Zeitung Heute : Ein Irrtum namens Ballack

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Von Stefan Hermanns

Vielleicht ist alles eine Frage der Drüsen. Vor zweieinhalb Wochen war das wieder zu sehen, als Michael Ballack sein letztes Fußballspiel vor der Weltmeisterschaft bestritt. Mit Bayer Leverkusen stand er im Finale der Champions League gegen Real Madrid, und in der gegnerischen Mannschaft spielte mit Zinedine Zidane der beste Fußballer der Welt. Den Zauberer nennen die Leute den Franzosen. Das Fernsehen zeigte ihn in Großaufnahme, der Schweiß strömte ihm übers Gesicht, als hätte ihm jemand einen vollen Putzeimer über den Kopf gegossen. Das lieben die Leute: einen Künstler, der auch kämpfen kann. Im Schweiße seines Angesichts. Und Michael Ballack? Kein Tröpfchen, nirgends, und die Frisur unbeleckt wie nach viertelstündiger Föhnbehandlung. Früher hätten die Leute gesagt: Das ist ja wieder typisch für ihn, diesen Schönspieler. Schwitzt noch nicht mal richtig. Dabei kann er vermutlich gar nichts dran machen. Es ist nur eine Frage der Drüsen.

Michael Ballack ist ein hervorragender Fußballer, nicht so hervorragend wie Zinedine Zidane, aber der beste, den Deutschland zurzeit hat. Ballack ist ein kleiner Künstler. Aber in diesem Jahr haben die Leute gemerkt, dass er auch kämpfen kann: gegen das eigene Phlegma, gegen die Schmerzen, gegen sein schlechtes Image. Im Spiel gegen Real Madrid schleppte er sich in den letzten 20 Minuten mühselig über das Feld. Ballack hatte alles gegeben, er konnte einfach nicht mehr. Seit Wochen schon musste er Schmerztabletten schlucken, weil er sonst wegen einer Prellung am Spann seines rechten Fußes nicht einmal vernünftig hätte schießen können. Klaus Toppmöller, sein Trainer in Leverkusen, sagt: „Man tut ihm unrecht, wenn man sagt, er sei ein Schönling und zu weich.“ Nach dieser Saison, der besten seiner Karriere, wird das vermutlich niemand mehr von Ballack sagen.

Für ihn ist das eine ganz neue Erfahrung. Denn bei Ballack war nie entscheidend, was er macht. Bei Ballack war nur entscheidend, welchen Eindruck er hinterlässt. Und der war lange Zeit verheerend.

„Zu schön, zu reich, zu kess, zu elegant“, hat der „Spiegel“ über Ballack geschrieben. In Italien oder Spanien hätte er mit seiner Art vermutlich weniger Probleme als in Deutschland. Hier zu Lande werden eben die bedingungslosen Kämpfer geliebt: Spieler wie Uwe Seeler, Berti Vogts, Gerd Müller oder Rudi Völler. Das Höchste, was Typen wie Ballack erwarten können, ist Anerkennung. Und selbst die blieb ihm lange verwehrt.

Vielleicht haben die Menschen das Gefühl, dass es das Einzelkind aus Görlitz in Sachsen einfach immer zu leicht gehabt hat. „Der lässt sich nichts mehr sagen, der ist schon Weltmeister“, hat Spielerkollege Christian Ziege vor zwei Jahren über ihn gesagt. Mit 18 wurde Ballack Profi, mit 20 spielte er in der Bundesliga, mit 21 wurde er mit dem 1. FC Kaiserslautern Deutscher Meister und dann sofort Nationalspieler. Nun wechselt er am 1. Juli von Leverkusen zum FC Bayern München. Eine Karriere in Siebenmeilenstiefeln.

Bei der Weltmeisterschaft, die für die deutsche Nationalelf heute mit dem Spiel gegen Saudi-Arabien beginnt, ist Ballack der einzige Garant für ein bisschen undeutsche Spielkultur im deutschen Spiel. Außer Torhüter Oliver Kahn gibt es im Kader niemanden, der im internationalen Vergleich als Star gilt. Michael Ballack kommt dem noch am nächsten. „Ballack ist auf dem Weg, dass er sich neben Verón, Beckham, Figo und Zidane stellen kann“, hat Rudi Völler, der Teamchef, vor ein paar Wochen gesagt.

Es sind scheinbar kleine Geschichten, die von großen Veränderungen künden. Vor ein paar Wochen bekam Javier Irureta, der Trainer des spanischen Erstligisten Deportivo La Coruña, einen Wutanfall. Er schrie seine Spieler an: „Nehmt euch endlich mal ein Beispiel an Michael Ballack! Der schießt 15 Tore und rackert und kämpft bis zum Umfallen. Ballack ist überall zu finden und setzt sich immer zu 150 Prozent für sein Team ein.“ In deutschen Zeitungen erscheinen solche Meldungen unter der Rubrik Kuriositäten.

