Zeitung Heute : Ein Löffel Madrid, eine Prise New York

ROLAND MISCHKE

Buenos Aires - nach enormen Bemühungen eine attraktive Metropole, die jedoch auch massive Probleme hat VON ROLAND MISCHKE

Madonna als Evita weckt in Buenos Aires nostalgische Gefühle.Die einstige Landesmutter wird noch immer hochverehrt in der Stadt, die sich zwar aus ihrem Koma hochgerappelt hat - doch eine neue Evita gut gebrauchen könnte. Wer jüngst im Kino war, hat es gesehen.Madonna, die im Evita-Film von Alan Parker die Hauptrolle bekam, steht auf dem Balkon der Casa Rosada, des rosafarbenen Präsidenten Palasts in Buenos Aires, und begeistert das Volk mit ihrer Ansprache.Das fast schon abgeschriebene Stehauffrauchen kommt uns also als Nationalheilige Argentiniens.Ihr Name steht auch neben dem der Volksheldin auf den Mauern von Buenos Aires.Viva Evita! Fuera Madonna! Es lebe Evita! Hau ab, Madonna! Die Farbe ist noch nicht abgeblättert, aber der Fluch ist schon Geschichte.Als Madonna im vergangenen Jahr zu Dreharbeiten in die argentinische Hauptstadt einflog, sagten ihr gleich 62 peronistische Organisationen den Kampf an.Ganz Entschlossene drohten der Gringo-Kratzbürste sogar den Tod an, die Sicherheitsvorkehrungen bei den Dreharbeiten wurden massiv verstärkt.Doch die Lady, die sich auf Bühnen in Kopulationsposen windet, war schlau.In Interviews, Statements und Besuchen bei betagten Evita-Gefährten machte sie gut Wetter.Was Eva Peron getan habe, sei gut gewesen "für die Stellung der Frau in der Gesellschaft", für "die Befreiung der Massen", verkündete Madonna mit Pastorinnenstimme. Auf der Plaza Mayor, dem Platz vor der Casa Rosada, hocken inmitten von Taubenschwärmen Hafenarbeiter, die gerahmte Bilder von Evita und Peron aufgetellt haben.Sie demonstrieren für höhere Löhne.Evita, da sind sie sicher, hätte sich ihrer angenommen.Der Operettenpräsident dagegen, der sich in seinem Amtssitz von anachronistischen Figuren in Belle-Epoque-Uniformen bewachen läßt, nimmt offiziell von dem Streik keine Kenntnis. Indianisches Element getilgt In Argentinien dreht sich derzeit alles um Geld.Das "vergessene" Land, das nach dem Alptraum der Militärdiktatur mit ihren Tausenden Toten, nach Jahrzehnten wirtschaftlicher Probleme, galoppierender Inflation und gesellschaftlichen Niedergangs, auf die Weltbühne zurückgekehrt ist, in dem Wirtschaftsreformen rigoros durchgepaukt und der Peso an den US-Dollar gekoppelt wurde, erlebt einen gewaltigen sozio-ökonomischen Umbruch.Offiziell gibt es 16 Prozent Arbeitslose, in Wahrheit sind es mindestens doppelt so viele.Vor allem der Mittelstand, der stets einen opulenten Lebensstil mit viel Fleisch, Wein und Müßiggang pflegte, erfährt in geradezu unheimlicher Weise, was es heißt, den Gürtel ganz eng schnallen zu müssen.25 Prozent der zwischen zwölf und 14 Millionen geschätzten Einwohner von Buenos Aires leben unterhalb der Armutsgrenze.Die Gefängnisse sind so voll wie in der Zeit des Militärregimes, nur daß nicht mehr politische Gefangene einsitzen, sondern vor allem Diebe und Verzweiflungstäter.Die meisten von ihnen stehlen, weil sie nichts mehr zu verlieren haben. Evita hat für diese Menschen einst die Tresore der Staatsbank geplündert, bis sie fast leer waren.Als "Engel der Armen" schenkte sie alleinerziehenden Müttern Nähmaschinen, verteilte auf ihren Wahlkampfzügen für Peron Bargeld und küßte seriell uneheliche Kinder.1952, als sie auf dem Höhepunkt ihrer Popularität und erst 33 Jahre alt an Krebs starb, wurde sie umgehend unsterblich.Wenn