Zeitung Heute : Ein Interview mit den Architekten Gebäudes der GSW an der Kochstraße

Architekturkritiker loben Ihr Gebäude fü

Matthias Sauerbruch (geb. 1955) und Louisa Hutton (geb. 1958) trafen sich 1982 an der renommierten Architectural Association (AA) in London, wo sie nach dem Abschluss ihrer Studien ab 1984/85 lehrten. Der 1955 geborene Sauerbruch arbeitete gleichzeitig im Londoner Architekturbüro von Elia Zenghelis, Louisa Hutton (Jahrgang 1958) bei Alison und Peter Smithson. Ende der achtziger Jahre gaben beide ihre Lehrtätigkeit auf, eröffneten ein gemeinsames Büro und beteiligten sich an Wettbewerben. Der Wettbewerb für die Verwaltung der Wohnungsbaugesellschaft GSW in der Berliner Kochstraße war der erste, zu dem sie eingeladen wurden - und den sie 1991 gewannen. 1993 übersiedelten sie von London nach Berlin. 1994 begann der Bau des inzwischen fertiggestellten GSW-Hochhauses; gleichzeitig entwarfen sie das Photonikzentrum in Berlin-Adlershof. Matthias Hutton hat mittlerweile eine Professur an der TU Berlin inne. Mit den Architekten sprachen Miriam Wiesel und Peter Herbstreuth.

Architekturkritiker loben Ihr Gebäude für die Wohnungsbaugesellschaft GSW an der Kochstraße als eines der besten dieses Jahrzehnts und nennen Sie in einem Atemzug mit Rem Koolhaas und Frank O. Gehry. Fühlen Sie sich bestätigt?

Hutton: Nun ja, Übertreibungen verdeutlichen die Unterschiede. Ach, wir hatten einfach Glück ...

und einen überlegten Entwurf . . .

Hutton: . . . den wir auch umsetzen konnten. Deshalb sind wir ja 1993 von London nach Berlin gezogen. Wir wollten das Projekt mit der GSW, das 1991 entschieden wurde, vorantreiben. Bis dahin hatten wir an vielen Wettbewerben in Deutschland teilgenommen - einerseits weil es in England keine Wettbewerbe gibt, andererseits weil uns seit 1990 Berlin mit seinen Möglichkeiten der interesssanteste Ort in Europa zu sein schien.

Sauerbruch: Bevor ich in London mein Diplom machte, hatte ich an der Hochschule der Künste studiert. Deshalb blieb eine Beziehung. Ich behielt während der elf Jahre in London auch die Berliner Wohnung. Da wohnen wir noch heute.

Sie haben Ihre Arbeit in einem britischen Umfeld entwickelt. Lässt sich das Britische erkennen?

Sauerbruch:Natürlich sind wir von der Erfahrung in Großbritannien geprägt. Schon in London haben wir uns mit Brachland und zerrütteten Stadtstrukturen auseinandergesetzt, aber eben im englischen Kontext. Dort verfielen die Innenstädte, nachdem die Wirtschaftsunternehmen in die Randbezirke gezogen waren und Infrastrukturen wie Güterbahnhöfe, Docks und Häfen nicht mehr gebraucht wurden. Daraus entstanden Reservate ungenutzter Stadt, wie die Londoner Docklands, in denen sich in den achtziger Jahren die Subkultur entwickelte. In dieser Zeit haben wir uns mit diesen verlorenen Orten auseinandergesetzt und nach ihrem Potenzial gesucht. Solche Situationen haben uns interessiert, Situationen, die als Stadtraum zunächst nicht akzeptabel schienen, und dabei sind wir auf die Analogie zu englischen Landschaftsgärten gestoßen.

Wie meinen Sie das?

Sauerbruch:Im Gegensatz zu französischen Landschaftsgärten entwickelt sich der englische aus einer Situation heraus, die man durch Bearbeitung attraktiver machen will, um den eigentlichen Charakter des Ortes herauszuarbeiten. Dabei werden die schönen und sinnlichen Elemente ebenso integriert wie die praktischen und ökonomischen, etwa die Landwirtschaft. Die Schafe bleiben. Sie werden ins Bild integriert.

Hutton:Es gibt keine Zäune, sondern Gräben, die die Schafe auf der Weide dem Garten selbst fern halten. Man sieht aber diese Grenzen nicht. Für den Blick geht das eine in das andere als Gesamtbild über.

Sauerbruch:Diese Art der Gärten haben uns interessiert. Wir sind herumgefahren und schauten sie alle an, weil wir meinten, dass es Ähnlichkeiten zum Städtebau gibt. Und die gibt es tatsächlich. Man will keine vorgefertigte Ordnung auf eine andere stülpen, sondern die neue Ordnung aus dem Ort selbst herausarbeiten. Man akzeptiert zunächst die gegebenen Bedingungen, wendet sie möglichst positiv in die Gegenwart und versucht, etwas daraus zu machen. Und dann gibt es eine Parallele durch die Tatsache, dass die Parks in London, eben überhaupt die Englischen Gärten, stark aus der Bewegung heraus gedacht sind.

Liegt das an der Geschichte, die sie erzählen?

