Zeitung Heute : Ein Lebewesen ganz besonderer Art

Über die Grenzen der naturwissenschaftlichen Deutung des Menschen. Konferenz der Guardini-Professur

Matthias C. Schmidt

Was macht den Menschen aus? Die Forschung in den Lebenswissenschaften hat bislang unbekannte und weitreichende Perspektiven auf die Natur des Menschen eröffnet, die nach Deutung und Einordnung verlangen: Wenn moderne bildgebende Verfahren tiefe Einblicke in unser Gehirn gewähren, wenn sie zeigen, welche Prozesse ablaufen, wenn wir denken, fühlen oder etwas Bestimmtes wollen, bringt das neue Vorstellungen von den Grundlagen menschlicher Existenz hervor. Es entstehen neue Bilder vom Menschen und seinen Möglichkeiten.

Wenn dies auf eine grundlegende Änderung unseres Verständnisses vom Menschen hinausläuft, stellen sich grundsätzliche Fragen an die Wissenschaften und ihre Methodik: Können allein die Naturwissenschaften erklären, was in der Natur vor sich geht? Wir müssen uns erneut darüber klar werden, was „Natur“ beziehungsweise „menschliche Natur“ bedeutet. Ein Beispiel: Die klassische Selbstdeutung des Menschen als eines frei Handelnden wird auf die determinierende Tätigkeit seiner Nervenzellen reduziert. Befürworter sagen, dies sei naturwissenschaftlich belegt, Kritiker sehen hier einen „neuen Naturalismus“ am Werk.

Neue Methoden verlangen nach neuen Gesprächen. Darum ist es höchste Zeit für einen Austausch zwischen den verschiedenen fachlichen Perspektiven und Positionen, zwischen Lebenswissenschaften und Medizin auf der einen und Philosophie und Theologie auf der anderen Seite.

Die neu errichtete Guardini Professur in der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität stellt sich dieser Herausforderung und richtet vom 13. bis 16. Juli unter dem Titel „Naturalisierung des Menschen? Tragweite und Grenzen der naturwissenschaftlichen Deutung des Menschen“ eine interdisziplinäre wissenschaftliche Konferenz aus. Die im Tagungszentrum Hotel Aquino stattfindende Konferenz stellt Ergebnisse vor, die von etwa 30 Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auf zwei vorausgehenden internen Tagungen erarbeitet wurden.

Die Konferenz nimmt zwei Problemfelder des Naturalismus-Konzepts in den Blick. Zunächst unser Verständnis von „Gesundheit und Krankheit“: Ist Gesundheit nur Abwesenheit von Krankheit? Ist sie mehr als nur das Funktionieren von Organen? Die Konferenz will zeigen, dass sowohl die naturwissenschaftliche Beobachtung wie das ärztliche Urteil sich im Fall von Gesundheit und Krankheit implizit immer schon auf eine Natur des Menschen beziehen, die über den von den Naturwissenschaften beobachtbaren Umkreis von Daten hinausgeht.

Hier schließt die zweite zentrale Frage der Tagung an: Wie haben wir überhaupt die organische Natur des Menschen zu verstehen? Offensichtlich ist er ein Lebewesen ganz besonderer Art. Die Konferenz wird auf die vielen Fragen, die die besondere Existenzweise des Menschen, aufwirft, Antworten suchen - über die Grenzen der naturwissenschaftlichen Deutung hinaus.

Informationen im Internet:

www2.hu-berlin.de/theologie/guardinils/projekte.html

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar