Zeitung Heute : Ein Lächeln versteht jeder

Mit ihm muss man eben deutlicher sprechen Mancher Arbeitstag geht von 5 bis 22 Uhr Der Gebäudereiniger Mounir Karim hat eine Hörbehinderung. Seinen Job macht er trotzdem mit vollem Einsatz – wie viele andere Berufstätige mit Handicap Karim war noch nie krankgeschrieben

Mit Besen und bester Dinge. Gebäudereiniger Mounir Karim putzt seit vier Jahren. In der Kirche in Alt Reinickendorf trifft man ihn morgens um 9 Uhr. Immer gut gelaunt. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Mit Besen und bester Dinge. Gebäudereiniger Mounir Karim putzt seit vier Jahren. In der Kirche in Alt Reinickendorf trifft man ihn...

Die beiden Münder lächeln. Aber es gibt ein kleines Problem. Man sieht es an der Körperhaltung: Die zwei Menschen, die sich da gegenüberstehen, wirken angespannt, ein bisschen wie Sparringspartner im Ring – die rothaarige Frau im grünen Kostüm und der grauhaarige Mann in der grauen Latzhose.

„Sind sie noch eine halbe Stunde hier?“, will Lotte Karl, Büroleiterin von Mosaik-Services, von Mounir Karim wissen. Der ist als Reinigungskraft für die Sauberkeit des Büros an der Kühnemannstraße in Reinickendorf zuständig. Karim lächelt sein höfliches Lächeln, das so oft auf seinem Gesicht erscheint, und erklärt wortreich, dass er an diesem Nachmittag nur ein bisschen saubermache. „Klein“, nennt er das. Die gründliche Reinigung sei erst wieder am nächsten Tag dran.

„Jetzt haben wir ein Missverständnis. Ich wollte nur wissen, ob sie noch eine halbe Stunde hier sind, weil eine Kollegin ihren Schlüssel vergessen hat, ihn hier abholen will und ich jetzt nach Hause gehe“, antwortet Lotte Karl und spricht dabei langsamer und deutlicher als zuvor.

Karims Lächeln wird auf einmal eine Spur fröhlicher. Jetzt hat er die Büroleitern richtig verstanden: Ja, er bleibe noch eine Weile, antwortet er. Dann schiebt er seinen Metallwagen voller Putzmittel, Toilettenpapierrollen und Müllsäcke ein Stück weiter und sagt: „Körperlich ist mein Job gar kein Problem. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Ich höre nur ein bisschen schlecht.“ Er wackelt gut gelaunt mit dem Kopf hin und her und deutet mit dem Zeigefinger auf sein linkes Ohr. Eine Untertreibung, denn der 47-Jährige ist zu 70 Prozent schwerbehindert.

Allerdings fällt seine Hörbehinderung kaum auf. Nur das Hörgerät, dass im Ohr durchsichtig ist und außen hautfarben, verrät ihn – und die Gespräche, die manchmal mit Missverständnissen enden. Um nicht unhöflich oder inkompetent zu wirken, hat Karim sich angewöhnt, auf jede Frage freundlich zu antworten, auch wenn er sie gar nicht verstanden hat. „Aber es funktioniert gut mit ihm, ich vergesse nur manchmal, dass ich nicht zu schnell reden darf“, sagt Lotte Karl fröhlich.

Denn eigentlich wissen bei Mosaik-Services alle, dass man mit Karim etwas langsamer und deutlicher sprechen muss, dann versteht er dank seines Hörgeräts vieles. „Es ist nur schwierig, wenn zu viele Informationen auf einmal kommen“, sagt Karim.

Mosaik-Services ist ein Integrationsbetrieb. Hier arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung Seite an Seite. Viele der Mitarbeiter mit Handicap sind gehörlos oder haben eine psychische Behinderung. Gebäudereiniger und Maler beschäftigt Mosaik-Services, außerdem betreibt die Firma mehrere Cafés, Restaurants, eine Bäckerei und einen Naturkostladen.

Karim hat noch viele andere Arbeitsplätze außer dem Büro an der Kühnemannstraße. Täglich fährt er in einem Firmenwagen durch Berlin und putzt Büros, Treppenhäuser, eine Kirche, eine Gärtnerei und Drogenberatungen.

„Die Abstimmung mit den Kunden ist manchmal so eine Sache“, sagt sein Chef, der Gebäudereinigermeister Ralf Böker: „Aber Karim kriegt das gut hin, weil er eine positive Ausstrahlung hat.“ Tatsächlich hat man das Gefühl, nichts könne Mounir Karim aus der Ruhe bringen: „Ach, die Leute sind doch überall nett.“ Er wirkt immer gelassen, arbeitet ohne Hast, aber nicht langsam. Zuerst putzt er die Herren-, dann die Damentoilette. So wie jeden Tag.

