Zeitung Heute : Ein Kraut fürs Gemüt

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Ein Naturprodukt gegen Depressionen

Hartmut Wewetzer

Johanniskraut, die Pflanze mit den leuchtend gelben Blüten, bringt Licht ins Dunkel der deutschen Seele. Pillen und Tees aus dem Kraut finden in Drogerien und Apotheken reißenden Absatz. Viele nehmen Johanniskraut-Produkte, um Unruhe, Angstzustände oder depressive Verstimmungen zu lindern. Jetzt ist eine deutsche Studie im Fachblatt „British Medical Journal“ erschienen, nach der Johanniskraut noch mehr kann. Ein Extrakt aus der Pflanze kann schwere Depressionen genauso gut bekämpfen wie ein „synthetisches“ Präparat, lautet das Ergebnis – und es wird dazu besser vertragen als das „Kunstprodukt“.

Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Denn bisher gab es zwar Hinweise darauf, dass Johanniskraut bei leichten Depressionen die Stimmung aufhellen kann. Aber sobald eine Gemütsstörung tiefer reicht und längere Zeit anhält, musste bisher auf andere Medikamente zurückgegriffen werden, in den letzten Jahren vor allem auf Anti-Depressionsmittel aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. In der neuen Studie wurde ein Johanniskrautextrakt mit dem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Paroxetin verglichen. 251 Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Depression bekamen über sechs Wochen entweder das eine oder das andere Mittel. Die Besserung des Befindens wurde mit einem Fragebogen ermittelt. In beiden Gruppen ging es Patienten nach dieser Zeit deutlich besser, wobei sich Johanniskraut als mindestens genauso gut wirksam und zudem als arm an Nebenwirkungen erwies.

Die Wissenschaftler nennen dieses Ergebnis „überzeugend“. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. So gibt es auch Kritik. „In der Studie wurde Johanniskraut bevorteilt, das hat das Ergebnis stark verzerrt“, bemängelt etwa Florian Holsboer, Direktor am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

Ein Problem liegt darin, dass zwei der vier beteiligten Wissenschaftler Mitarbeiter der Herstellerfirma des Johanniskraut-Extraktes sind. Das muss natürlich nicht heißen, dass die Ergebnisse geschönt sind. Aber besser wäre es, wenn unabhängige Forscher die Studienergebnisse in eigenen Untersuchungen bestätigen – ein Vorschlag, den die Wissenschaftler am Ende selbst machten.

Der Marketing-Vorteil als reines Naturprodukt erweist sich umso stärker als Nachteil, je mehr das Kraut in die Hoheitsgebiete der „synthetischen“ Mittel vordringt. Zum einen besteht Johanniskraut aus einem Gemisch von Stoffen, deren Gehalt stark schwanken kann. Das widerspricht einer Regel der Arzneiforschung, nach der genau festgelegte Wirkstoffmengen getestet werden, um zu präzisen Aussagen zu kommen. Zudem scheint es so zu sein, dass die Johanniskraut-Wirkstoffe im Gehirn diffus eingreifen und Bindungsstellen (Rezeptoren) auf Nervenzellen beeinflussen. „Johanniskraut ,wuselt’ an allen möglichen Rezeptoren herum“, sagt der Psychiater Holsboer. Bei Depressionen spielt aber vor allem der Stoffwechsel des Botenstoffs Serotonin eine Rolle.

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