Zeitung Heute : Ein Jahrestag für Barack Obama

Vor 200 Jahren wurde Abraham Lincoln geboren – er schrieb wie kein anderer amerikanische Geschichte

Ekkehart Krippendorff

Natürlich ist es ein sogenannter Zufall, dass der 200. Geburtstag des 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Abraham Lincoln, am 12. Februar zusammenfällt mit dem einhellig als „historisch“ erklärten Amtsantritt des ersten afro-amerikanischen Präsidenten am 20. Januar 2009. In einem tieferen Sinne aber ist es kein Zufall, sondern eine Koinzidenz, die sich die Geschichte selbst geschenkt hat: Hegels „List der Vernunft“, die Barack Obama ins Präsidentenamt trug, hätte ohne die extreme Unvernunft der traumatischen acht Bush-Jahre keine Chance gehabt. Abraham Lincoln ist in die Geschichte eingegangen als der amerikanische Präsident, der das Unrecht der Sklaverei durch einen siegreichen Bürgerkrieg (1860–1864) und sein Emanzipations-Dekret von 1862 beendete und damit eine Art zweite Gründung der USA einleitete, die den mächtigen Zukunftsruf der Unabhängigkeitserklärung von 1776, „that all men are created equal“, dass alle Menschen frei und gleich geschaffen seien, endlich einlöste. Allerdings nicht ganz: Die USA sollten noch eine dritte Gründung brauchen, für die wiederum 100 Jahre später die mit dem Namen Martin Luther King verbundene Bürgerrechtsbewegung den Boden bereitete. Dieser große pazifistische Prediger bekannte 1963 vor dem imposanten Lincoln-Denkmal in Washington einen Traum: den Traum der brüder- und schwesterlichen Gleichheit von Schwarz und Weiß in einer amerikanischen Gesellschaft, in der zählt, was einer ist und kann und nicht welche Hautfarbe er hat. Barack Obamas Amtsantritt fiel – „zufällig“ – zusammen mit dem jährlichen Martin-Luther-King-Tag, und das Fernsehen zeigte gewissermaßen als Auftakt zum „Inauguration Day“ noch einmal dessen große Rede „I have a dream“. Ein Traum, der nun mit diesem Präsidenten seine Erfüllung gefunden zu haben scheint. Die Tränen, die Schwarz und Weiß da vergossen, waren ehrlich und überwältigend, der Bogen von Abraham Lincoln zu Barack Obama war geschlossen und die Geschichte zu sich selbst gekommen. Ein neues Kapitel kann aufgeschlagen werden.

Der historische Schulterschluss von Abraham Lincoln und Barack Obama aber hat eine tiefere Bedeutung als nur die eines von vielen Kapiteln amerikanischer Geschichte. „Nenne mir, wer dein Vorbild ist, und ich sage dir, wer du bist.“ Obama ist nicht nur ein sehr genauer Kenner jener Geschichte; er hat „Honest Abe“, den ehrlichen Abe wiederholt als sein wohl wichtigstes Vorbild zitiert – bis hin zur Wiederholung von dessen historischer Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington 1860 und dem Ablegen des Amtseides auf Lincolns Bibel. Beide Präsidenten traten ihr Amt zu Beginn einer extremen Krise von Staat und Gesellschaft an: Lincoln erwartete die angedrohte Aufkündigung des Bundesstaates durch die Sklavenhalter-Südstaaten und damit das Ende der erst 100 Jahre alten Republik; Obama übernimmt die Regierung in Zeiten nicht nur einer dramatischen Wirtschafts- und Finanzkrise, sondern auch einer Identitätskrise des „American Way of Life“ angesichts der absehbar radikalen Konsequenzen, die die Klimaerwärmung und der enorme Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen mit sich bringen werden. Obwohl Lincoln seinerzeit alles versuchte, um den Bürgerkrieg zu vermeiden, die Sklavenfrage auszuklammern und mit dem ihm misstrauenden Süden im Gespräch zu bleiben, wurde ihm der Krieg aufgezwungen. Obama, einer der intellektuell ehrlichsten und informiertesten Politiker, ist sich der enormen ökologischen Probleme bewusst, die die Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft bedrohen – eine ganze Großstadt, New Orleans, ist bereits untergegangen. Und er weiß, dass der notwendige und keinen Aufschub duldende ökonomische und technologische Umbau („Change“) zu schweren sozio-politischen Verwerfungen der amerikanischen Gesellschaft führen wird. Die zu erwartenden Konflikte drohen, wenn sie ideologisch und parteipolitisch aufgeladen werden, den notwendigen Neubeginn zu blockieren. So erklären sich Obamas Bemühungen, die potenziellen Gegner und Verlierer der strukturellen Erneuerung von Anfang an mit ins Boot zu holen und durch Überparteilichkeit gewissermaßen den Bürgerkrieg zu vermeiden. Das war Abraham Lincoln tragischerweise nicht gelungen.

