Zeitung Heute : Ein letztes Klingelzeichen
Christer Brandt ist ein bedächtiger Mann, der dreimal überlegt, bevor er eine Entscheidung fällt. Auf diese Weise hat er seinen kleinen Malerbetrieb schon durch einige Krisen gebracht. Und weil er das Malmöer Stadtviertel, dessen Geschick in seinen Händen liegt, seit 20 Jahren kennt, glaubte er auch, ihn könne nichts mehr überraschen. Dann bekam Brandt Anfang März einen Bericht der Schulbehörde in die Hände.
Natürlich wusste Brandt, 59 Jahre alt und Bezirksbürgermeister, dass die Hermodsdal-Schule in seinem Stadtteil Fosie seit Jahren Schwierigkeiten mit gewalttätigen Schülern hatte, doch gab es noch ein Dutzend andere Schulen in Malmö, in denen es genauso war.
Brandt las: „Die Atmosphäre in der Schule wurde im letzten Jahr härter, körperlich ausgetragene Konflikte sind gewöhnliche Begebenheiten. Streit und Zerstörung gehören zum Alltag. Das Personal erzählt von fehlenden Normen, Mafiastimmung und Ghettomentalität und berichtet von Bedrohung und Bestrafung unter den Schülern.“
Jahrelang hatte die Hermodsdal-Schule mehr Geld als alle anderen Schulen in Malmö erhalten, und trotzdem ist kaum etwas besser geworden. Fenster wurden zerstört, Brände gelegt. Letztes Jahr hatten hundert Eltern ihre Kinder von der Schule genommen. Und auf der nächsten Stadtbezirksversammlung, es war der 11. April, verkündete Brandt seinen Entschluss. Es ging alles sehr schnell.
Die Mittelstufe der Schule, also die siebte bis neunte Klasse, soll wegen der Gewalttätigkeit geschlossen werden. Es ist das erste Mal in Schweden, dass so etwas passiert.
Jytte Lindborg, die Rektorin, kennt die Schwierigkeiten ihrer Schule nur zu gut. Mit dem Beschluss der Stadtpolitiker hatte sie jedoch nicht gerechnet. Sie fühlt sich übergangen. Erst im Dezember hatte der Stadtbezirksausschuss ihr für die Sanierung der Schule drei Millionen Euro extra bewilligt. Dass das Haus, ein Bau aus den 60er Jahren, erst 2003 gestrichen wurde, kann man sich beim jetzigen Anblick kaum noch vorstellen. Die Wände sind verschmiert, überall liegt Müll herum, die Fensterfront im Erdgeschoss ist nach mehreren Einbrüchen vergittert.
Jytte Lindborg ist zierlich, sie trägt einen dunklen Anzug. Seit Dezember 2004 ist sie hier, sie wusste von den Schwierigkeiten, mit denen ihr Vorgänger zu kämpfen hatte. Das Einzugsgebiet ihrer Schule hat sich in den der letzten 15 Jahren sehr verändert: In den einstmals von Schweden bewohnten gelben Mietshäusern der Umgebung leben jetzt Migranten aus Kroatien, Bosnien, Somalia, dem Irak und dem Maghreb, meist unter schwierigen sozialen Bedingungen. Anfang der 90er Jahre belief sich der Ausländeranteil der Gegend auf 15 Prozent, mittlerweile sind es 95 Prozent.
Lindborg sah sich vor die Aufgabe gestellt, eine für schwedische Kinder gedachte antiautoritäre Schule in eine Schule zu verwandeln, wo respektvoller Umgang und Vertrauen erst erarbeitet werden müssen. Sie hat einen Schulrat gegründet, bestehend aus Elternvertretern und Schulleitung. Sie arbeitet mit der Polizei und dem Sozialamt zusammen. Zwei Jungen, die eine Lehrerin mit einer Luftpistole bedrohten, hat sie zwei Wochen lang zum Arbeiten geschickt, sie mussten in einer Gärtnerei aushelfen.
Lindborgs vielleicht größter Erfolg: 15 Jungen, deren Verhalten als kriminell einzustufen war, hat sie sechs Wochen lang aus der Schule genommen und extern in Sachen Lebensführung unterrichten lassen. Ein Physiklehrer erzählt die Geschichte eines dieser Jungen. Wie ausgewechselt sei der. Aus einem Schläger sei einer geworden, der sich für Physik und Mathematik begeistert.
Doch insgesamt hat sich wohl wenig geändert. Lindborg sagt: „Nach nur 16 Monaten können die Politiker nun mal keine komplette Kehrtwendung erwarten.“ Langfristig sollten mehr Lehrer eingestellt werden, so dass die Klassenstärke von derzeit 24 Schülern auf 10 gesenkt werden kann. Für all das hätte es aber mehr Geld und Zeit gebraucht.
Schüler und Eltern gingen vor zwei Wochen auf die Straße, um gegen die Schließung zu protestieren. Die beiden Lehrergewerkschaften haben ebenfalls Einspruch erhoben. Das hat Eindruck gemacht, auch bei Christer Brandt. Deshalb hat er vorgestern eine Übergangslösung angeboten: Vorerst sollen nur die siebte und achte Klasse aufgelöst werden. Die neunte darf ihren Abschluss noch an der Hermodsdal-Schule machen.
Und in Berlin-Neukölln ist Brandt gewesen. Lange geplant war der Besuch, Bezirksbürgermeister Brandt war zwei Stunden lang beim Bezirksstadtrat für Bildung. Brandt sagt: „Ich hatte den Eindruck, bei mir ist es schlimmer als dort.“ Und er ist überrascht, dass die Neuköllner Rütli-Schule nicht geschlossen wird: Wenn in Schweden Lehrer einer Schule um eine Schließung bitten würden, seien die Arbeitsschutzgesetze so, dass dies auch geschehen muss.
Der Neuköllner fand Brandts Entscheidung mutig. Die endgültige – nach einer Beratung der schwedischen Lehrergewerkschaften – fällt an diesem Donnerstag.






