Zeitung Heute : Ein Mann mit fixen Ideen

FDP-Parteichef war er schon, jetzt ist er auch Fraktionschef – Guido Westerwelle genießt die neue Machtfülle. Aber ist er reif dafür?

Antje Sirleschtov

„Machen Sie doch mal das Licht an!“, sagt Guido Westerwelle. An diesem Donnerstag ist es ihm eindeutig zu finster in seiner Parteizentrale, dem Thomas-Dehler-Haus in Berlin, obwohl doch die großen Fenster des Präsidiumssaales im vierten Stock viel Licht hineinlassen. Aber Westerwelle wäre nicht Westerwelle, wenn er nicht auch diese unbedeutende Gelegenheit zur strahlenden Darstellung seiner selbst nutzen würde. Zwei Dutzend Journalisten hat er an diesem Tag eingeladen, um ihnen die Zukunft der FDP zu erklären. Der Referent fummelt hektisch an den Schaltern neben der Tür herum, und gleich knallt es viele hundert Watt von der Decke. Und zwar direkt auf ihn, den Mann, der von nun an die FDP sein wird. In der morgen beginnenden Parlamentswoche ist das erstmals zu besichtigen: einer, der Parteichef ist und Chef der Fraktion im Bundestag noch dazu.

Es ist eine Zäsur, die sich in diesen Tagen in der ehrwürdigen liberalen Partei vollzieht. Morgen Mittag wird zum ersten Mal nach acht Jahren nicht Wolfgang Gerhardt, sondern Guido Westerwelle die 61 Abgeordneten der FDP im Reichstag zur Fraktionssitzung begrüßen. Und um ihn herum wird kaum noch jemand von großer Bedeutung sein. Die Älteren, jahrzehntelang Aushängeschilder eines bürgerlichen Liberalismus, haben die großen Bühnen der Politikshow verlassen. Und die Jüngeren suchen unter sich noch einen, der Westerwelle das Wasser reichen kann. Ob das reicht für künftige Wahlsiege in ganz Deutschland?

In der Parteizentrale nennen es die Altvorderen einen „ganz normalen Generationenwechsel“, wenn jetzt ein 44-Jähriger nicht nur die großen Linien der Partei vorgibt, sondern auch die vielen taktischen Schachzüge managt, die es braucht, um bis zur nächsten Wahl in der Opposition nicht unterzugehen. Und wie sie das sagen, die Brüderles und Solms’, klingt es irgendwie logisch und auch richtig für die FDP. Denn es sind ja noch drei Jahre, und zwar drei lange, bis dahin. Und Wolfgang Gerhardt, der bisherige Fraktionschef, der wird dann 65 sein. Irgendwann im letzten Herbst, als Franz Müntefering begann, die CDU-Chefin milde anzulächeln, hatte Gerhardt sich das so überlegt: Noch zwei Jahre wollte er die Fraktion führen, dann sollte Schluss sein.

Nur: Ganz so selbstverständlich, wie es jetzt scheinen soll, ist es mit dem Generationenwechsel dann doch nicht geworden. Denn rasch nachgerechnet: Die zwei Jahre sind noch lange nicht rum – und trotzdem ist Wolfgang Gerhardt nicht mehr Fraktionschef.

War es also ein eiskalter Putsch, der ihn gleich nach der Bundestagswahl den Vorsitz in der Fraktion gekostet hat? Manch einer, gerade von den Älteren in der Fraktion, hatte es damals so gesehen und murrt auch jetzt noch leise von einem „unwürdigen Vorgang“. Danach hatte Gerhardt gerade noch ein halbes Jahr Gnadenfrist für den Abschied.

Es war ein stiller Abschied von seiner Fraktion, den er vor drei Wochen genommen hat. Wie sehr er ihn gedemütigt hat, darüber lässt sich noch immer nur spekulieren. Dem Konrad Schily hat Gerhardt unlängst melancholisch auf die Schulter geklopft. „Wir zwei, wir vertreten hier zwar den demografischen Wandel, aber wir sind doch noch ganz schön munter, nicht wahr?“

Gerhardt habe sich arrangiert, sagt einer, der ihn gut kennt. Damals, im Herbst, da konnte man sie ihm noch ansehen, die Enttäuschung darüber, dass ein anderer Außenminister wurde. Das war Gerhardts großes Ziel gewesen, und alle hatten gesagt, dass er das nötige Format besitze. Richtig grau war sein Gesicht, als es am 18. September 2005 dann doch nichts wurde. Wahl gewonnen und doch nicht in der Regierung. Zerschmolzen in einem Augenblick, das Sahnehäubchen auf der Karriere. Und dann nimmt ihm Westerwelle in dieser schweren Stunde auch noch den Fraktionsvorsitz. Nun packt er sich den Terminkalender so voll, dass keine Zeit für einen Rückblick bleibt. Schon gar nicht für einen bitteren, was sowieso nicht Gerhardts Art ist. Außenpolitischer Experte der Fraktion ist er nun, Chef der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung und kommt gerade von Reisen aus Japan und Litauen zurück.

