Zeitung Heute : EIN LOBLIED AUF DAS NIVEAU DER WELTMEISTERSCHAFT: Pressing hat bei allen Teams ausgedient

PARIS .Mit einem Loblied auf die sportlichen Inhalte hat die mit namhaften Experten besetzte Technische Kommission der FIFA eine erste Bilanz der Weltmeisterschaft in Frankreich gezogen."Das Niveau der Spiele ist besser als 1994.Die technische und physische Qualität der Spieler ist gestiegen", erklärte der frühere französische Nationaltrainer Gerard Houllier am Sonntag zu den Erkenntnissen seiner Studiengruppe.Fortschritte und neue Trends seien fast in allen Bereichen auszumachen.Zu den überraschenden taktischen Entwicklungen des Fußballs zählt jedoch: Das System 4-4-2 sei weitestgehend von einem 3-5-2 abgelöst, das Pressing habe bei allen Mannschaften ausgedient.

Diese in der Vergangenheit oft und erfolgreich praktizierte, zugleich aber kräftezehrende taktische Variante, den Gegner bereits am eigenen Strafraum zu attackieren und zu Fehlern zu provozieren, wurde offenbar inzwischen aus Selbstschutz eingemottet.Schottland habe es im dritten Vorrundenspiel gegen Marokko (0:3) noch einmal versucht, sagte Houllier, "aber da ging der Schuß nach hinten los".Die Afrikaner führten mustergültig mit flinkem Angriffsspiel eine erfolgreiche Gegenstrategie vor.Der Technischen Kommission des Weltverbandes entgeht praktisch nichts.Alle zehn Weltmeisterschaftsspielorte sind mit absoluten Fachleuten besetzt.Neben Houllier, der als Nachfolger von Michel Platini und Vorgänger von Aime Jacquet zwischen 1992 und 1994 Chefcoach der Franzosen war, analysieren - unterstützt von jeweils zwei Assistenten und Videokameras - unter anderem der Niederländer Rinus Michels, der Slowake Jozeph Venglos oder der Schotte Andy Roxburgh alle Weltmeisterschaftsspiele bis ins kleinste Detail.

Der WM-Fußball habe in der Vorrunde vor allem von Athletik, Kraft und Einsatzwille gelebt."Die Kraft entschied auch über den Tabellenplatz.Einsatzwille und Athletik sind immer das beste Argument", sagte Houllier.Auf den Plätzen herrsche eine gesunde Agressivität, aber keine Aggression.

Die deutsche Diskussion über die Vierer-Abwehrkette ist überholt.Das 3-5-2 mit einem Libero vor der Abwehr und schnellen Außen im offensiven Mittelfeld ist aktuell.Für Verteidiger klassischer Prägung ist kaum noch Platz, kreative Köpfe mit technischer Brillanz gewinnen zunehmend auch auf diesen Positionen die Oberhand.Als spielprägende Persönlichkeiten auf einer Libero-Position vor der Abwehr führte Houllier Spieler wie Dunga (Brasilien), Almeyda (Argentinien) und Deschamps (Frankreich) als Beispiele an.47 Prozent der Tore wurden von Mittelfeldspielern geschossen, doppelt soviele wie in den USA.Herausragende klassische Spielmacher sind hingegen rar.Frankreich erlebt auch eine WM der (Mittel-)Stürmer.Vieri (Italien), Batistuta (Argentinien) und Ronaldo (Brasilien) führen die Hitliste an.

Schnörkelloses Spiel mit dem schnellen Paß in die Spitze, mustergültig vorgeführt von Di Biagio und Vieri am Sonnabend im Achtelfinale gegen Norwegen, führen oft zum Erfolg.Allein 32 Treffer wurden bereits in der Vorrunde nach diesem Muster erzielt, in 37 Fällen fruchtete das Spiel über die Außen, 14 Mal führte ein Alleingang zum Erfolg.Die Angreifer profitieren nach Ansicht von Houllier von der durch verschärfte Regelauslegung provozierten Furcht der Abwehrspieler vor dem Tackling.

Gleichwohl resultieren bei der WM ungewohnt viele Tore aus Standardsituationen, "nur" 83 (65,9 Prozent/1994 67,7) der 126 Treffer in 48 Vorrunden-Spielen waren fließend herausgespielt.

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