahlt der Präsident seine Schulden zurück.

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