Zeitung Heute : Ein Kilometer bis zum Papst

Sie warten Stunden für ein paar Sekunden: Hunderttausende besuchen den aufgebahrten Johannes Paul II.

Paul Kreiner[Rom]

Elena strahlt übers ganze Gesicht. 44 Jugendliche hat die 17-Jährige um sich gesammelt, dann haben sie einen „na ja, nicht mehr ganz jungen Bus“ gechartert. Um 22 Uhr sind sie in Taranto losgefahren, ganz unten, am Absatz des italienischen Stiefels. Um sieben Uhr waren sie in Rom. Sofort haben sie sich in die Schlange eingereiht. Jetzt ist es 13 Uhr. Jetzt haben sie es geschafft. Sie haben den Papst gesehen.

Elena und die ihren sitzen an der Vatikanmauer. Selig und erschöpft. Kreuz und quer liegen die Rucksäcke auf dem Pflaster. Einige der Jungen haben verquollene Augen. Und, wie war’s? „Grandios“ sagt einer. Was habt ihr eigentlich gesehen? „Nicht besonders viel. Wir wollten zwar, aber die Polizisten haben uns gleich verjagt.“ „Quatsch, nicht verjagt“, sagt Elena, „die haben uns halt ganz freundlich weitergedrängelt, weil so viele andere auch noch reinwollten.“

Es ist Dienstagmittag. Johannes Paul II. ist im Petersdom aufgebahrt, und die Massen strömen. „Heute morgen“, sagt die Krankenschwester im Malteser-Hilfszelt, „da war die Schlange 500 Meter lang. Da mussten sie die Gitter weiter nach hinten verlängern. Jetzt sind wir“, sagt sie und schaut zur Engelsburg hinüber, „wahrscheinlich bei 800 Metern.“ Und wie viele Fälle für die erste Hilfe? „Noch wenige“, sagt die Malteser-Schwester. „Heute morgen war’s noch ziemlich kühl. Aber jetzt wird’s warm. Und wenn die Leute stundenlang stehen müssen…“

Was die Frau noch gar nicht weiß: Die Leute stehen nicht nur auf der „Conciliazione“, der breiten Prachtstraße auf den Vatikan zu. Sie stehen schon um die Kurve, um die nächste auch schon. Die Kilometergrenze ist längst überschritten. 400000 Menschen sollen es bis Dienstagmittag schon gewesen sein. Bis Donnerstagabend noch ist Johannes Paul II. öffentlich aufgebahrt.

Die Via della Conciliazione wird beschallt. Ferne Chöre singen Psalmen, getragene Stimmen lesen Stellen aus der Heiligen Schrift und aus den Werken Johannes Pauls II. vor, unsichtbare Gemeinden beten einen Rosenkranz um den anderen. In der straßenbreiten Warteschlange betet und singt niemand. Da sind alle still. Sie schauen auf die Großbildleinwände, wo sie in Liveschaltungen das Ziel ihrer Wallfahrt sehen: das Zentrum des Petersdoms, wo vor dem Hauptaltar der Papst aufgebahrt liegt.

Immer wieder werden auf den Großbildschirmen Szenen aus der Amtszeit Johannes Pauls II. eingeblendet: Präsidenten und Kardinäle bei ihm, er selbst auf irgendwelchen Reisen, Messe feiernd auf riesigen Podien. Dann schaltet die Regie wieder live in den Petersdom zurück – zu den vier Schweizergardisten, die mit ihren rot befederten Helmen und den Hellebarden die Ehrenwache halten. Zu den wenigen Geistlichen, den Ordensfrauen und den elegant verschleierten, alten Damen aus Roms papstergebenem „schwarzen Adel“, die in den Bänken seitlich des Katafalks verweilen dürfen.

Die Wartenden sehen auch, wie die Prozession sich vor den rot verhängten Sperrgittern teilt, ein Strom geht nach rechts, einer nach links. Viele fotografieren. Mit Kameras und Handys. Viele schlagen das Kreuzzeichen. Einige winken. Manche Frauen werfen dem Papst ein scheues Küsschen zu. Aber keiner darf stehen bleiben. Mit mal einladenden, mal gebieterischen Armschwüngen treiben die Ordner die Menge voran.

Die Großbildschirme an der Straße beziehen ihren Strom aus Dieselaggregaten. Schwer und stinkend breiten sich die Abgaswolken über die Menge. Und immer wieder fahren städtische Müllwagen die Schlange entlang. Die Arbeiter stemmen ihre Schaufeln in die Berge von leeren Wasserflaschen und alten Zeitungen, die da weggeworfen worden sind. 250000 Liter Mineralwasser, gibt der römische Zivilschutz am Dienstagmittag bekannt, seien an die Pilger bereits verteilt worden, umgerechnet 500000 Kunststoffflaschen. Weitere Millionen stünden bis Freitag bereit.

Kroatische Fahnen, polnische Transparente, bunte Regen- oder besser Sonnenschirme mit schwarzen Schals als Trauerflor, schwitzende Kleriker in ihren schwarzen Soutanen. Jugendliche tragen riesige Tücher, auf die sie „Grazie, Papa“ geschrieben haben, oder „Addio, Karol, unsere einzige große Liebe!“ Auf zahlreichen Kartons liest man eine Abwandlung der angeblich letzten Worte Johannes Pauls II., die seinen großen Freunden, den Jugendlichen gegolten haben: „Du hast uns gesucht. Wir sind zu dir gekommen. Danke!“ Auch die Gruppen mit ihren Gitarren und den Handtrommeln sind wieder da und singen ihre fromm-fröhlichen Lieder. Sie hüpfen und klatschen. Mancher versucht sich im geistlichen Rap-Tanz. Aber anders als auf dem Petersplatz vor wenigen Tagen verbreitet sich die Fröhlichkeit nicht. Und die Jugendgruppen sind bald wieder still.

Am Rand stehen zwei Ehepaare aus Linz. Wollen Sie sich nicht anstellen? „Nein, bei der Menge... Und überhaupt sind wir nur als normale Touristen in Rom. Das mit dem Papst ist uns jetzt zufällig reingeplatzt. Wir können nur von Glück sagen, dass wir uns den Petersdom schon am Sonntag angeschaut haben.“ Die alten Damen aus Chemnitz, die auch prüfend auf die Schlange schauen, sie würden sich schon gerne anstellen: „Der Papst war halt doch ein großer Mann. Und dass die DDR der Geschichte angehört, das hat auch mit ihm zu tun. Aber unser Reisebus fährt um 18 Uhr schon wieder ab.“

Am Ausgang, wo die üblichen Bettlerinnen zahlreicher vertreten sind als sonst und die Plastikrosenkränze mit dem Konterfei Johannes Pauls II. für bis zu sieben Euro verkauft werden, drängen sich Claudia und Werner mühsam in Richtung U-Bahn. Sie stammen aus Fulda und sind am Morgen nach Rom geflogen. Schon am Nachmittag fliegen sie wieder nach Hause. Ein Kurztrip für nur zwei Sekunden beim Papst: „Wenn man sich in die zweite Reihe zurückgezogen hat, konnte man ihn durchaus eine Minute lang anschauen. Es war überwältigend. Erstens die vielen Leute, friedlich, ohne jede Aggression. Und dann Johannes Paul II. selbst. Er hat uns so viel geschenkt mit seinem Leben. Wir mussten ihn einfach nochmal sehen.“ Und dann wollen die beiden ganz schnell zur U-Bahn. Zwei Stunden haben sie für eine Stadtbesichtigung noch Zeit. Dann geht’s wieder zum Flughafen.

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