Zeitung Heute : Ein kleines Detail von 31 Millionen

„Früher war das unüblich, so was ist geheim geblieben“, sagte Klaus Esser, einst Chef von Mannesmann, und meint damit seine hohe Abfindung. Auch die anderen Angeklagten im spektakulärsten Prozess der deutschen Wirtschaftsgeschichte geben sich lässig. Sie sind sich keiner Schuld bewusst.

Jürgen Zurheide[Düsseldorf]

Von Jürgen Zurheide, Düsseldorf

Klaus Esser überlässt nichts dem Zufall. Er ist vor den anderen Angeklagten im Düsseldorfer Gerichtssaal L11. Vielleicht weil er die kürzeste Anreise hat, denn zwischen seiner Wohnung und dem Gericht liegt nur eine Rheinbrücke. Den kargen Raum mit den Milchglasscheiben hatte er ohnehin schon einige Tage vorher besichtigt, um ein Gefühl von dem zu bekommen, was ihn dort erwarten würde. Ihn störte nicht einmal, dass eine Fernsehkamera jede Bewegung einfing. Genau ließ er sich vom Sprecher des Gerichtes erklären, wie bedeutend dieser Ort ist. Hier sind die Verbrechen von Majdanek aufgearbeitet worden, hier hatte schon Walther Leisler Kiep wegen unsauberer Parteispenden auf der Anklagebank gesessen.

Trotz dieser intensiven Vorbereitung wirkt Esser an diesem Morgen befangen. Unruhig geht er auf und ab, nur gelegentlich lässt er sich von einer Frage unterbrechen. Ja, natürlich, er erwarte, dass das Gericht seine Unschuld feststelle, sagt er zu den Reportern. Möglicherweise liegt es an seiner Anspannung, dass er dann noch etwas hinzufügt, was ihn nicht unbedingt entlastet: „Früher war das unüblich, so etwas ist geheim geblieben.“ Damit spielt er auf die Vorgänge im Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten bei Mannesmann zu Jahresbeginn 2000 an, die wenig später die Staatsanwaltschaft in allen Einzelheiten ausbreiten wird.

Die Richterin setzt sich durch

Aber noch bevor das so weit ist, sagt Esser einen Satz, der erklärt, warum er den ganzen Prozess nicht versteht: „Dieses kleine Detail.“ Damit meinte er die Abfindung von gut 31 Millionen Mark, die ihm in jenen Tagen am Ende der Übernahmeschlacht zwischen Vodafone und Mannesmann zugesprochen wurde und deren Rechtmäßigkeit nach Ansicht des Gerichtes überprüft werden muss.

Noch während der eine oder andere über diesen Satz nachdenkt, stürmt Josef Ackermann in den Saal, begleitet von einem breitschultrigen Bewacher, der darauf achtet, dass dem Chef der Deutschen Bank keine Kamera zu nahe kommt. Ackermann setzt sein telegenes Lächeln auf und klopft über alle Maßen freundlich Esser zur Begrüßung auf die Schulter, aus dessen Gesicht weicht in diesem Moment die Anspannung. Was die beiden danach bereden, bekommt niemand mit, nur gelegentlich werden sie von den anderen prominenten Angeklagten unterbrochen, die nach und nach den Raum betreten. In der ersten Reihe nimmt Klaus Zwickel Platz, der später seinen vollen Namen mit „Klaus Alfred Zwickel“ angeben wird und als Berufsbezeichnung „Rentner“ sagt, während Joachim Funk, der ehemalige Mannesmann-Aufsichtsratschef, das Wort „Pensionär“ zu Protokoll gibt.

Nach diesem formalen Vorspiel muss die Vorsitzende Richterin zum ersten Mal vor aller Öffentlichkeit beweisen, dass sie der prominenten Verteidigerriege gewachsen ist. Brigitte Koppenhöfer hatte zuvor in vielen Zeitungen kritische Kommentare lesen müssen, mehr als einmal wurde gefragt, ob die 52-Jährige über ausreichend Erfahrung verfüge, da sie erst seit kurzem diese Wirtschaftsstrafkammer führt und zuvor lange Zeit als Jugendrichterin tätig war. Als dann der erste Antrag kommt, in dem einer der Verteidiger verlangt, dass den Staatsanwälten die Verlesung der Anklageschrift untersagt werde, weil dort zu viele alte, längst vom Gericht nicht akzeptierte Vorwürfe wiederholt werden sollten, zeigt sie, wer die Regeln bestimmt. Mit einem kühlen Lächeln nimmt sie den Antrag entgegen und ruft den Ordnungskräften zu: „Sie müssen den Saal nicht räumen, wir sind schnell zurück.“ Nach wenigen Minuten der Beratung verkündet sie die Ablehnung. Als dann ein Verteidiger darauf besteht, dass dieser Beschluss von der gesamten Kammer getragen werde, blickt sie nur einmal kurz nach rechts, dann nach links, und dann fügt sie hinzu: „Das haben wir vorberaten, die Kammer lehnt ab.“