Von noch größerer Bedeutung aber ist eine politische Haltung, die Obama bei Lincoln gelernt hat. Seine eigenen Erfahrungen als Sozialarbeiter und Organisator von Bürgerinitiativen, als Afro-Amerikaner, der zum Teil in den Straßen der Großstadt Chicago aufgewachsen war, wurden ihm von seinem historischen Vorbild bestätigt: Abraham Lincolns große und für einen Politiker geradezu einmalige Fähigkeit bestand im Zuhören und in der Einfühlung in die Positionen der anderen. Lincoln war, daran besteht kein Zweifel, ein unbedingter Gegner der Sklaverei und hielt diese für ein absolutes Unrecht. Er fragte sich aber gleichzeitig immer wieder, warum und aus welchen Motiven die Vertreter der Sklaverei so dachten, wie sie dachten und so handelten, wie sie handelten: Gab es nicht vielleicht doch rational nachvollziehbare Gründe? Lincoln war Anwalt gewesen, er hatte sich sein Rechtswissen im Selbststudium erarbeitet, vor allem aber hatte er den Menschen, seinen Klienten und deren Kontrahenten, gut, gründlich und ohne vorgefasste Meinung zugehört. Er war Holzfäller, Flößer, Zimmermann und Landarbeiter gewesen, und weil er die einfachen Menschen in ihren Widersprüchen, aber auch und vor allem in ihrem guten Willen erkannte, glaubte er sich qualifiziert für die Politik und lieh ihnen seine Stimme. Nicht – und das ist der geheime Kern seiner politischen Ethik – zur Befriedigung persönlichen Ehrgeizes. Auch nicht, weil er gerne Macht über Menschen ausübte. Sondern weil er von der letztlichen Güte, dem oft verschütteten, aber wieder erweckbaren Idealismus der Menschen überzeugt war, die es nicht verdienten, verführt, instrumentalisiert und mit Herablassung behandelt zu werden.

Lincoln war überzeugt davon – und der Erfolg gab ihm recht –, dass die ehrliche, nicht kompromittierte Sprache von zentraler Bedeutung für die Politik sei, dass die richtigen Worte zur rechten Zeit das Bewusstsein der Menschen und damit die Welt zu verändern vermögen. 1863 hielt er mit nur 272 Wörtern zur Einweihung eines Soldatenfriedhofs seine kürzeste Rede. Fast jedes amerikanische Schulkind kennt sie, und manchmal sogar auswendig. Sie formulierte jene „zweite Gründung“ des Aufklärungsprojektes USA, nämlich dass „die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk nicht von dieser Erde verschwinden möge“. Lincoln hat den nicht gewollten Bürgerkrieg weniger militärisch als vielmehr moralisch – man könnte auch sagen: kraft der Sprache – gewonnen. Barack Obamas Antrittsrede enthält mit der aus der Gettysburg-Rede zitierten „Neugeburt der Freiheit“ nicht mehr und nicht weniger als den Aufruf an seine Mitbürger, gemeinsam eine historisch fällige dritte Republikgründung zu wagen.

Obama hat sein großes Vorbild genau studiert. Auch er ist bekannt dafür, zuhören zu können. Er hat, wie Lincoln, das Politische durch das Leben inmitten des Volkes gelernt. Und auch er setzt auf die Sprache als mobilisierende, appellative Kraft für ein verantwortliches Bürger-Bewusstsein. Seine Antrittsrede hat – wie seine unzähligen Reden als Präsidentschaftskandidat – die im Medienzeitalter scheinbar obsolete Wahrheit wiederbelebt: dass Rhetorik, die Kunst der Rede, ein Lebenselixier der Demokratie ist.

Der Autor war bis 1999 Professor am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität. 1994 erschien in der Reihe „EVA Reden“ von ihm kommentiert: „Abraham Lincoln – Gettysburg Address 1863“.

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