Zeitung Heute : Ein Mann für ungewisse Stunden

Entführung, Missbrauch, Selbstmord – Christian Lüdkes Spezialgebiete machten ihn zum gefragten TV-Experten. Und wütend

Armin Lehmann[Köln]

Er hat in alle Abgründe geschaut, die das Leben offenbart und die von Menschen gemacht werden. Aber man kann ihn noch erschüttern. Christian Lüdke, 46 Jahre, Psychotherapeut, „und für sein Alter ziemlich klein“, wie er sagt, muss sich nur an einen Anruf erinnern, der ihn in diesem Jahr erreichte. Er saß in seinem Büro in Köln, fünfter Stock, unter ihm langweilte sich der Rhein. Am anderen Ende meldet sich die Redaktion einer bekannten ZDF-Talkshow. Es geht um Stephanie. Das Mädchen, 13 Jahre alt, ist entführt, gefangen gehalten und missbraucht worden. Jetzt soll sie vor einem Millionenpublikum darüber berichten. Lüdke sagt zweimal: „Ich rate dringend davon ab.“ Ein paar Tage später sitzt Stephanie in der Sendung.

Wenn Lüdke davon erzählt, ist ihm zumute wie einem Kind, das man erst geohrfeigt und ihm dann sein liebstes Spielzeug gestohlen hat. Er kann nicht fassen, dass man nicht auf seinen Rat gehört hat, nicht glauben, dass es Angehörige seiner Zunft gibt, die gesagt haben, man müsse das Kind mit dem Erlebten konfrontieren. Lüdke ruht normalerweise in seinem kleinen, vom Kampfsport trainierten Körper. Doch wenn es um „solche fahrlässigen Einschätzungen“ geht, schießt die Wut aus ihm heraus wie aus einem Vulkan. „Unverantwortlich.“ Er schüttelt sich.

Es geht in dieser Geschichte nur nebenbei um Stephanie R., deren Peiniger auf dem Dach des Gefängnisses spazierte, was Fernsehsendern wert war, live darüber zu berichten. In den nächsten Tagen wird das Gericht ein Urteil über Stephanies Vergewaltiger sprechen, ihr Fall aber wirft die Frage auf, wie weit öffentliches Interesse gehen darf.

Christian Lüdke kennt die Grauzone, in der sich Anteilnahme mischt mit Voyeurismus – der sich gut verkauft. Auch in diesem Jahr beherrschte ein Mix aus Ekel und Entsetzen die öffentliche Diskussion. Da waren die Entführungen von Susanne Osthoff und zwei deutschen Ingenieuren im Irak, die tödliche Misshandlung des kleinen Kevin aus Bremen, die Entführungsfälle von Natascha Kampusch und Stephanie, der Amoklauf von Emsdetten. Bei all diesen Fällen haben Medien Psychologen bemüht. Lüdke findet das in Ordnung, solange der Zuschauer nicht auf die falsche Spur geführt wird, wie etwa bei Natascha Kampusch. Lüdke sagt: „Hier wurde den Menschen das Märchen einer hübschen jungen Frau vorgespielt, die sich selbst befreit hat und nun stark und kräftig ist.“ Das Gegenteil sei wahr: „Starke Verletzungen der Seele sind nicht in wenigen Tagen heilbar. Es gibt kein Märchen, nur ein Trauma und die Folgen.“

Der Psychotherapeut bewegt sich selbst auf einem schmalen Grat, gehört er doch zu den bekanntesten Experten im Fernsehen. Er kommentiert öffentlich, und weil er es öffentlich macht, wird er dafür von Berufskollegen kritisiert. Es gibt kaum einen Sender, auf dem Lüdke nicht zu sehen ist, und wenn die „Bild“-Zeitung anfragt, schreibt er auch eine Bewertung des Abschiedsbriefs von Bastian B., dem Amokläufer von Emsdetten. Er lehnt erst ab, wenn er das Gefühl hat, „nicht mehr Stimme der Opfer zu sein oder ich die Opfer nicht mehr geschützt sehe“. Dem ZDF hat er sich aus diesem Grund verweigert. Lüdke sagt: „Vermeintliches öffentliches Interesse führt immer häufiger zum Missbrauch des Opfers.“

Er sagt das mit einer Mischung aus Ärger und Selbstzweifel, als Grenzgänger zwischen seriöser Aufklärung und populärer Erklärung. Manchmal hat man im Gespräch das Gefühl, der Mann, der da im adretten Anzug sitzt mit passender Krawatte, ist ehrlich erschrocken darüber, dass er eine Doppelrolle hat. Er lockert umständlich den Kragen, so, als ob ihm unwohl ist in einer Welt, in der vor allem der schöne Schein zählt. Es rumort wieder in ihm, er hadert mit „Journalisten, die Raubtiere sein können“, sein Körper ist gespannt wie ein Tiger auf der Jagd. „Gerade wenn es um Kinder als Opfer geht“, sagt er, „bricht mein Schutzschild“.

Seinen Kritikern fehlt das „Diplom“ als Etikett vor dem Psychotherapeuten Lüdke, und wenn der dann noch dem ZDF erlaubt, für das Reportageformat „37 Grad“ seine Arbeit als Therapeut zu filmen, schnappt die übrige Zunft schnell ein. Lüdke ist promovierter Erziehungswissenschaftler, Soziologe und Sportmediziner. Er hat auch das erste Staatsexamen in Theologie, und nebenbei ist er über die Sprach- und Lernbehindertenpädagogik zur therapeutischen Ausbildung gekommen, hat sich geschult, fortgebildet – Verhaltenstherapie, Psychotraumatologie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Er ist auch Autodidakt, das macht ihn anderen suspekt.

