Zeitung Heute : Ein Leben fürs Protokoll

Ein Zwischenruf: „Übler Bursche!“ Wer war das? Die Stenografin weiß es – sie muss jeden im Bundestag kennen. Ein Porträt.

Verena Friederike Hasel
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Bärbel Heising ist seit 1986 Stenografin des Bundestags.Foto: Thilo Rückeis

Die Vertreter des Volkes sind unruhig. Peer Steinbrück referiert über die Verstaatlichung der Banken – ein wichtiges Thema, doch Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier tuscheln unentwegt. Christian Ströbele kommt zu spät, den roten Schal nach hinten geworfen setzt er sich irgendwo in die letzten Bänke. Nach Steinbrück ist Hermann Otto Solms von der FDP an der Reihe. Enteignungen seien verfassungswidrig, wettert er, und da bricht ein Tumult los: „Brunnenvergifter“, ruft einer, „Brandstifter!“ ein anderer, Regine Künast schimpft, lauter ist nur noch Joachim Poß: „Unglaublich!“, schreit der SPD-Mann. „Übler Bursche!“

Die Fassung bewahrt allein eine Frau: Bärbel Heising. Den Parlamentariern zugewandt saß sie schon kerzengerade auf ihrem Stuhl in der ersten Reihe, als die Abgeordneten erst nach und nach eintrudelten. Wenn jemand dazwischenruft, fixiert sie den Schreihals, senkt den Kopf dann wieder und macht sich Notizen. Wie eine Lehrerin, die den Störenfried ins Klassenbuch schreibt.

Heising ist eine von 33 Mitarbeitern im Stenografischen Dienst des Bundestages, sie und ihre Kollegen sind das Gedächtnis des Parlaments. Weil die akustischen Mitschnitte der Debatten nur das einfangen, was sich in Nähe der Mikrofone ereignet, nicht aber Zwischenrufe wie von Joachim Poß, notieren die Stenografen in Kurzschrift, was sonst noch im Plenarsaal passiert: Zurufe, Beifallsbekundungen, Buhrufe und andere Zwischenfälle, wie jener bei der Jugendgewalt-Debatte letztes Jahr, als sich Abgeordnete der Linken plötzlich Roland-Koch-Masken aufsetzten. „Wir halten die Lebendigkeit fest“, sagt Heising.

Der Aufwand ist enorm. Zu jeder Zeit während einer Sitzung halten sich zwei Mitarbeiter des Stenografischen Dienstes im Plenarsaal auf, dann werden sie abgelöst, gehen in ihre Büros zurück und diktieren ihre Stenogramme einem Sekretär. Später lesen die Parlamentarier Korrektur, die Änderungen, die sie vornehmen, werden wiederum von den Stenografen gegengelesen. Die endgültigen Mitschriften sind spätestens einen Tag darauf online (www.bundestag.de/bic/plenarprotokolle), nachzulesen für jeden Bürger, der wissen will, was sich im Parlament zuträgt – und doch stellen die Mitschriften bloß einen Bruchteil dessen dar, was die Stenografen im Politbetrieb täglich mitbekommen. Sie wissen, welcher Politiker stets zu spät kommt, wer nervös ist beim Reden und wer schlecht vorbereitet. Mit ihrem Platz nur Meter vom Rednerpult entfernt ist kaum einer der politischen Macht so nahe wie sie.

In Bärbel Heisings Büro hängt ein Zeitungsfoto, darauf abgebildet sind die Stenografin und der ehemalige Kanzler. Er steht am Mikrofon, sie sitzt davor und schreibt. Es ist der Moment, in dem Gerhard Schröder im Jahr 2005 die Neuwahlen verkündet. „Das war eine der Situationen, in denen es Zurufe hagelte“, sagt Heising. Sie arbeitet schon seit 1986 im Parlament, damals noch in Bonn, und war dabei, als die Abgeordneten 1991 den Regierungsumzug nach Berlin beschlossen, „auch da war die Atmosphäre emotional“, sagt sie. Ihre Gefühle in dieser Situation erwähnt Bärbel Heising nicht, obwohl damit ja auch ihr eigener Umzug beschlossen wurde.