Sehr gerecht ist das nicht. Denn es stimmt ja gar nicht, dass Michael Ballack alles in den Schoß gefallen ist. Hans Meyer, der Trainer von Borussia Mönchengladbach, hat ihn schon beobachtet, als der noch beim Chemnitzer FC in der Jugend spielte. Meyer trainierte damals die Zweitliga-Mannschaft des Vereins, und „man hat schon gesehen, dass da ein richtig Guter erwachsen kann“. Der junge Michael Ballack ist Meyer in Erinnerung geblieben als einer, „der immer auch gearbeitet hat“. Gerade bei außergewöhnlichen Begabungen ist das nicht üblich. Schon 1996 hätte der Mittelfeldspieler von Chemnitz nach Kaiserslautern wechseln können. Doch Ballack blieb noch ein Jahr in der Regionalliga, machte sein Abitur und verzichtete auf eine Menge Geld. „Er ist ein kluger Junge und ein Charakter, der weiß, was er will“, sagt Hans Meyer.

Michael Ballack hat in dieser Saison mit Bayer Leverkusen zuerst die Meisterschaft verspielt, dann den DFB-Pokal und schließlich die Champions League. Und doch ist er der große Gewinner gewesen. Nicht weil er allgemein als der beste Bundesliga-Spieler des vergangenen Jahres bezeichnet wird, sondern weil er sein Image besiegt hat. Das Image vom Schönspieler, vom Weichei, vom arroganten Schnösel.

Natürlich besitzt der gewandelte Michael Ballack jetzt auch größere Chancen, Gewinn bringend vermarktet zu werden. Inzwischen ist der 25-Jährige ein begehrter Partner für die Werbebranche. Seinem Berater, dem Werbefachmann Peter Olsson, hat Ballack Verträge mit Nike und Pepsi zu verdanken. Der Schwede ist keiner dieser zwielichtigen Spielerberater mit Fifa-Lizenz, die mit Vereinsmanagern um die Höhe von Handgeldern feilschen. Seine Agentur kümmert sich hauptsächlich um Stars aus der Film- und Musikszene. Zu Olssons Klienten zählen Brad Pitt und Johnny Depp, lediglich vier kommen aus der Fußballbranche: Ottmar Hitzfeld, der Trainer von Bayern München, Torhüter Jörg Butt, Oliver Bierhoff und Michael Ballack. Alles smarte Typen. „Wir wollen Ballack als Jugendidol auf internationalem Level platzieren“, sagt Olsson. „Er ist ein unglaublich hell strahlender Stern.“

Der Erste, der Ballacks Potenzial für die Werbewirtschaft erkannt hat, war Reiner Calmund, der Manager von Bayer Leverkusen. Der smarte Jüngling kam dem dicken Macher bei Bayer von Anfang an „wie ein Dressman“ vor. Wenn Gerhard Schröder der Brioni-Kanzler ist, dann ist Michael Ballack ein Prada-Fußballer. Von irritierender Entspanntheit ist sein Auftreten gelegentlich gekennzeichnet. Den 1 Meter 89 langen Körper hat er durchgedrückt, wie es die Wachsoldaten vor dem Buckingham-Palast tun und bewegt sich unter den restlichen Nationalspielern wie ein Hahn unter lauter Zwerghühnern. „Meine Spielweise sieht manchmal etwas lässig aus“, sagt Ballack. „Das kann man nicht abstellen. Damit ist man geboren.“

Mit der Nonchalance, die Ballack zu eigen ist, hat zuletzt Franz Beckenbauer die deutschen Fußballfelder durchmessen. Leverkusens Manager Calmund hat Ballack deshalb schon längst zum „kleinen Kaiser“ gekürt. Den Vergleich mit dem besten deutschen Fußballer aller Zeiten mögen manche für sportlich anmaßend halten – es gibt allerdings erstaunliche Gemeinsamkeiten. Auch der junge Beckenbauer war zunächst nicht der Liebling des Volkes: „Zeitweilig phlegmatisch-blasiert, ließ er jeden kämpferischen Einsatz vermissen, wenn es galt, verlorene Bälle zurückzuerkämpfen“, war 1967 nach einem Länderspiel gegen Marokko über Beckenbauer zu lesen. Bis vor ein paar Monaten hätte dieser Satz genauso auch über Ballack in der Zeitung stehen können.

Die seinen spielerischen Qualitäten angemessene Anerkennung erwarb sich Beckenbauer nicht mit seinen Dribblings, seinen exquisiten Pässen oder atemberaubenden Toren. Die Wahrnehmung änderte sich erst, als der vermeintliche Schönspieler 1970 in Mexiko das WM-Halbfinale gegen Italien mit ausgekugelter Schulter zu Ende spielte. Ach, dachten die Menschen da, dieser Herr Beckenbauer, der kann ja doch kämpfen.

Michael Ballack hat sich drei Tage vor Beginn der letzten Saison einen Zeh gebrochen. Er spielte trotzdem. Am Schluss der Saison hat er sich den Fuß geprellt. Er spielte trotzdem. Und er spielte überragend. „Ich werde nie akzeptieren, dass man von der Art, wie ich Fußball spiele, auch auf meine Persönlichkeit schließt“, hat Michael Ballack einmal gesagt. Im Moment aber käme er ganz gut dabei weg.

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