Zeitung Heute : Ein Mädchen, zwei Anwälte und viele Rechnungen

Das Urteil fällt, ein Prozess endet. Ein anderer beginnt erst noch: Stephanie R. muss verarbeiten, was ihr angetan worden ist

Verena Mayer[Dresden]

Am Ende dreht sich Mario M. noch einmal weg. Als ihn die Polizisten zur Anklagebank geführt und ihm die Handschellen abgenommen haben, stellt er sich in eine Ecke und kehrt allen den Rücken zu, dem Publikum, den Kameraleuten, der Realität. Den kahlgeschorenen Kopf vorgereckt, verharrt er, bis die Richter den Saal betreten. So, als gäbe es auf der Welt nur ihn und diesen Winkel. So, als würde er notfalls mit dem Kopf durch die Wand gehen, um nichts um ihn herum wahrnehmen zu müssen. Als er zwölf war, hat Mario M. einmal seinen Traum gemalt. Auf dem Bild war eine Insel zu sehen, darauf ein Haus und ein Mädchen. Abgeschottet hat sich Mario M. ein Leben lang. Das Mädchen für sein Inseldasein hat er am 11. Januar 2006 entführt.

36 Tage lang hat er die 13 Jahre alte Stephanie R. in seiner Wohnung in Dresden gefangen gehalten. Er hat sie gefesselt und angekettet, er hat ihr den Mund mit Pflaster verklebt und sie in eine Holzkiste gesperrt. Er hat das Mädchen geschlagen, er hat es von morgens bis abends sexuell missbraucht, vergewaltigt und die entwürdigendsten pornografischen Aufnahmen gemacht, so viele, dass die polizeilichen Abschriften des Aufgezeichneten zwei Aktenordner füllen. Am Donnerstag wurde Mario M. vom Landgericht Dresden zu 15 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Mario M. verfolgt die Urteilsbegründung mit hochrotem Schädel, aber vollkommen ruhig. Er hat etwas zutiefst Renitentes an sich, der 36-Jährige wirkt wie ein Schüler, der die Predigt eines Lehrers über sich ergehen lassen muss. Auf der anderen Seite sitzen zusammengeduckt die Eltern des Mädchens, schmale und gezeichnete Leute. Sie halten sich an den Händen, und als nach der Verhandlung die Fotografen auf sie zustürzen, stellen sie sich mit unbeholfenen Bewegungen für die Kameras auf und lächeln, als müssten sie für ein Familienfoto posieren. Mit leiser Stimme sagt die Mutter, dass ihre Tochter nun endlich keine Angst mehr haben müsse. „Wir sind sehr glücklich, in unserer Heimatstadt Dresden bleiben zu dürfen.“ Und: „Ein herzliches Dankeschön an alle, die an unserem Schicksal Anteil genommen haben.“

Der Fall hatte für einen nie dagewesenen Medienrummel gesorgt. Im September hatte der „Spiegel“ Stephanie R. interviewt und bis ins letzte Detail über ihre Gefangenschaft berichtet. Wenig später befragte Johannes B. Kerner Stephanie nicht weniger ausführlich in seiner Talkshow. Und auch nach ihrer Befreiung am 15. Februar wurden Fotos von dem Mädchen veröffentlicht und der Name ausgeschrieben, obwohl das presserechtlich nicht zulässig ist. Was muss ein Verbrechensopfer, ein Kind noch dazu, heutzutage alles mit sich geschehen lassen?

Das sei die falsche Frage, sagt der Jurist Thomas Kämmer, der als Mitarbeiter des Rechtsanwalts Ulrich von Jeinsen die Familie R. vertritt. „Es geht nicht nur um Opferschutz, sondern auch um Opferinteressen.“ Das Interesse der Familie R. sei nun mal eine „aktive Opferrolle“ gewesen. Dazu habe gehört, dass das Kind seine Sicht der Dinge schildere. Eine Sicht, die 100 Vergewaltigungen umfasse und nicht nur die 30 angeklagten. Weil die Beweise gegen M. eindeutig waren, hatte die Staatsanwaltschaft das Kind aus Opferschutzgründen keiner weiteren Vernehmung aussetzen wollen. „Die Öffentlichkeit will, dass die Opfer schweigend leiden“, glaubt Kämmer. „Wir haben diese verordnete Statistenrolle durchbrochen.“

Ulrich von Jeinsen und Thomas Kämmer haben sich auf einen Bereich spezialisiert, der auch in Deutschland an Bedeutung gewinnt: die Vertretung von Katastrophen- und Verbrechensopfern. Wenn man Thomas Kämmers Lebenslauf liest, steht da oft ein Ort und eine Zahlenangabe. Etwa: Bad Reichenhall, sechsstellig. Kaprun, sechsstellig. Überlingen, 150 000 Dollar. Die Orte sind Unglücksschauplätze, der Einsturz einer Eishalle, der Brand in einer Gletscherbahn, die Kollision zweier Flugzeuge. Die Zahlen stehen für die Summe, die Anwälte meistens von Versicherungen für die Opfer oder deren Angehörigen erstritten haben.