Es scheint, als habe sie einen anderen Gradmesser für Aufregung als die meisten Menschen – nicht den eigenen Herzschlag, sondern die Zahl der Zurufe. Sie selbst sollte von Berufs wegen antizyklisch fühlen: Je hitziger eine Debatte verläuft, umso mehr muss sie die Ruhe wahren und sich konzentrieren, um ja nichts zu verpassen. In Zeiten wie diesen, in denen die Finanzkrise die politische Ordnung jeden Tag erschüttert, scheint die Stenografin einer der wenigen Menschen im Parlament zu sein, deren Welt nicht aus den Fugen geraten ist.

Dreieinhalb Minuten, so lange braucht Bärbel Heising, wenn sie zügig geht, von ihrem Büro im Jakob-Kaiser-Haus bis zum Plenarsaal – das weiß sie genau. Den Fahrstuhl nimmt sie nie, der könnte stecken bleiben, und dann käme sie zu spät. Stattdessen steigt sie eine Treppe hinab, Himmelsleiter genannt, und geht durch einen unterirdischen Verbindungsgang in den Saal. Dabei hat sie einen Block mit extraglatter Oberfläche, auf dem kann sie besonders gut schreiben.

Und dann läuft alles nach einem engmaschigen Plan: Die Stenografen arbeiten im Fünf-Minuten-Takt. Um neun Uhr morgens beginnt der erste, setzt sich auf seinen Stuhl, der das gleiche Reichstagsblau wie die Stühle der Parlamentarier hat, aber keine Rückenlehne – damit der Stenograf schnell hinuntergleiten kann, wenn seine Ablösung um 9.05 Uhr kommt. Das nächste Mal ist er dann um 10.20 Uhr dran. Und in den dazwischen liegenden 75 Minuten minus Wegezeit macht er das, was Bärbel Heising wie folgt beschreibt: „Wir wandeln gesprochene Sprache in geschriebene um.“

Wenn Bärbel Heising spricht, würde man am liebsten sofort mitstenografieren, so klar und deutlich formuliert sie. Nie verirrt sie sich in ihren Sätzen, Grammatik und Sinn geraten auch bei Konstruktionen mit Parenthesen, Nebensätzen und Partizipien nicht durcheinander. Bei den Politikern ist das nicht immer so. „Die Bank muss gerettet werden, weil sie systemimmanent ist“, hat heute etwa ein Abgeordneter gesagt, Heising überlegt einen Moment, was er gemeint haben könnte, dann verbessert sie: Er habe nicht Systemimmanenz, sondern Systemrelevanz gemeint. Spricht ein Politiker vom Paragrafen 25, recherchiert sie, ob er nicht vielleicht doch den Paragrafen 52 meinte, überprüft Zitate, und aus einem Satz wie „Gucken Sie mal ins Grundgesetz“ wird „Schauen Sie mal ins Grundgesetz“, alles andere wäre zu umgangssprachlich.

In einem Zeitungsartikel ist die Arbeit der Stenografen einmal mit dem Satz „Sie schreiben, was die Politiker eigentlich sagen wollten“ erklärt worden. Bestätigen würde Heising das nicht, dazu ist sie zu bescheiden, und tatsächlich bemüht sie sich stets um maximale Präzision: „Oh“, haben die SPD-Abgeordneten heute einmal in der Debatte gerufen, einige von ihnen aber auch „Ah“. Und weil Heising sich nicht sicher ist, ob der „Oh“- oder der „Ah“-Anteil überwog, notiert sie: „Widerspruch bei der SPD.“

Bärbel Heising ist promovierte Germanistin, Stenografie war in ihrer Jugend ein Hobby, wurde im Studium ein Hilfsmittel. Sie war im Stenoverein, „wie andere in den Schwimmverein gehen“, sagt sie, gewann Medaillen fürs schnelle Schreiben wie andere fürs schnelle Kraulen, 1979 wurde sie sogar Deutsche Jugendmeisterin. Bei einem dieser Wettkämpfe wurde sie vom damaligen Leiter des Stenografischen Dienstes angesprochen, der auf Talentsuche war. Der heutige Leiter, Wolfgang Behm, hat es um einiges schwerer, Nachwuchs zu rekrutieren. „Steno stirbt aus“, sagt Behm.

