• „Ein kleiner Fehler kann zu einem Dominoeffekt führen“ Projektleiter Professor Jochen Schiller warnt vor gefährlichen Abhängigkeiten

Zeitung Heute : „Ein kleiner Fehler kann zu einem Dominoeffekt führen“ Projektleiter Professor Jochen Schiller warnt vor gefährlichen Abhängigkeiten

in unserer vernetzten und globalisierten Welt

Herr Professor Schiller, was ist das Ziel des „Forschungsforums Öffentliche Sicherheit“?

Das Forum ist eine Art Scharnier zwischen der Forschung über zivile Sicherheit, der Politik und den Bedarfsträgern wie Polizei, Feuerwehr oder Technisches Hilfswerk. Wir wollen die bundesweiten Forschungsprojekte zum Thema „Öffentliche Sicherheit“ zusammenführen, Gefahren einschätzen und der Politik Handlungsempfehlungen geben. Dort ist man sich der Probleme bewusst. Seit drei Jahren gibt es auf politischer Ebene das „Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit“. Es ist durch eine überfraktionelle Initiative des Bundestags entstanden und hat viele offene Fragen zum Thema in einem sogenannten Grünbuch formuliert. Um Antworten auf diese Fragen geben zu können, brauchen die Entscheidungsträger eine wissenschaftliche Basis. Und die wollen wir liefern.

Welche neuen Sicherheitsrisiken sehen Sie in diesem Zusammenhang?

In unserer Gesellschaft gibt es ganz neue Abhängigkeiten durch die extreme Vernetzung. Nehmen Sie nur die Energieversorgung: Ohne Strom läuft nichts mehr. Welche Konsequenzen ein Ausfall haben kann, konnten wir 2006 sehen, als Stromleitungen im Emsland abgeschaltet wurden, um ein neu gebautes Kreuzfahrtschiff über die Ems in die Nordsee zu überführen. Aufgrund von unvorhergesehenen Kettenreaktionen hatten danach etwa zehn Millionen Menschen in verschiedenen Regionen Europas 90 Minuten lang keinen Strom. Das hat bereits einen großen wirtschaftlichen Schaden verursacht – beinahe wäre aus dieser Unterbrechung sogar ein tagelanger Stromausfall geworden. Ein anderes Beispiel ist der stundenlange bundesweite Ausfall des Mobilfunknetzes durch einen Softwarefehler bei der Telekom im April letzten Jahres. Womit wollen Sie aber ohne Handy im Katastrophenfall schnell Hilfe holen? Terroristische oder kriminelle Gruppen könnten auf diese Weise viel Schaden anrichten. Die Vernetzung sorgt dafür, dass schon ein kleiner Fehler zu einem riesigen Dominoeffekt führen kann. Das gilt auch für andere Abhängigkeiten, die für uns selbstverständlich geworden sind.

Welche sind das?

Aufgrund des Kostendrucks wird an vielen Stellen rationalisiert. Beispielsweise gibt es durch die Just-inTime-Produktion keine großen Lager mehr, mit denen die Menschen im Notfall zumindest übergangsweise versorgt werden könnten. Außerdem werden immer mehr staatliche Leistungen privatisiert, etwa der Nahverkehr oder Kliniken. Diese Unternehmen halten kaum mehr zusätzliche Ressourcen für den Notfall vor, wie Krankenhausbetten, Busse oder Fahrer, denn das rechnet sich nicht. Es stellt sich die Frage, woher im Ernstfall zusätzliche Betten oder Transportmittel kommen sollen, und wer dafür zahlt.

Zurzeit wird der globale Klimawandel von vielen als große Bedrohung empfunden.

Ja. Nach den Statistiken der Rückversicherer sind acht der zehn größten Schadensfälle in den vergangenen zehn Jahren durch Naturkatastrophen eingetreten. Das liegt sicher auch daran, dass sich immer mehr Leute versichern lassen und viel mehr in Risikogebieten gebaut wird. In vielen Regionen bekommt man schon keine Versicherung mehr, etwa wenn man unter dem Niveau des Meeresspiegels baut.

Sicherheitsforschung ist ein relativ junger Bereich in der Wissenschaft. Hat der 11. September 2001 eine Rolle dabei gespielt, dass das Thema in den Mittelpunkt gerückt ist?

Ja leider. Die Terroranschläge haben die USA und die Welt aufgerüttelt und gezeigt, dass die Großmacht verwundbar ist. Das hat die Arbeit an neuen Sicherheitstechniken sehr beschleunigt. Die Staaten der Europäischen Union haben dann nachgezogen. Unter anderem hat die Bundesregierung 2007 ein Forschungsprogramm für die zivile Sicherheit aufgelegt.

Welche Rolle spielt die Psyche beim Thema Öffentliche Sicherheit?

Eine sehr große. Allein weil sie Angst vor weiteren Terroranschlägen hatten, haben viele Leute nach dem 11. September 2001für einige Zeit kein Flugzeug mehr bestiegen. Mit der Folge, dass deutlich mehr Menschen in dieser Zeit bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen sind und Fluggesellschaften in finanzielle Nöte gerieten. In Katastrophenfällen gilt es vor allem, Panik zu vermeiden. Eine gute Krisenkommunikation ist deshalb ganz wichtig.

Warum wurde das Forschungsforum an der Freien Universität Berlin angesiedelt und nicht an einer anderen deutschen Universtiät?

Die Freie Universität Berlin hat schon sehr früh, nämlich 2003, einen Schwerpunkt in der Sicherheitsforschung gesetzt. Zu diesem Thema arbeiten Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Disziplinen. Darunter sind die Veterinärmediziner, die sich mit der Ausbreitung der Krankheitserreger von Tieren auf Menschen beschäftigen, in der Pharmazie wird an der schnellen Identifikation biologischer Gefahrstoffe geforscht, und ein Sonderforschungsbereich in der Politik untersucht Fragen der zivilen Sicherheit in Afghanistan – um nur einige Beispiele zu nennen. Wir freuen uns deshalb sehr, dass nun auch das nationale Forum an der Freien Universität seinen Sitz hat.

Die Fragen stellte Christa Beckmann

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