Zeitung Heute : Ein Kuss, der ein Leben korrigierte

„Geh mir aus den Augen“, sagt sein Vater. Und Hamudi aus Libanon, der Schrecken des Viertels, schafft, was so wenige schaffen: Mit 15 verlässt er seine Neuköllner Gang und beginnt ein Leben ohne Kriminalität

Katja Füchsel

Sein Vater schaut kaum auf, als der Junge morgens mit weichen Knien das Wohnzimmer betritt. Die Verachtung des Alten ist fast greifbar. Mohammed El-Ahmad schießen die Tränen in die Augen, er beugt sich nieder, nimmt die Hand des Vaters, führt sie erst an den Mund, dann an die Stirn. Noch nie hat Mohammed El-Ahmad so um Verzeihung gebeten, und da ahnt sein Vater, dass es dem Jungen diesmal Ernst ist. Dass er seinen Sohn gestern vielleicht wirklich zum letzten Mal vom Polizeirevier abholen musste.

Drei Jahre sind seit diesem Kuss vergangen. „In der Zeit war nichts, gar nichts“, sagt Mohammed El-Ahmad. Auf dem Kopf des 18-Jährigen kräuseln sich die schwarzen Locken, den Rest der Haare trägt er kurz rasiert. Er lacht, nimmt seinen Ball, dribbelt ein paar Schritte und springt hinauf zum Korb. Die Kinder am Klettergerüst nebenan beachten ihn gar nicht. Einst war El-Ahmad hier gefürchtet. Der Spielplatz an der Mittelstraße gehörte zu seinem Revier. Hier traf sich jeden Tag seine Bande, die es auf anderer Leute Geld abgesehen hatte, auf tragbare CD-Player oder einfach nur auf Randale: die Arabischen Gangster Boys.

Im seinem Kiez zwischen Karl-Marx- und Hermannstraße im Berliner Stadtbezirk Neukölln nennen El-Ahmad alle nur Hamudi – es ist die Koseform für Mohammed. Seit dem Mord an dem Künstler Theo van Gogh in den Niederlanden bekommen sie hier wieder öfter Besuch von Journalisten und Kamerateams. Wenn so etwas wie in Holland auch in Deutschland passierte, da sind sich Politiker, Polizei und Soziologen einig, dann in einem Viertel wie Neukölln-Nord. Es ist ein Ort der traurigen Berliner Rekorde: Bei der Armut, der Arbeitslosigkeit, dem Ausländeranteil, der Verbrechensrate und den Schulabbrechern – die Gegend südlich des Hermannplatzes gehört immer zur Spitze. „Wenn wir die Probleme nicht anpacken, fliegt uns der soziale Sprengstoff um die Ohren“, hat Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky schon vor Jahren gesagt. Jetzt, nach dem Mord in Holland, wird er wieder gehört.

Als wollten sich die Jugendlichen mit den Spraydosen ihrer Existenz versichern: Graffiti auf den Bänken, tags auf dem Klettergerüst. Hamudi muss nachher noch zum Fußballtraining, er trägt schwarze Sportsachen. Er zeigt auf einen Tisch aus Stein: „Hier haben wir uns damals verewigt.“ Die Jungen haben mit dem Hammer auf die Platte eingedroschen bis ihnen der Arm lahm wurde, dafür kriegt die eingemeißelten Initialen kein Putztrupp weg: H, K, N, C.

Man könnte aus Neukölln-Nord endlos Zahlen und Statistiken anführen – oder sich einfach Hamudis Leben anschauen. Der Junge kann gerade laufen, als die Eltern vor dem Bürgerkrieg in Libanon flüchten. Sein Vater, Taxifahrer, findet in Berlin keine feste Arbeit. Seine Mutter ist 16, als sie im Libanon ihr erstes Kind bekommt – die nächsten sechs folgen fast im Jahrestakt. Die Familie zieht nach Neukölln und hier immer wieder um. „In der einen Wohnung gab’s Ratten, in der nächsten Kakerlaken, dann Schimmel“, sagt Hamudi. Sein Vater spricht bis heute kein Deutsch, in Neukölln braucht er das auch nicht; hier haben sich arabische Ärzte niedergelassen, Anwälte, Banken, Optiker, Bäcker. Immerhin, El-Ahmad senior achtet darauf, dass seine Kinder die Sprache des neuen Heimatlandes lernen.

Auch wenn das Geld gerade zum Leben reicht, zählt Hamudi fast schon zu den Privilegierten im Kiez: Seine Eltern sorgen sich um ihn. „Der Vater weiß ganz genau, was er für seine Kinder will“, sagt Ernst Busch, Erzieher, seit 23 Jahren im Freizeitzentrum „Mittelweg 30“. Es liegt 100 Meter von Hamudis Spielplatz entfernt. Zwei Drittel der Jugendlichen im Mittelweg sind Kinder von Arabern, Türken, Kurden oder Jugoslawen. Über den halbwüchsigen Hamudi sagt Busch: „Das war der totale Oberstresser.“

Mohammed El-Ahmad ist zwölf, als er eine Gang gründet. Nur wer zum festen Kreis gehört, 30 Jungen, darf das Erkennungszeichen der Arabischen Gangster Boys tragen: zwei rasierte schmale Streifen über dem rechten Ohr. Die Bande steckt ihr Revier zwischen Thomasstraße, Körnerpark und Mittelweg ab, sie pflegt ihre Begrüßungsrituale und duldet keine Mädchen in den eigenen Reihen.

