Zeitung Heute : Ein Mahnmal, keine Mahnmeile

PETER VON BECKER

Nach Auschwitz sei es nicht mehr möglich, Gedichte zu schreiben - kaum ein Wort ist in politischen und kulturkritischen Debatten so häufig zitiert und zugleich mißverstanden worden wie dieses Diktum Theodor W.Adornos.Tatsächlich meinte der aus dem amerikanischen Exil nach Frankfurt zurückgekehrte Sozialphilosoph, es sei nach dem industriell organisierten Massenmord wohl undenkbar geworden, ein Kunstwerk zu verfassen - oder auch Politik zu betreiben -, ohne Bewußtsein davon, daß etwas wie Auschwitz zum Menschenmöglichen gehört.Dies heißt nun nicht, daß jeder Mensch, jeder Politiker oder Künstler unablässig die Apokalypse vor Augen haben müsse.Andernfalls hätte der nationalsozialistische Mord- und Totenkult noch nachträglich über das Lachen und alle Freude der Überlebenden und kommenden Generationen gesiegt.

Allerdings bedeutet die Erfahrung von Auschwitz, daß unsere Zivilisation gleichsam für immer ein Stück Unschuld verloren hat.In anderer Weise traf dies auch zu auf die Erfindung der Atombombe.Der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt sagte darum, einer Welt im Zeichen der Bombe komme allein noch die Groteske bei, die altehrwürdige Gattung der Tragödie wirke angesichts der möglich gewordenen nuklearen Selbstauslöschung beinahe schon lächerlich.Dies sind Stichworte nur - um etwas von den Schwierigkeiten zu begreifen, die sich heute mit dem Projekt eines Holocaust-Mahnmals in Berlin, in der Hauptstadt des einstigen Täterlandes, verbinden.

Das südlich des Brandenburger Tores, unweit der unterirdischen Reste von Hitlers Reichskanzlei und Führerbunker, geplante "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" hat Architekten und Künstler aus zahlreichen Ländern vor eine fast unlösbare Aufgabe gestellt.Wie sollte die Erinnerung an einen monströs unfaßlichen Schrecken, wie sollte die Trauer über Millionen Opfer und die Vorstellung von ihrem Friedhof der Lüfte eine konkrete, dreidimensionale und gar noch für künftige Generationen verbindliche Gestalt annehmen? Kein Wunder, daß sich der einzige nach zwei internationalen Wettbewerben noch ernstlich diskutierte Entwurf für das von der Bundesregierung, dem Land Berlin und einem privaten Förderkreis "ausgelobte" Mahnmal durch ein hohes Maß an Abstraktion auszeichnet.Die mehrtausend ungleich hohen Betonstelen, die der New Yorker Architekt Peter Eisenman und sein früherer Partner Richard Serra vorgeschlagen haben, eröffnen einen gewiß befremdlichen und zum assoziativen Nachdenken auch über Gräberfelder und menschliche Irrwege anregenden riesigen Steingarten.Der Vorwurf des Kitsches, der in der schier endlosen öffentlichen Diskussion immer wieder erhoben wurde, kann Eisenmans Entwurf gewiß nicht treffen.

Entscheidender jedoch als alle im In- und Ausland geäußerten Bedenken gegen ein womöglich allzu abstrakt-monströses Gebilde in unmittelbarer Nachbarschaft authentischer Orte, Museen und Dokumentationsstätten ist die Frage: Soll ein zentrales Holocaust-Mahnmal ausschließlich den ermordeten Juden oder nicht auch den anderen in Auschwitz, Treblinka, Majdanek gequälten und getöteten Opfern gewidmet sein? Bisher nämlich trügen sich die unbedingten Verfechter des Denkmals um die realistische Einsicht, daß es weitere, mit ähnlichem Recht auch von anderen Opfer-Gruppen geforderte Gedenkstätten inmitten einer sich endlich normalisierenden Stadt kaum geben wird.Die Stadt gehört den Lebenden, sie kann vor allem für ihre jüngeren, künftigen Bewohner kein künstlicher, symbolischer Friedhof sein.Eine "Mahnmeile" oder gar ein Berliner "Reichsopferfeld" (so Walter Jens) wäre eine bedrückend-absurde Vorstellung.

Eisenman und Serra hatten ursprünglich vorgeschlagen, daß inmitten ihrer Anlage eine weiß gefärbte Stele von allen übrigen Steinteilen abstechen sollte: zum Zeichen, daß auch unter den jüdischen Opfern der "Andere", der Nichtjude seinen Platz hat, weil alle zuallererst Menschen und nicht nur Angehörige einer (von den Tätern definierten!) Gruppe, Religion oder Kultur waren.Warum haben die Auslober diesen Vorschlag für ein Mahnmal, gewidmet den ermordeten Juden Europas und allen anderen Opfern des Holocaust, ohne Not abgelehnt? Diese Korrektur der Korrektur ist überfällig - und dann hätten nicht Kanzler und Bürgermeister, sondern das demnächst neu gewählte Parlament dieses Landes das endlich letzte Wort.

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