Zeitung Heute : Ein Konzert ist wie eine Umarmung

PHILHARMONIE Der mexikanische Startenor Rolando Villazón singt Arien und Lieder von Verdi.

UWE FRIEDRICH

Es geht immer um die ganz großen Emotionen bei Rolando Villazón. Mit weiten, aber klar abgezirkelten Gesten beschreibt er die ganze Welt der riesigen Gefühle, die für ihn in Giuseppe Verdis Opern steckt. Sofort ist klar, dieser Mann kann gar nicht anders als alles zu geben. Hier ist nichts kalkuliert, nichts gekünstelt und vorher ausgedacht. Da spricht jemand von einer Herzensangelegenheit. Das war schon bei seinem Berliner Debüt so, in der vergleichsweise kleinen Rolle des Macduff in Peter Mussbachs eindringlich stilisierter Inszenierung von „Macbeth“. Der Tenor hat nur eine Arie, und die fällt in der Regel nur Tenorspezialisten auf, weil er im Schatten des Titelhelden und der machtgierigen Lady steht. Rolando Villazón aber hatte das Publikum sofort in der Hand mit dem elegischen Abschied von der Heimat, von dem Macduff noch nicht weiß, ob es ein Abschied für immer sein wird.

Mit „Macbeth“ begann die Liebesbeziehung der Berliner Opernfans zu ihm. Und umgekehrt, denn auch Rolando Villazón liebt seine deutschen Fans: „Es macht mich unglaublich glücklich, dass mich so viele Menschen gerade hier in Berlin hören möchten. Besonders im Konzert hat man als Sänger ganz direkten Kontakt mit dem Publikum. Es ist anstrengend, aber ich bekomme auch sehr viel Energie zurück.“ Ein reines Verdi-Programm hat Villazón gerade aufgenommen und stellt es nun im Konzertsaal vor. Dabei stört es ihn überhaupt nicht, dass er sich nicht hinter Kostüm und Maske verstecken kann. Auf dem Konzertpodium steht nur der Künstler, nicht die Rolle im Mittelpunkt und muss ganz direkt den Gehalt der Musik transportieren. Dabei sind die Tenöre gerade bei Verdi immer wie kleine Kinder. „Sie reagieren nicht mit dem Gehirn“, sagt Villazón lachend, „ich würde nicht sagen, dass sie dumm sind, aber sie werden von ihren Gefühlen getrieben. Wir alle sind doch ein Cocktail von Emotionen - das Publikum weiß das und spürt es in Verdis Musik. Deshalb funktionieren diese Arien auch heute noch. Dazu muss man nicht die ganze Oper kennen, muss man nicht wissen, was vorher mit der Figur passiert ist und wie die Geschichte endet.“

Zum Programm gehören nicht nur Opernarien, sondern auch seltener gespielte Lieder. Gerade die kleine Form fasziniert den Sänger, weil das Publikum hier in winzigen Momenten Zeuge größter Schönheit wird. In einer italienischen Oper muss der Tenor üblicherweise zwei bis drei Arien und zwei bis drei Ensembles singen. Zwischendurch hat er Pausen, kann sich in der Garderobe entspannen, während die Kollegen auf der Bühne übernehmen. Im Konzert muss er hingegen fast den ganzen Abend hindurch die Spannung halten, schließlich ist das Publikum nur seinetwegen gekommen. „Man muss sich genau überlegen, wie das Konzert aufgebaut sein soll. Es kann nicht nur dramatisch zugehen. Das Publikum und ich selber, wir brauchen auch die ruhigeren Momente. Aber ein Konzert ist wie eine große Umarmung. Auch im Frack kann man den Inhalt darstellen. Ich habe keine blutigen Hände in der ‚Oberto'-Arie, wie ich sie auf der Opernbühne hätte. Aber ich bin dann nicht mehr Rolando Villazón, der bloß eine Arie singt, sondern ich bin die Person, die Verdi sich vorgestellt hat.“

Schon immer war Rolando Villazón auf der Suche nach den magischen Momenten auf der Bühne. Mit Musik die Seelen der Menschen zu berühren, das ist sein Wunsch, und überraschenderweise klingt es gar nicht banal, wenn Villazón das mit großer Emphase sagt. Er vertraut nicht nur der Kraft von Verdis Musik, vielmehr vertraut er der aufwendigsten und künstlichsten Kunstform, nämlich der Oper: „Und plötzlich merkt man, dass uns diese Kunst noch etwas zu sagen hat. Das ist einfach wunderschön.“

UWE FRIEDRICH

5.5., 20 Uhr. Arien aus „Ein Maskenball”, „Rigoletto”, „Don Carlos” u.a.

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