Zeitung Heute : Ein Kampf um Bosniens Frieden

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Steinwürfe gegen SFOR-Soldaten, Attacken auf zivile Aufbauhelfer, Bombenanschläge gegen Medien und Parteibüros kooperationswilliger Serben - kehrt Bosnien zum Schießkrieg zurück?VON CHRISTOPH V.MARSCHALLVor allem: Gelingt es den Friedensblockierern um den als Kriegsverbrecher gesuchten Radovan Karadzic, die SFOR zur Besatzungsmacht zu stempeln, und müssen NATO-Soldaten damit rechnen, wieder als lebende Schutzschilde mißbraucht zu werden, wie 1995, nach den NATO-Bombardements? Eine äußerst kristische Situation hat sich durch den Machtkampf in der serbischen Führung zwischen der Karadzic-Clique in den östlichen Bergen um das Dorf Pale und der zur Zusammenarbeit bereiten Präsidentin Biljana Plavsic im westlichen Hügelland um die Industriestadt Banja Luka entwickelt.Und allmählich wird deutlich, daß die Auswirkungen dieses Konflikts sich nicht auf die Serben beschränken.Die westlichen Garantiemächte des Dayton-Vertrags haben sich offen auf Plavsics Seite gestellt, die SFOR hilft ihr, Karadzic-Anhänger aus den Machtpositionen zu drängen und ihre Leute, etwa in den lokalen Polizeistationen, zu positionieren.Vom Ausgang der neuen Gangart hängt einiges ab: nicht nur für die Republika Srpska selbst, sondern auch für die moslemisch-kroatische Föderation - und damit für die Zukunft von ganz Bosnien-Herzegowina.Überall stehen einzelne regionale Führer vor der Versuchung, die Umsetzung des Dayton-Vertrages zu behindern, vor allem die Rückkehr von Flüchtlingen anderer Ethnie und Religion in ihre Heimat.Die Chauvinisten, die es auch unter Kroaten und Moslems gibt, dürfen nicht das Signal erhalten, daß sich Widerstand lohnt und die Chance besteht, die nationalen Kriegsziele im kalten Frieden doch noch durchzusetzen. Doch bei allen Risiken ist dies insgesamt weit mehr eine konstruktive als eine destruktive Krise.Die Aussicht, mit der Zuspitzung des Machtkampfs unter den Serben dem Friedensprozeß endlich die nötige Eigendynamik zu verleihen, ist größer als die Gefahr, dadurch einen Rückfall in neue Kämpfe zu provozieren.Dabei hängt viel vom Einfühlungsvermögen und dem taktischen Geschick der SFOR-Kommandeure vor Ort ab.Sie müssen entscheiden, wann sie unter dem Schutz ihrer Panzer Kriegsverbrecher festnehmen, Waffenlager von Karadzic-Komplizen ausheben oder Radiosender, die mit Haßtiraden zur Gegenwehr aufstacheln, schließen können, und wann sie dagegen den Rückzug antreten müssen, um zu vermeiden, daß die Situation völlig außer Kontrolle gerät.Nachgeben im Einzelfall kann also durchaus richtig sein, auch wenn es im ersten Moment wie ein Triumph der Friedensgegner aussehen mag, wenn nur insgesamt das klare Signal ausgesendet wird, daß SFOR und die dahinter stehenden Mächte entschlossen sind, den Dayton-Vertrag durchzusetzen. Also kämpfen für den Frieden? Ein Spontispruch der Friedensbewegung besagte, dies sei ungefähr so sinnvoll wie Sex mit dem Ziel der Jungfräulichkeit.Aber in Bosnien wurde schon einmal der Gegenbeweis angetreten: Auch die gar nicht so zahlreichen NATO-Bombardements führten damals zuerst zu einer Krise mit zwischenzeitlich lebensbedrohlicher Geiselnahme von NATO-Soldaten.Schließlich aber beendeten die Luftangriffe den Krieg und die ethnischen Säuberungen.Auch jetzt reagiert Karadzics aktueller Lautsprecher, das serbische Mitglied der gesamtbosnischen Staatsführung Momcilo Krajisnik, zunächst auftrumpfend.Er nennt die Attacken weniger hundert Menschen gegen SFOR in Brcko, also eines nur kleinen Teils der künstlich aufgeputschten Bevölkerung, eine Heldentat.Doch drückt sich darin auch die Furcht um seine Zukunft aus, falls tatsächlich die Mehrheit der bosnischen Serben zu Plavsic überläuft, weil die verarmten Menschen erkennen, daß sie Aufbauhilfe und damit eine Perspektive nur über Kooperation gewinnen werden. Die NATO-Staaten haben im übrigen keine Wahl.Wenn sich das Tempo des Friedensprozesses nicht ändert, werden sie entweder SFOR noch jahrelang im Land lassen müssen oder aber, bei zu frühem Abzug, riskieren, daß der Krieg zurückkehrt.Deshalb muß der Kampf aufgenommen werden - zumal alles dafür spricht, daß die NATO ihre Waffen nur entschlossen zeigen, sie aber nicht umfassend gebrauchen muß.

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