Zeitung Heute : Ein Mann mit Macht

Andrea Nüsse[Amman]

Ghasi al Jawar soll die irakische Regierung führen. Wie kam es, dass ein amerikakritischer Politiker Präsident des Irak wurde?

Ein lächelnder, fülliger Stammesführer ist das Gesicht des neuen Irak. Der 46-jährige Ghasi Ajil al Jawar vom Shammar- Stamm ist nach langem Hin und Her zwischen Regierungsrat und USA sowie den Vereinten Nationen zum irakischen Präsidenten bestimmt worden. Der sunnitische Ingenieur aus Mossul hebt sich im Regierungsrat durch seine traditionelle Tracht ab: er trägt eine weiße, bodenlange Galabiyya, darüber einen Mantel mit Goldrand und auf dem Kopf eine weiße Keffiyeh.

Ghasi al Jawar wird das eher repräsentative Amt des Präsidenten antreten, während die Tagesgeschäfte vom Ministerpräsidenten geleitet werden sollen. Doch als Nachfolger des gestürzten Saddam Hussein und in der chaotischen Lage im Irak wird die Bedeutung des Präsidenten über eine rein symbolische Rolle hinausgehen. In dem religiös und ethnisch zersplitterten Land, dessen Regierung unter US- Herrschaft und auch künftig nach einer Art Proporzsystem besetzt ist, sollte der Präsident eine Integrationsfigur sein. Dafür ist der Sunnit Ghasi al Jawar möglicherweise der Richtige: Als führendes Mitglied des Shammar-Stammes, hat er gute Kontakte zu Schiiten.

Auch wenn der neue Präsident über keine Partei verfügt, so doch über den mächtigen Shammar-Stamm mit seinen drei Millionen Angehörigen, die sich über mehrere Länder der Region verteilen, ein starkes Netzwerk.

Ghasi al Jawar hat die US-Politik im Irak heftig kritisiert. So warf er Washington im Dezember vor, die Sunniten zu marginalisieren und kollektiv für die Verbrechen des Saddam-Regimes verantwortlich zu machen. Bereits im Januar, lange vor Veröffentlichung der Folterbilder aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis bei Bagdad, kritisierte al Jawar die Behandlung irakischer Gefangener durch die USA sowie das brutale Vorgehen bei den nächtlichen Hausdurchsuchungen.

„Was ist der Unterschied zwischen der Diktatur und dem, was jetzt geschieht“, zitierte ihn die Wochenendbeilage der „New York Times“. Solche Worte könnten der Grund dafür sein, dass die USA offenbar die Ernennung Ghasi al Jawars verhindern wollten. Doch der künftige Präsident hat sich auch kritisch über die Arbeit es Regierungsrates geäußert, dem er selbst angehört. „Wir haben versagt“, meinte er auf dem Höhepunkt der Kämpfe um die sunnitische Stadt Falludscha. Solche Kritik und seine vom politischen Amt losgelöste Macht als Stammesführer sind in den Augen vieler Iraker Pluspunkte: Ghasi al Jawar gilt als unabhängig.

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