Zeitung Heute : Ein Kampf um Rumänien

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Zornige Kohlekumpel in abgerissener Kleidung auf dem Protestmarsch in die Hauptstadt: Die Bilder aus Rumänien mochten auf den ersten Blick einen sozialen Aufstand aus Verzweiflung nahelegen.Und klingen die Berichte über die Lebensverhältnisse im Schiltal nicht herzerweichend? Doch in dieser Auseinandersetzung geht es nicht um Zechenschließungen und Lohnerhöhungen.Ohne Übertreibung darf man sagen: Dies ist ein Kampf um Rumänien.Ob der Kompromiß vom Freitag abend hält, bleibt abzuwarten.Politische Kräfte wollen den Unmut der Arbeiter für den Staatsstreich gegen die erste wirklich demokratische Regierung seit dem Sturz Ceausescus 1989 instrumentalisieren.Erst mit siebenjähriger Verspätung war der bürgerlich-liberalen Opposition 1996 der Wahlsieg über die Erben des Ceausescu-Regimes gelungen.Nun folgte der Gegenangriff der Ex-Kommunisten und Nationalisten, unterstützt von alten Securitate-Kreisen und anderen Verlierern des Systemwechsels.Hinter dem "Gewerkschaftsführer" Miron Cozma, einem vorbestraften Demagogen, steht Vadim Tudor, einst Hofpoet des Karpaten-Diktators und nun Führer der chauvinistischen Großrumänien-Partei.Er mißbraucht die Kumpel als Sturmtruppen der Konterrevolution.Deshalb war es richtig, daß Premier Radu Vasile nicht davor zurückschreckt, notfalls die Armee einzusetzen.

Es geht darum, ob Rumänien einer gesellschaftspolitischen Illusion anhängt, die das Land weiter in bitterer Armut hält, oder ob die Regierung das Volk von der Notwendigkeit harter Reformen überzeugen kann.Sie allein eröffnen die Aussicht auf Besserung - und damit, wenn auch sehr langfristig, die Perspektive der europäischen Integration.Die meisten Bergwerke sind unrentabel, Import-Kohle ist billiger.Deshalb hat die Regierung vor über einem Jahr Arbeitern in den Bergwerken - und anderen unrentablen Staatsbetrieben - Abfindungen für freiwilliges Ausscheiden angeboten.Zehntausende sind darauf eingegangen, haben das Geld aber verpraßt, statt es als Startkapital zu verwenden.Große Teile der Gesellschaft haben es nicht gelernt, Eigenverantwortung zu übernehmen.Sie suchen die Schuld bei der Regierung: Die hätte für neue Jobs sorgen müssen.Deshalb fliegen den protestierenden Arbeitern in den ärmeren Landesteilen die Sympathien zu: im Südwesten, wo das Schiltal liegt, und im Osten.Im Banat und in Siebenbürgen im Nordwesten dagegen, die früher zur Habsburgermonarchie gehörten, gibt es relativen Wohlstand und besteht mehr Einsicht in ökonomische Zwänge.Von dort stammt Premier Vasile.So spiegeln sich die regionalen Unterschiede der politischen Kultur in den Protagonisten des Konflikts: hier der auf Berechenbarkeit achtende Premier, dort der pokernde Volkstribun als Streikführer.

Die Regierung muß sich freilich vorwerfen lassen, daß sie das Gespür für ihr Volk verloren hat.Bukarest liegt zwar im "armen Osten", ist aber dank des Booms der jüngsten Jahre zu einer glitzernden Insel westlichen Wohlstands geworden.Das Kabinett konnte die Euphorie über den glanzvollen Wahlsieg 1996 nicht in den Alltag retten, vermochte es weder, die Bürger auf den schmerzhaften Reformweg mitzunehmen, noch, die innere Disziplin in der heterogenen Koalition zu wahren.Im Frühjahr 1998 kippte ihr erster Premier, Victor Ciorbea.Nun stand Radu Vasile vor der Wahl, zu schießen oder die Reform zu verwässern.Wohin ein Zurückweichen führt, ließ sich 1997 in Bulgarien beobachten: zum völligen Zusammenbruch.Rumäniens Regierung ist mit dem Versprechen angetreten, die Fehler der Nachbarn nicht zu wiederholen.Erst die Details des Kompromisses werden zeigen, ob sie es gehalten hat.

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