Danach müssen Ackermann, Esser und Co. dem trockenen Vortrag des Staatsanwaltes folgen. Der 43-jährige Johannes Puls listet akribisch auf, was in jenen Tagen zu Jahresbeginn 2000 in der Düsseldorfer Mannesmann Zentrale passiert sein soll. Klaus Esser und sein Aufsichtsratschef Joachim Funk haben demnach spätestens am 30.Januar gewusst, dass sie die Abwehrschlacht gegen Vodafone verloren hatten. Mehr als 430 Millionen Mark hatten sie für Zeitungsanzeigen und teure Berater ausgegeben – ohne Erfolg, der britische Vodafone-Chef Chris Gent hatte besser gepokert als sie. An Aufgabe dachten sie freilich noch nicht, das zumindest glaubt der Staatsanwalt nachweisen zu können. „Sie trafen die Verabredung, sich unrechtmäßig zu bereichern“, heißt das in der kalten Sprache des Staatsanwaltes, und bei solchen Passagen schüttelt Klaus Esser stets den Kopf.

111514794 DM

„Sie übten maßgeblichen Einfluss aus“, hält Johannes Puls fest und berichtet dann von den unterschiedlichen Entscheidungssträngen im Hause Mannesmann. Der Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten, dem neben Funk noch Ackermann, Zwickel und der zweite Gewerkschafter Jürgen Ladberg angehörten, hat sich mit den verschiedenen Abfindungen und Prämien gleich mehrmals beschäftigt. Es ging um viel Geld. „Sie haben Vermögensverluste in großem Ausmaß herbeigeführt“, zeigt sich der Ankläger überzeugt und nennt anschließend die Summe, die das Gericht bewerten muss: Es geht hier im Saal L111 um insgesamt 111514794 Mark, die mal als Anerkennungsprämie, dann wieder als großzügig bemessene Zulage zu den Pensionen für Vorstandsmitglieder ausgeschüttet worden waren. Besonders kritisch ist für die Ankläger, dass auch der Aufsichtsratschef am Ende mit sechs Millionen Mark – zusätzlich zu seiner Pension – bedient wurde. „Sie alle wussten“, hält Johannes Puls den versammelten Männern vor, „dass diese Zahlungen nicht den Interessen des Unternehmens dienten.“

Danach zitiert er aus den umfangreichen Ermittlungserkenntnissen des Landeskriminalamtes, das bei einer großflächigen Durchsuchung viele belastende Details gefunden hat. So sollen zum Beispiel Protokolle des Ausschusses für Vorstandsangelegenheiten zurückdatiert worden sein. Besonders ärgerlich für Esser und Co. waren die Einwände des Wirtschaftsprüfers Günter Nunnenkamp, der zwischendurch drohte, den gesamten Aufsichtsrat mit den pikanten Details zu versorgen – er hielt die Auszahlung sowohl von der Höhe her als auch formal für nicht korrekt.

Ein anonymer Zeuge?

All das müssen sich die sechs Angeklagten geduldig anhören, erst danach können ihre Verteidiger wieder eingreifen. Eberhard Kempf, der Anwalt Ackermanns, rügt danach die gesamte 14. Strafkammer und argwöhnt, sie sei nicht wirklich zuständig. Im Gerichtssaal horcht man auf, weil der Mann einen anonymen Zeugen ins Spiel bringt, der ihm verraten haben will, dass bei Gericht getrickst worden sei, damit der Fall bei der Richterin Koppenhöfer landet. Die bleibt freilich angesichts des Vortrages ruhig, macht sich nur hin und wieder Notizen, um wenig später, nach einer kleinen Beratungspause, alle Anträge abzuschmettern. Auf den Fluren sorgte das Vorgehen der Verteidigung Ackermanns für Erstaunen, denn am Wochenende hatte er streuen lassen, er wünsche einen raschen Prozess, um sich anschließend wieder auf seine Arbeit als Chef der Bank konzentrieren zu können.

Davon spürt man im Gerichtssaal allerdings wenig. Die Angeklagten sagen am ersten Tag ausschließlich zur Person aus. Nur Joachim Funk wird etwas ausführlicher. „Zu keinem Zeitpunkt habe ich eine Straftat der Untreue gesehen“, beteuert der frühere Mannesmann-Chef. Und dann liest er dem Gericht eine längere Passage aus einem Vortrag von Klaus Esser vor, den der für Funk kurz vor der feindlichen Übernahme gehalten hat. Esser lobt darin überschwänglich die unternehmerische Weitsicht des Mannes, zeichnet ihn für seine Gradlinigkeit aus. Nur ein Detail übergeht Funk: mit seiner Niederlage wurde der Name Mannesmann unwiederbringlich gelöscht, heute prangt das Wort Vodafone über dem Konzernhochhaus am Rhein.

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