Zeitung Heute : Ein leises Stöhnen bei der CDU

MICHAEL MARA

POTSDAM .Das Bild erinnert an eine Beerdigung - und so etwas ähnliches wird es dann auch werden.In dunklen Anzügen strömen Brandenburger Christdemokraten nach 17 Uhr zur Wahlparty ins Luxushotel "Voltaire".Im "Salon Berlin" ist ein edles Buffet aufgebaut, auf silbernen Tabletts wird Sekt gereicht.Von Siegesgewißheit keine Spur."Wir werden bei der Bundestagswahl Stimmen verlieren", prophezeit ein Christdemokrat, "die Frage ist nur, wieviel?" Der Alt-Bundestagsabgeordnete Ulf Fink, der auf Platz 5 der Landesliste steht und bei Stimmenverlusten um den Wiedereinzug in den Bundestag bangen muß, gibt sich vorsichtig optimistisch: "Es wird noch mal reichen." Wetten will niemand abschließen, alle warten auf die 18-Uhr-Prognose.

Als sie auf der Großbildleinwand eingeblendet wird, geht ein Stöhnen durch den Saal."Das kann nicht sein", murmelt ein junger Mann.Ein paar Frauen schütteln ungläubig den Kopf, eine hat Tränen in den Augen.Die meisten schweigen.Um 18 Uhr 10 betritt Wagner, der sich mit seinen Getreuen in einen Salon zurückgezogen hatte, den Saal.Tröstende Worte hat er für seine konsternierten Parteifreunde nicht parat.Später, vor Journalisten, gibt er sich zwar kämpferisch: Man werde sich jetzt auf die Landtagswahl konzentrieren und alles tun, um die Vormachtstellung der SPD zu brechen.Doch machen Parteifreunde keinen Hehl daraus, daß es für die märkische Union noch schwieriger wird.Die bange Frage lautet: Wie hoch sind die Verluste in Brandenburg? Fällt die CDU, wie die ersten Auszählungsergebnisse vermuten lassen, um acht auf 20 Prozent? Generalsekretär Thomas Lunacek, der später blaß vor die Journalisten tritt, kündigt - anders als Wagner - Konsequenzen an: Die CDU müsse nach diesem Desaster genau überlegen, mit welchen Konzepten sie in den Landtagswahlkampf gehe.Von personellen Konsequenzen spricht er zwar nicht.Doch meinen manche Christdemokraten, daß Wagner, sollte die CDU in Brandenburg überdurchschnittlich verlieren, nicht mehr zu halten sei."Mit ihm können wir die Landtagswahl nicht gewinnen".Auch bei der SPD herrscht durchaus nicht nur eitel Sonnenschein.Ausgelassene Freude über den Wechsel in Bonn ja, aber auch Katerstimmung über das eigene Ergebnis.

Die märkischen Sozialdemokraten, die den Mund gern voll nehmen, wollten bei der Kür Schröders Zünglein an der Waage spielen und ihr Ergebnis von 1994 um rund fünf auf 50 Prozent steigern: Mindestens 50 000 Stimmen zusätzlich, lautete die Parole.Um 21 Uhr 10 sind sie mit 43,8 Prozent nicht nur weit entfernt davon.Gegenüber 1994 müssen sie sogar einen Verlust von 1,4 Prozent in Kauf nehmen.Landesgeschäftsführer Klaus Neß hat eine Erklärung parat: Die SPD habe bei den Erststimmen rapide hinzugewonnen und wohl auch erneut alle Direktmandate erobert.Bei den Zweitstimmen habe es offenbar eine Zersplitterung zugunsten der kleinen Parteien gegeben.

Auch die grüne Spitzenkandidatin Silvia Voß ist nicht so recht zufrieden: Die Grünen dümpeln im Landesdurchschnitt, nach den Zwischenergebnissen wie vor vier Jahren bei 3,8 Prozent.Deswegen ist äußerst ungewiß, ob ihr der Einzug in den Bundestag gelungen ist.Es könne sein, daß es eine rot-grüne Koalition ohne einen Brandenburger Grünen im Bundestag gebe.

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