Um fünf Uhr hat er an diesem Morgen angefangen. Von seiner Wohnung in Charlottenburg, wo er mit seiner Frau lebt, ist er ins Forstamt Tegel gefahren, um dort Ordnung zu machen. Um 12 Uhr war er in einer Drogenberatung in Ruhleben, um 16 Uhr hat er im Büro von Mosaik Services angefangen zu putzen und anschließend steht noch ein Designbüro auf dem Plan, 15 Minuten Autofahrt entfernt. Gegen acht wird er zuhause sein. „Manchmal arbeite ich auch bis 22 Uhr“, sagt er.

Die langen Pausen zwischendrin seien manchmal etwas lästig. Oft fahre er dann nach Hause, um etwas zu essen und sich einen Augenblick auszuruhen. Trotzdem mag er seinen Job, in dem er seit vier Jahren arbeitet: „Ich habe mich noch nie krankschreiben lassen. Ich arbeite auch mit Husten.“

8,40 Euro bekommt er pro Stunde – Tariflohn, wie alle Gebäudereiniger bei Mosaik Services, egal ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Von Januar an sind es sogar 8,55 Euro. Der einzige Unterschied zu den Kollegen ohne Handicap: Schwerbehinderte haben Anspruch auf fünf zusätzliche Urlaubstage.

In der Küche von Mosaik-Services hängt ein Duft nach Waffeln, besonders dreckig sieht es hier nicht aus. Karim saugt und wischt den Fußboden. Jeder Mitarbeiter bekommt ein „Leistungsverzeichnis“ – eine Liste, auf der genau alle zu erledigenden Aufgaben im jeweiligen Büro notiert sind. So müssen sie das nicht selbst mit den Kunden besprechen. Manche hätten trotzdem Zusatzwünsche, sagt Karim. Die erfülle er aber nur manchmal.

Jetzt wischt er mit fast zärtlichen Bewegungen über die Deckel der Mülleimer in der Küche und fängt an, von seiner Vergangenheit zu erzählen. Vom Krieg im Libanon, wo er lebte, bevor er vor 20 Jahren nach Deutschland kam. „Ich war noch nie in meiner Heimat“, sagt er und meint die Palästinensergebiete, aus denen seine Eltern stammen. Inzwischen hat er einen deutschen Pass.

Mit dem gleichen höflichen Lächeln wie vorher im Gespräch mit der Büroleiterin berichtet er vom Tod seines Bruders und seiner Mutter, dem Verschwinden seines Vaters Mitte der siebziger Jahre. „Wir haben ja alle irgendwie gekämpft damals im Krieg.“ Er lächelt auch noch, als er erzählt, wie eine Bombe neben ihm explodiert ist: „Dabei ist mein Innenohr zerstört worden. Aber das hat erst ein Arzt in Deutschland festgestellt.“

Vorher habe er im Libanon studiert und in einer Buchhandlung gearbeitet, erzählt er, während er Papierkörbe in einen Müllsack ausleert. „Das ist in Deutschland leider nicht möglich“, fügt er hinzu. Er habe „keine Hoffung mehr“, noch besser deutsch zu lernen. Zu schwierig mit seiner Hörbehinderung. Sein Akzent ist sehr stark.

Mit seinen gehörlosen Kollegen verständigt er sich über Körpersprache – die offizielle Gebärdensprache kann er nicht. „Manchmal ist es etwas schwierig, wenn Hörbehinderte und Mitarbeiter mit einer psychischen Behinderung zusammenarbeiten“, sagt Böker. Karim sieht das anders: „Ich arbeite mit allen Kollegen gleich gern zusammen.“

Oft funktioniert die Verständigung mit Karim erstaunlich gut: Eine Mitarbeiterin kommt im Mantel auf dem Weg zum Ausgang die Treppe herunter, während er dort staubsaugt: „Karim, das Papier da oben...“, sagt sie. „Wegschmeißen? Das mache ich sofort“, ergänzt Karim ihre Bitte fröhlich, reicht ihr die Hand zum Abschied und verbeugt sich scherzhaft.

Schließlich steigt er ins Auto und nimmt Kurs aufs nächste Büro: „Ich hoffe, es ist dort keiner mehr da“, sagt er. „Das macht doch alles viel leichter.“

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