selbst bärbeißige Macho-Hafenarbeiter sich am Devotionalienkult um Evita beteiligen, zeigt das, welch eine Wirkung die Gattin des Caudillo - der sie aus dem urbanen Bodensatz der "Straßenspatzen", einer freundlichen Umschreibung für Prostituierte - aufgelesen hatte, bis heute ausübt. Die Stadt, in der Evita, die aus einem Dorf in der Pampa kam, ihren Triumphzug erlebte, hat sich in den letzten Jahren aus dem Koma aufgerappelt.Die Bemühungen waren enorm, um aus dem heruntergekommennen Buenos Aires wieder eine attraktive Metropole zu machen.Allein in den Bau und die Verschönerung von Hotels wurden in den letzten drei Jahren 450 Millionen Dollar investiert.70 000 Arbeitsplätze entstanden im Dienstleistungsbereich.Inzwischen hat Argentinien mit über drei Millionen Besuchern pro Jahr, davon zehn Prozent Deutsche, Brasilien als Touristenziel Nummer eins in Lateinamerika überflügelt.Fast alle reisen über Buenos Aires ein. Die Florida (Betonung auf der zweiten Silbe) zieht sich kilometerlang als elegante Einkaufsstraße durch die Capital Federal.Sie existierte schon als Fußgängerzone, bevor Stadtplaner in Europa an dergleichen dachten.Hier wird flaniert, Kaffee getrunken, geflirtet.Die Florida ist Tag und Nacht von Menschenmassen erfüllt.Der Schmelztiegel Buenos Aires hat prächtige Geschöpfe hervorgebracht.Es geht die Kunde, nirgendwo auf der Welt gäbe es so viele schöne Menschen auf einmal.Allerdings fällt auf, daß - im Vergleich zu anderen südamerikanischen Städten - das indianische Element im Straßenbild kaum auszumachen ist.Der Grund: Die Einwanderer haben es in europäischer Gründlichkeit getilgt.Das Morden an den Ureinwohnern ist ein noch unerledigtes Kapitel argentinischer Geschichte. Buenos Aires wurde 1536 von Don Pedro de Mendoza gegründet, der sie Nuestra Señora Santa Mar¿¤a del Buen Aire (Unsere Heilige Jungfrau der guten Winde) nannte.Doch die erste kleine Niederlassung mit einem Hafen wurde mehrfach von Charrúa-Indianern zerstört, 1580 gründete man die Stadt zum zweiten Mal.Der spanischen Gesetzgebung für die Neue Welt treu, rotteten die Kolonisten die Indianer mit Feuer und Schwert aus, legten die Straßen und Plätze wie Schachbrettmuster an und bauten zahlreiche Kirchen und Klosteranlagen, die immer noch das Stadtbild bestimmen.Als Argentinien 1816 seine Unabhängigkeit erlangte, hatte Buenos Aires 50 000 Einwohner. Angelockt vom argentinischen "Wirtschaftswunder" strömten von 1870 an Einwanderer in Massen in die Stadt, zeitweise brachten 2000 Schiffe pro Jahr Europamüde zu Zehntausenden in die Neue Welt.Italiener, Spanier, Bewohner des Balkan, Juden, Araber, Armenier, Weißrussen, während der Weltwirtschaftskrise auch viele Deutsche.Sie brachten neben ihren Träumen auch ihre Bau-Gewohnheiten mit.Buenos Aires wucherte als Abklatsch Europas zur Millionenstadt empor.Als habe jemand einen Löffel Madrid, einen kräftiger Schuß Rom, Zutaten aus Paris und Wien und eine Prise New York genommen, und einen Cocktail geschüttelt.Buenos ist ein Panoptikum der Architekturgeschichte - Europas! Es gibt lauschige Plätze, luxuriöse Einkaufsmeilen, breite Magistralen, Paläste nach dem Vorbild des französischen Eklektizismus, Elemente der Art Nouveau, Neu-Barock und Kaffeehäuser im Wiener Zuckerbäckerstil. Die Avenida 9 de Julio ist eine Prachtstrasse, 155 Meter breit, an den Seiten gesäumt von baumbestandenen Alleen, in der Mitte glänzt der achtspurige Asphaltstrom.Eigentlich entstand sie nur als bauliche Verlegenheit nach der Jahrhundertwende, als