Man muss an dieser Stelle erwähnen, dass es neben dem Medienmann Lüdke noch andere Lüdkes gibt. Etwa den Wissenschaftler Lüdke, der sich an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mit Selbstmordforschung und Sexualverbrechen beschäftigt hat oder den Lüdke vom Deutschen Institut für Psychotraumatologie, der die Abteilung für Notfallpsychologie leitete. Es gibt auch den Kriminalpsychologen Lüdke, der für die Polizei arbeitete und Beamte bei Einsätzen begleitete, die man besser nicht im Detail beschreibt. Auch der Lüdke ist interessant, der mit einer Kriminaloberkommissarin verheiratet ist und zwei Töchter hat.

Dann gibt es da den Geschäftsmann Lüdke, der für eine große Versicherung ein neues Geschäftsfeld aufbaute. Die „HumanProtect Consulting GmbH“ (HPC) hat sich auf psychologische Akutintervention spezialisiert. Der Opferschutzbund „Weißer Ring“ sagt, er sei „heilfroh, mit HPC einen zuverlässigen Partner an der Seite zu haben“. Ursprünglich entwickelte Lüdke ein Modell, um Bankangestellte nach Überfällen schnell betreuen zu können, mittlerweile arbeitet sein Team aber nicht mehr allein für Banken, Einzelhändler oder Lottoannahmestellen. Auch das Auswärtige Amt greift auf seine Hilfe zurück. Er hat Deutsche nach der Entführung im Jahr 2000 auf der Ferieninsel Jolo betreut, nach dem Attentat auf Djerba oder den Anschlägen von New York am 11. September 2001.

Fehlt noch der verletzbare Lüdke, der mit 31 Jahren einen schweren Unfall hat. Er wird von seinem Motorrad geschleudert, klatscht auf den Asphalt, rutscht über die Straße. Er denkt, er müsse sterben. „Irgendwas hat mich am Leben gehalten“, sagt er. Als er danach, körperlich unverletzt, wieder aufsteht, spürt er, wie stark das Leben in ihm ist. Lüdke glaubt, dass sein Fundus an Erlebnissen und Referenzen ihn sicher macht auf dem Weg zwischen Seriosität und Populismus. Er sagt: „Ich will den Opfern eine Stimme geben, weil die Öffentlichkeit oft der Faszination des Bösen unterliegt und sich lieber für die Täter interessiert. Und ich will zeigen, dass Therapie kein Hexerei ist.“

Tritt Lüdke im Fernsehen auf, geht es meist um dieselben Fragen: Was ist ein Trauma, was passiert da mit den Menschen, wie gefährlich sind die Folgen? Lüdke wiederholt die Antworten unermüdlich: „Ein Trauma ist eine Verletzung der Seele. Ein Trauma ist nicht beendet, wenn das Ereignis vorbei ist. Ein Trauma verläuft in Phasen: Schockphase, Einwirkungsphase, Erholungs- oder Chronifizierungsphase.“ Und was kann man tun? „Vertrauen geben, Wärme, Mitmenschlichkeit. Ein Therapeut ist in der Soforthilfe vor allem ein bezahlter Freund.“ An dieser Stelle zieht Lüdke seine Grenze: Über eigene Patienten redet er nur mit ihrem Einverständnis. Lüdkes Augen werden schmal, er kennt zu viele Geschichten, die vom heuchlerischen Interesse an den Opfern künden. Stephanies Geschichte ist nur eine von vielen.

Als Robert Steinhäuser, ein 19 Jahre alter Schüler, 2002 in Erfurt 16 Schüler und Lehrer erschießt, werden auch Lüdke und sein Team angefordert. Aber was er dort erlebt, erschüttert sein Berufsethos: „Über 40 Hilfsorganisationen haben um die Opferbetreuung gestritten wie auf dem Basar. Die haben sich angeschrien, wer wen betreuen darf“, erzählt Lüdke. Er beschließt: „Wir ziehen uns zurück.“

Der Missbrauch von Opfern auch durch Medien ist kein Einzelfall: Nach dem Amoklauf von Emsdetten kommen Heerscharen von Journalisten in die kleine Stadt im Münsterland. Kindern wird Geld geboten für eine Geschichte über den Täter, Reporter versuchen, auf die Intensivstation des Krankenhauses zu kommen, wo der Vater liegt.

Und dann gibt es da noch die Rechtsanwälte. Vor einiger Zeit betreute Christian Lüdke eine Mutter, deren Kind entführt worden war, die Geiselnehmer forderten ein hohes Lösegeld. Ein spektakulärer Fall. Der Psychotherapeut bekam drei Anrufe von renommierten Anwälten, die ihn unabhängig voneinander baten, einen Kontakt zur Mutter herzustellen. Sie wollten sogar umsonst arbeiten. Lüdke sagt: „Die wollen in die Öffentlichkeit. Je spektakulärer der Fall, desto besser für den eigenen Ruf.“ Natürlich erwähnten die Anwälte, Lüdke würde von ihnen profitieren können.

Auch im Fall Stephanie hat Lüdke einen Anruf bekommen. Mehrfach bat ihn ein Anwalt darum mitzuarbeiten. Lüdke, so lautete das Ansinnen, könnte für mediale Öffentlichkeit sorgen, später werde man durch das Geld der Medien und durch Schmerzensgeldforderungen viel Geld verdienen. Der Mann kam sogar nach Köln. Lüdke hat ihn hinausgeworfen.

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