Auch im Fall Stephanie geht es um viel Geld. Eine Million Euro Schadenersatz forderte Ulrich von Jeinsen vom Freistaat Sachsen, weil der bei den Ermittlungen geschlampt habe. Die Polizisten hatten ein falsches Stichwort in den Computer eingegeben: Mario M., der nach einer Vergewaltigung 1999 als Sexualtäter registriert war, tauchte nicht als Verdächtiger auf, obwohl er nur einen Steinwurf entfernt vom Haus der Familie R. wohnte.

Thomas Kämmer hat kein Problem mit der Medienpräsenz der Familie R., im Gegenteil. Er hat gute Kontakte zu den Medien und weiß sie für seine Sache zu nutzen. „Wenn ein Opfer stabil ist, würden wir jederzeit wieder so vorgehen.“ Auch habe Stephanie von manchem öffentlichen Auftritt sehr profitiert, etwa von einer Benefiz-Gala in München. „Sie hat Veronica Ferres kennengelernt, das hatte eine stabilisierende Wirkung auf sie.“

Eine Viertelstunde braucht der Richter, um einen Schlusspunkt unter einen der spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre zu setzen. Dann will er noch etwas sagen. Dass Prozesse nicht in den Medien stattfinden, sondern vor Gericht. Und dass die Polizei „mit großem Engagement und sehr sorgfältig recherchiert“ habe. Ulrich von Jeinsen und Thomas Kämmer sehen das anders. Vom Vorwurf, die Schmerzensgeldforderungen – und damit das Honorar – künstlich in die Höhe getrieben zu haben, will Kämmer nichts wissen. Er rechnet vor: „36 Tage war das Mädchen gefangen, nach spätestens vier hätte sie freikommen können, wenn die Polizei ordentlich gearbeitet hätte. Macht 32 Tage à drei Vergewaltigungen, der Grundbetrag liegt bei je 20 000 Euro. Dazu kommen die Entjungferung, die Angst vor Schwangerschaft und vor Aids. Macht 140 000 Euro obenauf, und da ist das, was die Eltern durchlitten haben, noch gar nicht einkalkuliert.“ Inzwischen wollen sich der Anwalt der Familie und sein Mitarbeiter mit 312 000 Euro zufrieden geben. Damit sollen vor allem Stephanies Therapien bezahlt werden. Er sei zuversichtlich, dass es eine Einigung mit dem Freistaat geben werde, sagt Kämmer.

Regungslos sitzt Mario M. da, bis der Prozess zu Ende ist. Man hat nicht den Eindruck, dass viel von außen zu ihm durchdringt. Er hat immer nur sich selbst als Maßstab genommen. Er schmiss eine Schlosserlehre in der Filmfabrik Wolfen, weil er nicht bei der FDJ sein wollte. Seine Kumpels redeten davon, aus der DDR abzuhauen, er marschierte als Einziger los. Schon damals liebäugelte er mit den Rechtsextremen, nach der Wende wählte er NPD. Er zog sich zurück, erst aus dem Arbeitsleben, dann aus dem Freundeskreis. Je kleiner sein Radius wurde, desto mehr wollte er das wenige, das er hatte, beherrschen. Und zwar mit allen Mitteln. Er erschlug den Hasen einer Freundin mit seinem Hausschuh, weil das Tier aufs Bett gesprungen war. Als er eines Tages auf der Straße einen Mann sah, der sein Auto laufen ließ, trat er den Autospiegel weg und schlug mit einer Stahlkette zu. Einmal geriet er mit vier Leuten in Streit und hieb mit einem Knüppel auf einen von ihnen ein, bis der blutüberströmte Mann bewusstlos zusammenbrach.

Mario M.s letzte Aktion fügt sich in dieses Muster. Am zweiten Verhandlungstag kletterte er auf das Dach der Justizvollzugsanstalt und blieb dort 20 Stunden. Als habe er sagen wollen, ich steige euch allen aufs Dach, wie es der psychiatrische Gutachter ausdrückt.

1999 lernte Mario M. ein 14 Jahre altes Mädchen kennen. Das Mädchen führte seine Hunde aus, einmal wollte er es küssen. Das Mädchen wehrte sich. Da vergewaltigte er es. Bis 2002 saß Mario M. deswegen in Haft. Danach hockte er die meiste Zeit zu Hause, allein mit seinen Hunden und dem Fernseher. Er sah sich Kindersendungen an, deren enge Welt seinen Träumen von der Insel entsprach. Dann wollte er das Mädchen für seine Insel. Eines Tages sah er Stephanie, mehrere Wochen lang schlich er in ihrer Umgebung herum. Dann kam der Tag, an dem auf einem Kinderkanal eine Serie lief, in der es um eine Zwölfjährige geht, die unglücklich verliebt ist. Kurz darauf zerrte er Stephanie in sein Auto. 20 Minuten später vergewaltigte er sie zum ersten Mal. Er drohte ihr, sie den Hunden vorzuwerfen, wenn sie versuche zu flüchten.

Stephanie R. versucht inzwischen, so gut es geht, das Leben einer normalen Jugendlichen zu führen. Sie besucht das Gymnasium, geht zur Tanzschule und träumt davon, Schauspielerin zu werden. Sie macht eine Delfintherapie. Die Folgen der Taten seien erheblich, sagt der Richter. Eine Kindheit sei zerstört. Mario M. dreht sich weg.

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