Zeitung Heute : Ein Klon der Sowjetunion

Die besten Geschäfte macht eine Firma, die Sheriff heißt. Der Name steht für vieles, was in Transnistrien passiert

Elke Windisch[Tiraspol]

Die Kellnerin steckt in der reich bestickten Festtagstracht südrussischer Kosaken, sie ist blond, strahlend jung und guckt, als hätte sie gerade einen Frosch verschluckt. Nach Maisbrei – Mamaliga –, meint sie dann spitz und sichtlich um Fassung bemüht, sollte man hier besser nicht fragen. „So was Abartiges essen sie bloß da drüben.“

„Da drüben“ ist das andere Ufer des Dnestr, der sich als silbernes Band durch eine sanft gewellte grüne Landschaft schlängelt. Seit ewigen Zeiten trennt der Fluss zwei Volksgruppen: Am linken Ufer siedeln Slawen, die russisch oder ukrainisch sprechen und mit kyrillischen Buchstaben schreiben. Am linken Ufer, drüben, liegt Bessarabien, wo die Mehrheit rumänisch spricht und lateinisch schreibt. Erst unter Stalin musste im neu geschaffenen Moldawien zusammenwachsen, was nicht zusammengehörte.

1991, die Sowjetunion ist tot, erklärt Moldawien, nun unabhängig, die Wiedervereinigung mit Rumänien zum langfristigen Staatsziel. Das aber wollen einige Mächtige unter den Slawen am linken Ufer des Dnestr nicht mitmachen. Nach Kämpfen mit moldawischen Truppen im Sommer 1992 spalten sie sich ab – Transnistrien, mit 500000 Einwohnern, gründet sich als Zwergstaat neu. Aber nach dem Muster einer alten Sowjetrepublik.

Transnistrien ist international nicht anerkannt. Das mag damit zu tun haben, dass die Sozialistische Dnestr-Sowjetrepublik, wie sie sich nennt, nur durch Abschottung funktioniert. Präsident Igor Smirnow, der zusammen mit einem Häuflein Altstalinisten regiert, hat eine eigene Währung eingeführt, den transnistrischen Rubel, und sogar einen eigenen Mobilfunk-Standard – der mit dem Rest der Welt nicht kompatibel ist. Zu Sowjetzeiten war Smirnow Fabrikdirektor auf der sibirischen Halbinsel Kamtschatka.

In Transnistrien werden Fremde misstrauisch beäugt, schon bei unverfänglichen Fragen, etwa nach Straßen, die in Tiraspol meist nach den Helden der Oktoberrevolution heißen, bleibt kaum einer stehen. Und wenn doch, schauen die Menschen ängstlich um sich. Oxana zum Beispiel, die drüben in Moldawien Kurse bei westlichen Bürgerrechtsorganisationen absolviert hat, sie wird in absehbarer Zeit keine Gelegenheit haben, ihr Wissen in der Praxis anzuwenden. „Für eine Revolution wie bei unseren Nachbarn in der Ukraine ist Transnistrien noch lange nicht reif“, sagt sie.

Zaghafte Ansätze einer Opposition müssen sich als humanitäre Organisationen oder unpolitische Jugendbewegungen tarnen und ihre Zusammenkünfte am anderen Dnestr-Ufer abhalten. Zu Hause werden die Telefone abgehört, Computer beschlagnahmt, und wer wie ein potenzieller Regimekritiker aussieht, bekommt es mit den Beamten des Sicherheitsministeriums zu tun.

Wohlgefällig lässt Lenin seinen Blick über die späten Früchte seiner Saat schweifen. Als überlebensgroßer Koloss in roten Granit gehauen, steht der Revolutionsführer vor dem Präsidentenpalast in Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens. Herrisch weist seine ausgestreckte Hand nach Nordosten – Richtung Moskau, das sich schon während des Krieges Anfang der 90er Jahre auf die Seite der Separatisten stellte und noch immer militärisch präsent ist, mit 2000 Soldaten, die sich wie Besatzer aufführen. Zwar hatte Putin bei seinem Moldawien-Besuch im Juni 2002 beteuert, er sei an dessen territorialer Integrität interessiert. Dennoch macht Moskau bisher keine Anstalten, seine Waffen aus Transnistrien abzuziehen oder zu vernichten. Trotz Verpflichtung gegenüber der OSZE. Termin war Ende 2001.

„Der Schlüssel zur Lösung des Transnistrien-Konflikts liegt in Moskau“, sagt auch Rumäniens Präsident Traian Basascu. Er und sein ukrainischer Amtskollege Viktor Juschtschenko unterstützen daher Forderungen des moldawischen Parlaments nach Abzug der Russen bis Ende 2006. Beide legten außerdem eigene Friedenspläne vor. Wichtigste Punkte: Entwaffnung der Separatisten, mindestens 16000 Mann, und demokratische Wahlen unter Aufsicht.

Zwei Malerinnen Ende 20 würden das nur begrüßen. Die eine dunkelblond, die andere tiefschwarz, sitzen sie auf der Holzbank im Garten des Restaurants Kumatschok in Tiraspol, wo es den rumänischen Maisbrei nicht gibt, und erklären den Besitzern ihre Skizzen für die neue Bemalung der Innenräume. Im Herbst wollen sie fertig werden. Die beiden hatten das Restaurant schon einmal gestrichen – aber dann war es abgebrannt. „Unser erster großer Auftrag“, sagt die dunkelblonde Olga. Nicht einmal ein Erinnerungsfoto hat sie. Der Molotow-Cocktail war nur 14 Tage nach der Eröffnung in den Schankraum geflogen.

So etwas passiert oft in Transnistrien: Meinungsverschiedenheiten werden hier öfter ausgeschossen als ausdiskutiert. Denn anders als in Rest-Moldawien, das zu kommunistischen Zeiten fast vollständig zur armen Landwirtschaftsrepublik gemacht worden ist, ist im abtrünnigen Osten, wo die Sowjets Industrie ansiedelten, durchaus etwas zu holen.

Die Filetstücke gehören inzwischen Sheriff. Das ist ein Firmenname. Das Sheriff-Logo, ein gelber Stern, verdrängt sogar den roten Sowjetstern zunehmend aus dem Straßenbild. Einer der Firmengründer ist Präsidentensohn Wladimir Smirnow, der gleich nach der Abspaltung das Kommando über die Polizei in Tiraspol übernommen hatte. Dort, daher der Firmenname, traten seine Mitgesellschafter durch brutales Vorgehen gegen Oppositionelle in Erscheinung. Später übernahm Smirnow noch die Leitung des transnistrischen Zollamts. Außerdem gehören Sheriff Supermärkte, eine Tankstelle, die entgegen dem transnistrischen Devisengesetz Dollar akzeptiert, eine Mercedes-Niederlassung, ein Fernsehsender, Zeitungen, das Mobilfunknetz mit der merkwürdigen Frequenz und zwei Fußballvereine.

Interviews mit den Sheriffs, erzählt eine Journalistin aus Tiraspol, laufen immer nach dem gleichen Schema ab. Der Besucher fragt, Sheriff Kasmali, für die Presse zuständig, schweigt. Irgendwann lässt er Konfekt, Zigaretten und Cognac bringen und durch seine Assistentin verkünden, er sei kurz davor, ins Guinness-Buch der Rekorde einzugehen. Als weltweit verschwiegenster Manager.

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