Die Gangster Boys schlagen kaputt, was sich ihnen in den Weg stellt, sie stehlen und ziehen auf den Spielplätzen die Jüngeren ab. Es gibt aber auch Tage, wo es der Bande nur um Macht und Erniedrigung geht. Wenn Hamudi davon erzählt, klingt das so: Vier fremde Jugendliche laufen durch den Körnerpark. „Ey, Deutsche! Das sind Opfer!“ johlen die Gangster Boys da. Es endet in einer Schlägerei.

Die Bande verbreitet Angst und Schrecken – und zählt doch zu den ganz kleinen Lichtern im Kiez. „Wir haben in Neukölln-Nord und Kreuzberg zehn arabische Großclans von etwa 500 bis 1000 Menschen, die alle der organisierten Kriminalität nachgehen“, sagt Bürgermeister Buschkowsky. „Das sind Parallelgesellschaften, in denen unsere Gesetze nicht gelten.“ Die Großfamilien regeln ihre Streitigkeiten häufig unter sich, Anzeige bei der Polizei zu erstatten widerspricht dem Ehrenkodex.

Reiner Zufall, dass bei den Prügeleien mit den anderen Gangs nicht irgendwann einer liegen bleibt. Oder einer eine Waffe zieht. Immer wieder wird Hamudi von der Polizei nach Hause gebracht, ist aber noch zu jung, um von der Justiz belangt zu werden. Die Ohrfeigen seines Vaters steckt Hamudi weg. Das Register der Straftaten wächst weiter, auch ein Überfall auf ein Drogeriegeschäft geht auf das Konto der Bande.

Mit 14 sitzt Hamudi nach einer Schlägerei erstmals auf der Anklagebank. Es klingt, als hätte ihm die Justiz einen lang gehegten Wunsch erfüllt: „Ich fand das cool, wie im Film: mit Anwalt an der Seite und allem drum und dran.“ Bei seinem zweiten Prozess – es geht um Raub – ist es mit der Lockerheit vorbei, die Angst vor dem Gefängnis kriecht ihm in die Glieder. Aber auch beim dritten Mal – einem Diebstahl – kommt Hamudi mit einer Verwarnung davon.

Mit 15 hat Mohammed El-Ahmad erreicht, was er sich einst ausgemalt hat: Er ist bei seinen Altersgenossen gefürchtet, niemand legt sich mehr mit ihm an. Er liebt Bianca, doch die Gang macht Bianca Angst. Im „Mittelweg 30“, seinem zweiten Zuhause, folgt ein befristetes Hausverbot dem nächsten. Es ist ein Sonnabend im Jahr 2001, als der Junge vor dem Freizeitzentrum steht und um Einlass bettelt: Der Sportartikelhersteller Nike ist zu Gast, hat Großbildleinwände aufgestellt und zum Turnier für Fußballspieler und Basketballer geladen. „Das ist der besonderste Tag der Welt“, bittet Hamudi, aber Ernst Busch steht breitbeinig in der Tür und schüttelt den Kopf. Als Hamudi nach Hause läuft, fühlt er sich plötzlich einsam, ausgestoßen, und es kommt noch dicker: Ein paar Tage später muss der Vater Hamudi nach dem Diebstahl eines Motorrollers neuerlich von der Polizeiwache abholen. Keine Kopfnüsse, keine Predigt erwarten diesmal den Jungen. „Geh mir aus den Augen“, sagt der Alte nur – den Rest seiner Botschaft versteht Hamudi auch ohne Worte: Du bist eine Schande. Du hast deinen Vater entehrt. „Es war ein eiskaltes Gefühl“, sagt der Sohn.

Es folgt der Kuss am nächsten Morgen. Hamudi gelingt es tatsächlich, sich von den Gangster Boys zu lösen und zieht dabei ein paar Freunde gleich noch mit. „Die andere Hälfte der Gang sitzt heute im Gefängnis“, sagt er. Zwei Bandenmitglieder haben einen Mann im Rollstuhl totgeschlagen, ein anderer ist heute Junkie. Im „Mittelweg“ muss Hamudi das oft erzählen, hier kümmert er sich jetzt ehrenamtlich um die schwierigen Jungs. Er trainiert eine Fußballmannschaft, hat mit seinen Freunden die Fassade des Hauses neu gestrichen, beim Bau des Spielplatzes geholfen… Mitte November hat die Berliner Initiative „Fenster der Gewalt“ Hamudi für seine Zivilcourage ausgezeichnet.

Nach der Preisverleihung bietet ihm Harley-Davidson in Kreuzberg eine Stelle als Kfz-Mechaniker an, doch die Offerte hat einen Haken: Wie viele andere Berliner Betriebe hat auch die Motorradwerkstatt zu wenig Geld für Auszubildende. Im Arbeitsamt läuft Hamudi von einem Sacharbeiter zum nächsten – vergebens: Keiner ist bereit, die Ausbildung zu finanzieren.

Also steht Hamudi mittags wieder im „Mittelweg“, gibt ein wenig mit dem Basketball an. Ganz schnell hintereinander trifft der Ball auf den Asphalt, Hamudi spielt ihn hinter sich, dann durch seine Beine nach vorn und wieder zurück. Er ist heute noch immer mit Bianca zusammen. „Manchmal bin ich echt stolz auf mich, wie ich das alles geschafft habe“, sagt Mohammed El-Ahmad. Der schwerste Teil des Weges dürfte noch vor ihm liegen.

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