Zeitung Heute : Ein Krieg im Krieg

Die Befürchtungen gab es schon vor dem Krieg. Jetzt ist es Gewissheit. Dem ersten Selbstmordanschlag sind vier US-Soldaten zum Opfer gefallen. Der irakische Diktator mobilisiert alle Kräfte gegen die Invasion der Alliierten – auch Terroristen. Es sollen Zehntausende sein.

Frank Jansen

DER IRAK-KRIEG – EINE NEUE FRONT DURCH SELBSTMORDATTENTÄTER?

Der Begriff klingt makaber, erscheint aber angemessen: Am Sonnabend fiel offenbar der „Startschuss“ für eine Welle terroristischer Angriffe. Der Selbstmordanschlag eines Anhängers Saddam Husseins, der sich nahe der südirakischen Stadt Nadschaf mit einem Taxi in die Luft sprengte und vier US-Soldaten mit in den Tod riss, sei eine „Initialzündung“, befürchtet der Terrorismusexperte Berndt Georg Thamm. Dazu passt die Meldung des US-Außenministeriums, in zwei Ländern seien irakische Agenten festgenommen und „terroristisches Material“ sichergestellt worden. Aber auch in Deutschland nimmt die Terrorgefahr weiter zu, wie sich jetzt nach der Razzia gegen Islamisten der Berliner Al-Nur-Moschee zeigt. Was ist nun im Irak und anderswo zu erwarten?

„Der Krieg hat für den Terrorismus einen Beschleuniger-Effekt“, sagt Thamm. Die von Fernsehsendern übertragenen Bilder toter und verletzter Bombenopfer in Bagdad wühlen weltweit Muslime auf. Gerade unter Jüngeren wächst die Bereitschaft zu gewaltsamer Vergeltung. In dieser aufgeheizten Atmosphäre könnte erst recht der „erfolgreiche“ Selbstmordanschlag gegen die US-Soldaten Nachahmer animieren. Sie müssen gar nicht mit Saddam verbunden sein oder mit ihm sympathisieren. Weltweit begreifen Muslime den Irak-Krieg als einen Generalangriff des Westens auf den Islam.

Legitimation zum Terror

Zu befürchten ist eine Art doppelter Schrecken. Saddam Hussein verfügt über opferbereite Milizionäre, er kann verbündete Extremisten aktivieren und möglicherweise tarnen sich irgendwo Agenten als Asylbewerber. Und die Internationale des islamistischen Terrors macht unentwegt weiter, mit Al Qaida an der Spitze. Auch wenn Osama bin Laden für Saddam wenig übrig hat: Für beide verstärkt der Krieg die Legitimation zum Terror.

Zehntausende Freiwillige seien bereit, sich als Selbstmordattentäter zu opfern, drohte Iraks Außenminister Nadschi Sabri schon vor Kriegsbeginn. Nur Propaganda? Das Regime verfügt jedenfalls über die als fanatisch geltende Miliz der „Saddam Fedayin“, vermutlich 20 000 bis 40 000 Mann. Weniger bekannt ist die „Einheit 999“, die angeblich der Geheimdienst der Armee aufgestellt hat. Nach Angaben irakischer Überläufer dienen in der mysteriösen Truppe auch Freiwillige aus muslimischen Ländern. Es soll sich um Guerillas der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) handeln, um Kämpfer der exil-iranischen Volksmujahedin und um Islamisten, die schon in Afghanistan gewesen sind. Trainiert worden seien der Bau von Bomben und der Einsatz chemischer Kampfstoffe.

Die Volksmujahedin sind am stärksten von Saddam abhängig. Etwa 6000 Männer und Frauen leben in einem festungsartigen Camp westlich von Bagdad. Die Volksmujahedin sind Terrorprofis. Zahlreiche Anschläge im Iran gehen auf ihr Konto. In den 70er Jahren töteten sie auch Amerikaner, 1979 beteiligten sich Volksmujahedin am Sturm auf die US-Botschaft in Teheran. Die in Deutschland lebenden Volksmujahedin fallen laut Verfassungsschutz vor allem mit illegalen Geldbeschaffungsaktionen auf.

Saddam kann wahrscheinlich auch auf palästinensische Extremisten zählen. Mitglieder der „Palestine Liberation Front (PLF)“ wurden offenbar bis zuletzt im Irak beherbergt. Weltweit bekannt wurde die PLF, als eines ihrer Kommandos 1985 das Kreuzfahrtschiff „Achille Lauro“ entführte und einen US-Passagier tötete. Über die „Arab Liberation Front“ hat Saddam den Angehörigen von Selbstmordattentätern der Hamas reichlich Dollar-Spenden zukommen lassen. Die Islamisten bezeugen nun dem Irak zumindest verbale Solidarität. 30 000 Anhänger der Hamas demonstrierten am Freitag im Gaza-Streifen gegen die USA. Al Qaida will trotz der Abneigung gegen Saddam Hussein den Krieg mit Anschlägen „begleiten“. Im Februar verbreitete der arabische TV-Sender Al Dschasira einen Aufruf Osama bin Ladens: „Wir verfolgen mit größter Sorge die Vorbereitungen der Kreuzritter, die ehemalige Hauptstadt des Islam (Bagdad) zu besetzen, die Reichtümer der Muslime zu plündern und eine Marionetten-Regierung einzusetzen, die ihren Herren in Washington und Tel Aviv folgt. Wir weisen auf die Bedeutung hin, den Feind in einen langen und erschöpfenden Kampf zu ziehen. Wir betonen die Bedeutung von Märtyrer-Einsätzen gegen den Feind. Diese Angriffe haben den Amerikanern und Israelis so viel Angst bereitet wie nie zuvor.“

Deutschland ist einem „Märtyrer-Einsatz“ zum Beginn des Krieges offenbar knapp entgangen. Der am 20. März in Berlin festgenommene Tunesier bereitete einen schweren Anschlag vor, möglicherweise im Auftrag von bin Laden. „Wahrscheinlich sind weitere Attentate schon fertig geplant“, glaubt Terrorismusexperte Thamm. „Es könnte sein, dass Al Qaida abwartet, bis in der muslimischen Welt die Proteste gegen den Krieg einen Siedepunkt erreichen. Wenn Osama bin Laden dann zuschlägt, ist er der große Gewinner“.

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