Zeitung Heute : Ein Jahrtausend-Sieg der Technik (Kommentar)

Kurt Sagatz

Der Big Bang ist also ausgeblieben. Allem Anschein nach hat eine der großen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts, die Informationstechnologie, eine ihrer großen Bewährungsproben bestanden. Zumindest in dem Sinne, dass der kritische Moment des Wechsels von 99 auf 00 zu keinerlei großen Katastrophen geführt hat. In welchem Umfang kleinere Systeme wie bei der Berliner Feuerwehr, das wie das Mobilfunknetze in Neuseeland vermutlich durch Überlastung zusammenbrach, in den nächsten Tagen und Wochen Fehlfunktionen verursachen, kann man in Ruhe abwarten.

Im Moment jedenfalls gibt es aus Sicht der Technik und der Techniker viel zu feiern. Denn obwohl nichts passiert ist, wurde vielen Menschen erst durch die Ängste vor dem Computer-Gau klar, in welchen Bereichen überall ein Silizium-Chip die Regie übernommen hat. Angesichts von Milliarden so genannter eingebetteter Systeme zum Beispiel in der Energie- und Sicherheitstechnik kommt es entweder einem kleinen Wunder gleich, dass nichts Gravierendes vorgefallen ist, oder es gibt doch weniger elektronische Helfer, die mit Datumsberechnungen etwas zu tun haben. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch für die Prozessoren gilt, die in Atomkraftwerken, Eisenbahn-, oder Gasverteilanlagen ihren eintönigen Dienst verrichten. Die Schlussfolgerung des von der Bundesregierung eingesetzten Jahr-2000-Stabes, das Schlimmste sei überstanden, kam an diesem Sonnabend allerdings zu früh. Erst wenn die Transportbänder und Logistik-Ketten der Just-in-Time-Gesellschaft wieder reibungslos laufen, sollte endgültig Entwarnung gegeben werden.

Viel Geld, damit nichts passiert

Immerhin: Dass es am 1. Januar keine Stromausfälle oder Unglücksmeldungen gegeben hat, ist der Erfolg der großen Anstrengungen, die vor allem von der Wirtschaft unternommen wurden. Auf 600 Milliarden Mark wird das Finanzvolumen geschätzt, das weltweit in die Sicherheit der betroffenen Systeme investiert wurde. Dies ist mehr als der Staatshaushalt der Bundesrepublik. Zudem wurden die Gelder in Hinblick auf ein Ereignis ausgegeben, das im Gegensatz zu den gigantischen Feiern rund um den Globus niemand erleben will.

Der Erfolg des Datumswechsel beweist aber zugleich: Der Mensch kann die Technik beherrschen. Zumindest, wenn er das Datum kennt, an dem ein Ereignis eintreten wird. Freilich auch dann nur unter der Voraussetzung, dass wie beim Millenium-Bug über einen langen Zeitraum erhebliche Mengen von Zeit und Energie auf dieses Problem gerichtet werden.

Dabei soll keineswegs vergessen werden, dass es einfacher ist, eine begrenzte Zahl von Kraftwerken Jahr-2000-fest zu machen als die Vielzahl von Systemen und Programmen, die für die unterschiedlichsten Aufgaben in Produktion oder Verwaltung eingesetzt werden. Auch dort wurde sicherlich versucht, umfassend und gründlich zu arbeiten. Doch werden nicht überall genügend Ressourcen an Geld und Fachleuten verfügbar gewesen sein.

Sicher ist hingegen, dass die Technik mit ihrer durch die Werbung suggerierten Omnipräsenz das Leben der Menschen noch nicht völlig dominiert. Ob Unter den Linden, Champs Elysées oder Times Square: Millionen von Menschen trieb es auf die Straßen, nicht um per Handy SMS-Botschaften zu verschicken, sondern um das neue Jahrtausend für alle sichtbar zu begrüßen. Dass die anschließenden Neujahrsgrüße später vielfach über das Internet versendet wurden, ist nur der Ausdruck dafür, dass dieses Medium im neuen Jahrhundert genauso normal ist wie im vergangenen das Telefon.

Die neuen Techniken werden Stück für Stück weitere Lebensbereiche durchdringen und dabei auch Strukturen aufbrechen, die über lange Zeit die Wirtschaft dominierten. Manch Arbeitsplatz zum Beispiel im Handel, aber auch in anderen Bereichen des Produzierenden Gewerbes oder der Dienstleistung werden dieser Entwicklung noch zum Opfer fallen. Es wäre darum auch dringend angezeigt, diesem gesellschaftlichen Wandel die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken wie in diesen Tagen der Informationstechnologie.

Als nächste Computer-Klippe gilt übrigens der 29. Februar wegen der dreifachen Schaltjahresregel. Aber das nur nebenbei.

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