Sauerbruch: Ja, das erlebt man, wenn man durch den Park hindurch geht. Was am Weg erscheint, ist in der Zeit komponiert. Wie eine Art Film. Eine Folge von Ereignissen. Das hat große Ähnlichkeit mit der zeitgenössischen Stadt, die ohne die Geschwindigkeit nicht mehr zu denken ist. Und dieser Gedanke - Städtebau als eine Art Landschaftsgärtnerei - führte uns zur Stadtlandschaft und ihren verschiedenen Traditionen. Mit diesem Ansatz haben wir uns Berlin im Zustand der Neugründung genähert.

In der Nationalgalerie gibt es ein Bild Eduard Gärtners von 1855, "Ansicht der Rückfront der Schlossfreiheit". Es betont das Disparate und die architektonische Vielfalt als Ausdruck bürgerlicher Tugenden und macht gleichsam in einem Jahrhundertvorgriff die Collage zum Prinzip. Ihr britisch geprägter Blick auf die Stadt lässt sich da anschließen.

Hutton:Aber das Echo auf unsere Ideen war zuerst nicht sehr positiv. In einem Wettbewerb in Berlin schlugen wir vor, den Charakter und die Existenz der verschiedenen Identitäten eines Stadtteils zu bewahren. Wir wollten sie nur in dem Sinne entwickeln, dass wir diese einzelnen Teile in ihrer Verschiedenheit betonten, so dass ein Spaziergang durch diese Gegend wie ein Schnitt durch die Zeit geworden wäre.

Konnten Sie durch Ihre Brille das neue Ideal einer harmonischen Stadt nicht sehen?

Sauerbruch: Die "Kritische Rekonstruktion" versuchte einen unhistorischen Zustand herzustellen. Es kam uns vor wie ein Konstrukt, das von der Geschichte, die die Stadt prägte, ganz und gar unberührt blieb. Aber diese fiktive Stadt mit einer homogenen, gleichmäßigen Textur war nicht so einfach herzustellen. Man musste das Irreguläre und die Abweichungen - wie die DDR-Planung - auslöschen.

Wie sähe Ihr Bild des zukünftigen Berlin aus?

Sauerbruch:Das Potenzial ist immer anziehender als das, was dann tatsächlich entsteht. Nach dem Mauerfall sprangen die Brachen und Lücken sofort ins Auge. Es gab offene Stellen in der Stadt, in die man seine Vorstellungen und Träume projizieren und darüber nachdenken konnte, was daraus entstehen könnte. Das ist natürlich immer großartiger als das, was dann in Stein und Beton tatsächlich gebaut wird. Aber Berlin war auch im 19. Jahrhundert nicht homogen. Es war nicht elegant und kompakt wie Paris oder Mailand. Im Gegenteil. Berlin ist etwas Besonderes, weil Berlin die Ideen mehrerer Generationen, verschiedener politischer und privater Auftraggeber, verschiedener Raumvorstellungen und verschiedener Quartiere in seiner Architektur deutlich zeigt. Wenn man diese Vielfalt, dieses unverbundene Nebeneinander, dieses Unzusammenhängende in einer Stadt verdichtet sieht, ist es in Europa in dieser Form einzigartig.

Sie beziehen sich jetzt auf die alte Stadt; leistet die neue diesen Ausdruck auch?

Hutton:Wenn ich zum Pariser Platz mit den zwei flankierenden Häusern am Brandenburger Tor gehe, bin ich immer etwas geschockt. In dieser historisierenden Haltung, die Stadt zu bauen, sehe ich eine völlige Ablehnung der Stadt- und Gebäudearchitektur der jüngsten Geschichte und halte es für zynisch auf allen Ebenen, besonders der menschlichen.

Sauerbruch: Ich glaube leider auch nicht, dass Berlin durch den Potsdamer Platz in seiner Entwicklung viel gewonnen hat. Als ob es eine Leistung wäre, zu sagen: wir haben jetzt auch Häuser wie in Frankfurt, Houston und Singapur, einen Platz mit großen Gebäuden, Einkaufszentrum, Imax-Kino und Musical-Theater. Wenn man damit die Kraft dessen vergleicht, was davor da war, nämlich die Philharmonie direkt neben der Mauer: Was für ein Bild! Was für eine Situation! Was für ein Zeugnis!

Offensichtlich haben die Planer kurz nach dem Mauerfall aus Berlin eine Stadt wie jede andere machen wollen.

Hutton: Die Prioritäten der ersten Jahre haben sich ja schon etwas gelockert. Aber trotz allem - es ist großartig zu sehen, dass hier überall gebaut und investiert wird. In England gäbe es das nicht. Man würde das Geld einfach nicht zusammenbekommen. Man würde einfach nicht daran glauben, dass es sich auszahlt. Ich meine, wir kritisieren manche Gebäude und die Stadtplanung. Aber die Energie, die das alles voranbringt, ist unglaublich, auch wenn mir die Ergebnisse missfallen.

Sauerbruch:Die Dynamik der letzten Jahre war phantastisch. Es haben sich auch ungeplante Kulturen entwickelt, die Berlin eindeutig verändert haben. Die Clubszene und die Galerienszene existierten weder in dieser Form noch mit diesem Schwung. Früher, vor dem Mauerfall, war Berlin wie eine Dauerausstellung. Jetzt habe ich das Gefühl, es ist durch die Konkurrenz, die die Stadt erfasst hat, alles etwas wirklicher geworden. Das ist gut.

Sie sind wegen der Aufträge nach Berlin gekommen. Werden Sie bleiben?

Hutton:Wir sind dort, wo die Arbeit ist.

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