Während in der Weimarer Republik Stenografie auf dem Lehrplan für Stabsoffiziere stand, lernt in Zeiten der Diktiergeräte kaum noch jemand Kurzschrift. Dabei ist der Job im Parlament attraktiv: Als Bundestagsstenograf ist man verbeamtet, und seit 1994 werden, so formuliert es Behm, „Bewerber mit Entwicklungspotenzial“ intern ausgebildet. Entwicklungspotenzial berechnet sich bei Stenografen in Silben pro Minute, wer mindestens 200 pro Minute schafft, gilt als aussichtsreich. Bärbel Heising kommt auf 425 Silben pro Minute, längst hat sie sich zur Revisorin hochgedient, das heißt, sie bleibt immer eine halbe Stunde im Plenarsaal und kontrolliert die Fünf-Minuten-Häppchen ihrer Kollegen.

Vor 1980 wäre sie jedoch, aller Eignung zum Trotz, nicht eingestellt worden. Lange Zeit war politische Stenografie – im deutschsprachigen Raum Anfang des 20. Jahrhunderts von einem Protokollschreiber im bayerischen Landtag entwickelt – Männersache, Frauen traute man nicht zu, den Belastungen der langen Sitzungen standzuhalten.

Bärbel Heising ist zu Hause in der politischen Welt. Über das Konjunkturpaket referiert sie mit fast staatsmännischer Souveränität, ganz einmalig, sagt sie, sei ein solch schneller Gesetzesbeschluss in der Geschichte der Bundesrepublik.

Mit jeder Wahl muss sich Bärbel Heising neue Gesichter einprägen. Der derzeitige Bundestag hat 612 Abgeordnete, alles potenzielle Zurufer, die schnell identifiziert werden müssen. Zur Arbeitserleichterung hat ein Kollege Heisings ein Computer-Quiz entwickelt, das sogenannte „Abgeordneten-Bilderbuch“. Spielmodi gibt es zwei, entweder bis man einen Fehler macht oder auf Zeit – dann geht es darum, wie viele Abgeordnete man binnen einer Minute erkennt.

Neue Begriffe lernt Bärbel Heising jeden Tag, gerade seit der Finanzkrise. Subprimekredit, bad banks, Schrottpapiere – all diese Wörter musste sie recherchieren. Früher hatte jeder Stenograf Karteikarten, etwa mit allen relevanten Begriffen rund um die Atomkraft. Anfang der 90er programmierte ein Kollege dann eine Datenbank; sie hilft selbst dann, wenn man nur Fetzen eines Wortes verstanden hat. Wer einen afrikanischen Politiker mit „Ogo“ im Namen sucht, bekommt sogleich Mbasogo Nguema, Präsident von Äquatorialguinea, angeboten.

Bärbel Heising beschäftigt heute noch eine andere Frage, Scheiß oder Knall, was ist richtig. „Lassen Sie doch den Scheiß weg!“, diesen Satz hat ihr Kollege als Zwischenruf des wütenden Poß notiert, nachdem Solms die Enteignungen als verfassungswidrig bezeichnet hatte. Heising hat dagegen „Sie haben doch einen Knall!“ gehört. Heising ruft den Stenografenkollegen an, hält Rücksprache, welche Beschimpfung denn nun stimmt. Beide, stellt sich heraus, Heising nickt, dann ergänzt sie den Knall.

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