Zeitung Heute : Ein Mann stört die Ruhe

Sein Leben lang kämpfte Joseph Wulf gegen das Schweigen über die Gräueltaten der Nazis. Dort, wo der Massenmord organisiert wurde, wollte er erinnern. Er scheiterte und zerbrach daran. Erst 1992 wurde das Haus der Wannseekonferenz Gedenkstätte.

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Von Peter Kasza Eine großzügige Allee führt durch den kleinen Park zum neoklassizistischen Palazzo. Im Inneren: Parkett, seidenbespannte Wände, ein Springbrunnen. Die Rückseite geht hinaus zum Berliner Wannsee, und wenn man an einem lauen Wintertag auf der Terrasse der Villa Marlier steht und lauscht, hört man nur das metallische Klackern der Fallen, die im Segelklub nebenan an die Masten der Segelschiffe schlagen.

Joseph Wulf war oft hier, Mitte der 60er Jahre. Nur sagte er nie „Villa Marlier“, sondern „Haus der Endlösung“. Das nahm der Szenerie den schönen Schein.

Der Unternehmer Ernst Marlier hatte das Haus 1915 bauen lassen, bekannt geworden ist es aber durch ein schreckliches Ereignis: Hier, Am Großen Wannsee 56–58, hatte 1942 die Konferenz stattgefunden, in der das Schicksal der europäischen Juden organisatorisch besiegelt wurde. Und genau hier wollte Joseph Wulf ein Forschungsinstitut für die Opfer des Nationalsozialismus etablieren.

Der 20. Januar 1942 war ein schöner Wintertag. Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, hatte 15 Männer in die Villa geladen, die mittlerweile ein Gästehaus der SS war: Staatssekretäre, Spitzen der NS-Verwaltung in den besetzten Ostgebieten und hochrangige SS-Führer berieten über den einzigen Tagesordnungspunkt: Endlösung der Judenfrage – „mit anschließendem Frühstück“, wie es im Einladungsschreiben hieß. Auf der Besprechung regelten alle Instanzen ihre Kompetenzen so, dass sie den Massenmord an den Juden möglichst reibungslos exerzieren konnten. „Parallelisierung der Linienführung“ hieß das im NS-Bürokraten-Jargon. So wurde auf der Wannseekonferenz der Massenmord an den Juden nicht beschlossen – der war schon längst in vollem Gange – aber er wurde organisatorisch geregelt. Deshalb steht die Konferenz auch für das, was den Holocaust einzigartig macht: den industriell betriebenen, arbeitsteilig organisierten Massenmord. Nachdem man am Schreibtisch in anderthalb Stunden über das Schicksal von elf Millionen Juden entschieden hatte, klang die Konferenz mit einem gemütlichen Teil aus, selbst der sonst abstinente Heydrich genehmigte sich zur Feier des Tages einen Cognac.

Zur gleichen Zeit kämpfte Joseph Wulf im Krakauer Ghetto in einer jüdischen Widerstandsgruppe gegen die Nazis. Eigentlich war er gar nicht der Typ dafür. Wulf war ein verwöhnter Schnösel aus wohlhabendem jüdischen Elternhaus. Gegen den Willen seines Vaters war er nicht Rabbi, sondern Schriftsteller geworden. Mit 27 veröffentlichte er sein erstes Buch „Kritische Miniaturen“ in jiddischer Sprache, und hätten die Deutschen nicht im gleichen Jahr Polen überfallen, er hätte wohl ein ruhiges Leben geführt. So aber organisierte er Anschläge auf Besatzer, Kollaborateure und Eisenbahngleise. Seine Frau und seinen Sohn versteckte er bei polnischen Bauern.

1943 wurde er verhaftet, gefoltert, schließlich nach Auschwitz deportiert. Wulfs Vater, seine Mutter und die Familie des Bruders wurden im Holocaust ermordet. Er selbst überlebte zwei Jahre Sklavenarbeit. Und obwohl Wulf wie auch seine Frau und sein Sohn mit dem Leben davon kam, blieb er bis zu seinem Tod ein Gefangener von Auschwitz.