Und der Neue? Vorerst genießt Westerwelle den Machtzuwachs, wie nur er ihn genießen kann: laut. Er strahlt. Gerade hat er einer Zeitung von seinem Glück erzählt. Angekommen sei er, politisch und in der Liebe zu Michael Mronz, dem langjährigen Lebenspartner, ein Manager aus Düsseldorf. Akzeptiert, endlich akzeptiert. Als unangefochtene Spitze von Partei und Fraktion genauso wie als Mann, der einen Mann liebt. Leute, die ihn kennen, sagen, er habe schon immer allen zeigen wollen, dass er es mal bis nach ganz oben schafft. „Erwiderte Liebe“, sagt Westerwelle jetzt, das ist sie, seine „Vorstellung vom Glück“.

Und mit ihr im Rucksack düst der Vorsitzende dieser Tage von Nord nach Süd, und zu keinem einzigen Ereignis, das die Medienwelt oder auch nur ein paar niedersächsische Bauern in Atem hält, fehlt sein Kommentar. „Westerwelle gegen das Antidiskriminierungsgesetz“, „Westerwelle gegen Nationalhymne auf Türkisch“, „Westerwelle skeptisch beim Elterngeld“. Auch in Löningen, Niedersachsen, ist er dabei, als sie am letzten Freitag ihren 9. Huckelrieder Spargelkönig des Oldenburger Münsterlandes krönen. Mancher in der FDP schüttelt schon den Kopf. Ob ihr Vorsitzender einfach beschlossen hat, den Bundestagswahlkampf vom letzten Jahr allein weiterzuführen? Wolfgang Kubicki, Kieler Landeschef und ewig unzufrieden mit seinem Vorsitzenden, fürchtet gar schon um die „Seriosität der FDP in der öffentlichen Darstellung“, wenn Westerwelle fortfährt, die Leute dauerzubeschallen. Ob er vielleicht doch noch nicht reif ist für beide Rollen? Die des smarten Erneuerers der FDP und die des bildungs- und kulturbürgerlichen Liberalen ordentlicher Abstammung, den sie gerade im Süddeutschen in FDP-Politikern wie Gerhardt geschätzt und gewählt haben?

Den ersten richtigen Krach gab’s schon an jenem Tag, an dem Westerwelle es gern so scheinwerferhell gehabt hätte. Regieren mit der SPD, darauf wolle er die Liberalen jetzt einschwören, hat Westerwelle da gesagt. Wegen der miserablen Unionspolitik und wohl auch ein bisschen, um es dem Edmund Stoiber zu zeigen, der ihn ja für einen politischen Leichtmatrosen hält. Die Reaktion kam prompt und heftig. „Dumm und unsensibel“ schallte es ihm entgegen. In Schleswig-Holstein wollten den Führungsliberalen „sämtliche Haare ausfallen“, und in Sachsen schimpft Landeschef Holger Zastrow noch immer: „Es gibt keine Option mit der SPD! Wir sind ein Teil des bürgerlichen Lagers und müssen das auch bleiben.“ Wenn Westerwelle sieben Monate nach der Bundestagswahl die strategische Partnerschaft mit der Union zugunsten der SPD aufgebe, dann „gefährdet er den gerade erkämpften Ruf einer verlässlichen FDP“.

Eigentlich hat Westerwelle nichts anderes getan als das, was für die FDP überfällig, war, nämlich die Öffnung einer kleinen Partei als Partner für beide große Volksparteien. Aber wie! Das ließ für viele zu wünschen übrig. Erst auf die Sozialdemokraten eindreschen, die Gewerkschafter gar eine Landplage schimpfen. Dann, urplötzlich, mit ihnen regieren wollen. Und das, obwohl sich nirgendwo auf den Wahlkampfkalendern in den nächsten Jahren eine ernsthafte Gelegenheit für Rot-Gelb zeigt. Erfahren haben die FDP-Oberen von Guidos neuer Lust auf die Roten übrigens wie so oft aus der Zeitung. Kein Wort davon im Parteipräsidium.

Also wieder eine seiner fixen Ideen, die man ja gut finden kann, die aber genau so schnell aus Westerwelles Mund ploppen, wie sie wieder in der Versenkung verschwinden. Ähnlich war das letztes Jahr, als er auf einmal das „Neosoziale“ an seiner Partei entdeckt hat. Natürlich war da auch manch anderem in der FDP schon aufgefallen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen sich Deutschland nichts sehnlicher als Deregulierung und die Abschaffung des Kündigungsschutzes wünschte. Aber schrille Schlagwörter wie „neosozial“?

Kommende Woche, im Leitantrag zum Bundesparteitag, gibt’s wieder ein neues Schlagwort: „Modern ökologisch“ wird es heißen. Und selbstverständlich weiß keiner besser als Guido Westerwelle, was das heißt: „44 Rotmilane“, so hat er nämlich mal ausgerechnet, wurden von deutschen Windrädern „geschreddert“. Und 275 Fledermäuse.

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