Zeitung Heute : "Ein Kerl muss eine Meinung haben" (Kommentar)

Gregor Dotzauer

Man muss kein Journalist sein, damit einem nicht manchmal übel werden könnte von der Lust am Meinen, die auf allen Sendeplätzen und in den Zeitungsspalten tobt. Dennoch grassiert das Gefühl, sich in einer eigentlich meinungslosen Welt zu bewegen; dazu die Ahnung, dass es durchaus mehrere Wahrheiten geben kann - und das Wissen, dass existenzielle Probleme gelöst werden wollen. Es ist auch keine Frage der Generation, Martin Walsers Unlust am öffentlichen Rechthaben nachzuvollziehen, die er in seinem Essay "Über das Selbstgespräch" in der gestrigen "Zeit" veröffentlicht hat. Es ist ein Postscriptum zu der Paulskirchen-Rede von 1998, die ihm den Ruf eines Krypto-Faschisten einbrachte: Walser hatte eine moralische Müdigkeit angesichts der medialen Dauerpräsenz von Auschwitz bekundet.

Der neue Text erscheint nur wenige Wochen nach dem schlecht verleimten und mit eindreiviertel Seiten Nachwort von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher eher lieblos edierten Klotz von Buch, der die "Walser-Bubis-Debatte" dokumentiert (Suhrkamp Verlag, 688 Seiten, 40 Mark). Walsers "Zeit"-Essay ist aber gerade kein Nachtrag zur Debatte selbst, der gegenüber vergleichbaren Auseinandersetzungen (um Handke oder Sloterdijk) das Privileg zukommt, zum ersten Mal seit Jahren wieder eine Öffentlichkeit jenseits des medialen Inzests erreicht zu haben. "Über das Selbstgespräch" ist ein Beitrag zu den Äußerungsformen des Intellektuellen - oder vielmehr: des Dichters, der auf dem Eigensinn von Sprache besteht.

"Ich habe", schreibt Walser, "die Erfahrung gemacht, dass ich in meinen Meinungen weniger enthalten bin als in meinen Romanen." Und weiter: "Also muss ich misstrauisch sein gegen meine adressierte Sprache. Sie wird zu einer Auftrittssprache. Das Gegenteil der Auftrittssprache ist das Selbstgespräch. Hoffe ich."

Mit dieser Hoffnung ist es allerdings so eine Sache. Denn das Selbstgespräch bringt, wo es noch nicht Literatur geworden ist, zwar ungeschliffene Rede hervor, aber aller Erfahrung nach keineswegs eine undeutlichere Haltung. Und es ist auch nicht so, dass ungerichtete Sprache automatisch wahrer wäre als adressierte. Es sind Rollen, die man einnimmt und in denen man sich jeweils verschiedenen Erwartungen aussetzt. Eben sie hat Walser in seiner Paulskirchen-Rede missachtet: Gerade das Nicht-Meinen-Wollen, hinter dem (zu Recht oder zu Unrecht) ein verklausuliertes Meinen-Wollen vermutet wurde, hat ihn in Bedrängnis gebracht.

Zwischen "Ein Kerl muss eine Meinung haben" (Hörensagen) und "Eine Meinung kann ja jeder haben" (Brecht, auch vom Hörensagen) liegt ein weites dialektisches Feld, wenn dieser Begriff im Zusammenhang mit dem ausgefuchsten Dialektiker Walser noch etwas taugt. Schließlich geht es nicht einfach um die Versöhnung von Widersprüchen. Es geht darum, etwas von der Gemengelage aufzunehmen, die in Menschen wütet, sobald sie denkend über Konventionen hinausgelangen wollen.

Treffender als der gute alte Hegel erklärt heute ein Philosoph wie Gilles Deleuze, was einem an widerstreitenden Interessen, Begehrensströmen und Schizophrenien durchs Hirn rasen kann. So ist keineswegs ausgemacht, dass man diese bewegliche Moral immer an Romanfiguren abtreten muss.

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