schnellhochgezogene Häuser von Einwanderern abgerissen wurden. Recoleta ist die beste Adresse in Buenos Aires.Auch für Tote.Auf dem Stadtfriedhof des Nobelviertels ruhen Gebeine in 6000 Mausoleen, vor den Gruften stehen Admiräle, Fabrikanten, Modeärzte, Indianerschlächter im Generalsstatus, Dichter und Kürassiere - in Bronze.Argentiniens Glanz und Gloria.Vor dem Grab von Evita liegen ständig frische Blumen.Obwohl niemand weiß, ob die Gebeine der blondierten Heiligen, die als Flittchen in die Stadt kam und sich einen Präsidenten köderte, noch im Schubfach der Mauernische aufbewahrt sind.Eine Geschichte, die das Leben schrieb, die Millionen in die Kinos spült und dazu führt, daß Stadtführungen auf Evitas Spuren oft ausgebucht sind. Rings um das Manhattan der Toten hat Recoleta sich mit seinen Nobelrestaurants und Boutiquen schick herausgeputzt.Wer hier dinieren (nie vor 22 Uhr) und kaufen kann, lebt auf der Haben-Seite.Für Durchschnitts-Argentinier sind die Preise astronomisch.Alte müssen mit einer Mindestrente von 150 Peso auskommen.Soviel kostet in Recoleta ein Kleid oder ein Drei-Gänge-Menü.Die Männer tragen weiße Jacketts und Mokassins, ihre Begleiterinnen sind aschblond und wie in knitterndes Geschenkpapier eingewickelt.Den Kellnern liegt das gegelte Haar an wie Hundefell. Auch San Telmo, einst vornehm, dann arg heruntergekommen, ist wieder als romantisches Stadtviertel hergerichtet worden.Riesige Herrenhäuser, kopfsteingepflasterte Höfe, hübsche Antiquitätengeschäfte und nostalgische Lokale.In der musealen Alltagswirklichkeit San Telmos wird das Markenzeichen der Stadt besonders spürbar, die Melancholie.In Buenos Aires ist jeder verrückt nach Seelenerkundung, hier liegen mehr Patienten auf den Couches ihrer Psychotherapeuten als in New York.Trübsal, Schwermut, bleischwere Traurigkeit sind Erfahrungen, die hier alle zu teilen scheinen.Überall, auf den Bänken, in den Cafés oder an Bartresen, sieht man Menschen, die leer vor sich hinstarren.Manchen sehen aus wie die Figuren des Malers Edward Hopper, mit schweren Körpern und großen Schädeln. Buenos Aires ist eine Stadt der Gegensätze, der grotesken Unterschiede zwischen arm und reich.Der Mittelstand verschwindet allmählich.In Puerto Madero, einem recycelten Hafenviertel in der Nähe der Casa Rosada, sind nachts in den Lokalen die Vermögenden unter sich.Das Geld selektiert gnadenlos in Argentiniens Hauptstadt, in der sich viele nach einer neuen Evita sehnen.Doch die ist nicht in Sicht. TIPS FÜR BUENOS AIRES - Anreise: Lufthansa fliegt von Frankfurt am Main jeden Dienstag, Donnerstag und Sonnabend nonstop nach Buenos Aires.Rückflug Mittwoch, Freitag oder Sonntag.Der Nachtflug dauert 14 Stunden und kostet 1801,50 Mark mit Flughafengebühr.Aerolineas Argentinas fliegt von Frankfurt via Madrid oder Rom und Sao Paulo (circa 18 Stunden Flugzeit) nach Buenos Aires zum Preis von 1749 Mark. - Reisezeit: Der Sommer auf der südlichen Halbkugel währt von Oktober bis März.Buenos Aires ist aber das ganze Jahr über ein empfehlenswertes Reiseziel. - Veranstalter: Buenos Aires-Besuche werden nur in Verbindung mit Südamerika-Reisen angeboten.Der Berliner Veranstalter Windrose, bietet eine 16- und eine 15-Tage-Tour "Chile-Argentinien-Brasilien", die 7640 beziehungsweise 8120 Mark kostet.Reisetermine: Ende März bis Anfang April, Mitte bis Ende Oktober, Ende Dezember bis Anfang Januar, Anfang Januar bis Anfang Februar 1998.Telefonnummer: 201 72 10, Internet:

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