Gesprochen hat er wenig über seine Zeit im KZ, vielleicht aus Schmerz, vielleicht aus schlechtem Gewissen, überlebt zu haben. Aber er sprach über die Verbrechen und die Schuld der Täter. Sofort nach der Befreiung begann er, Dokumente über den Massenmord an den Juden zu sammeln. 1955 veröffentlichte er zusammen mit dem Historiker Léon Poliakov sein erstes Buch über den Nationalsozialismus: „Das Dritte Reich und die Juden.“ In den nächsten zehn Jahren folgen 17 weitere.

Die „FAZ“ schrieb 1963: „Joseph Wulfs großes und unbestreitbares Verdienst ist es, dass er als Erster die Mistgabel ergriffen hat.“ Mit ihr stocherte er in der unmittelbaren Vergangenheit und hielt den Deutschen ihren Dreck unter die Nase. „Warum“, fragte er, „sind nicht längst deutsche Forscher damit gekommen, warum muss erst ein galizischer Jude kommen und das machen?“ Vielleicht, weil die deutschen Historiker glaubten, sich erst einmal um den deutschen militärischen Widerstand kümmern zu müssen. Das mit den Juden, so die allgemeine Ansicht, sei ja emotional noch sehr aufgeladen.

Über die Vergangenheit und die eigene Rolle wollte ohnehin niemand reden, zumal man zum Aufbau eines neuen funktionsfähigen Staates beherzt auf die alten Eliten zurückgriff. Hans Globke, der es noch vor kurzem für eine glänzende Idee gehalten hatte, jedem Juden den Namenszusatz „Israel“ und jeder Jüdin „Sarah“ in den Pass zu stempeln, war Kanzleramtsminister. In den Gerichten saßen die alten Richter, im Geheimdienst die alten Geheimdienstler, in den Vorständen die alten Vorständler, und selbst die beiden einzigen überlebenden Teilnehmer der Wannseekonferenz waren als „minderbelastet“ aus den Internierungslagern entlassen worden.

Was die neuen Eliten zwischen 1933 und 1945 getrieben hatten, konnte man in Wulfs Büchern nachlesen. Viele der Enttarnten schickten Wulf eidesstattliche Versicherungen, die sie entlasten sollten. Wulf bemerkte sarkastisch:

„Nach gewissenhafter wissenschaftlicher Analyse muss man an Hand so einwandfreien Beweismaterials feststellen, dass a) die Beamten des Dritten Reiches mehr Juden retteten, als umgekommen sind; b) Ein erheblicher Prozentsatz dieser Beamten bei Hitler nur in Amt und Würden blieb, um so die Möglichkeit zu haben, mehr Juden das Leben zu retten. Rückblickend möchte man heute fast sagen, die Epoche von 1933 bis 1945 zeichnet sich durch übertriebene in die Tat umgesetzte christliche Nächstenliebe aus.“

Wulf wehrte sich gegen den gesellschaftlichen Konsens des Vergessenwollens. Fotografien aus den 60er Jahren zeigen einen schmächtig wirkenden Mann mit durchdringendem Blick. Über dem Schreibtisch seiner Wohnung in der Giesebrechtstraße hing in hebräischen Lettern die ewige Mahnung: „Erinnere dich der 6 Millionen!“ Ansonsten lenkte kein Bild, nichts Schönes, kaum etwas Persönliches von den Schrecken des Holocaust ab, die sein Lebensinhalt geworden waren. Eine Trennung von Büro und Zuhause gab es nicht. Es war, erinnert sich Uwe Wesel, damals Vizepräsident der FU, der ihn Anfang der 70er Jahre öfters besuchte, eine düstere, eine gespenstische Atmosphäre bei Wulfs.

Wie anders doch die Stimmung unten auf dem Ku’damm. Dort gab Wulf den Bohemien. Stets korrekt gekleidet im Dreiteiler, mit Spazierstock und Pfeife, saß er in den Kaffeehäusern und hielt Hof. Mit der großbürgerlichen Attitüde wollte er an die Zeit vor Auschwitz anknüpfen, sie suggerierte ihm ein Stück Normalität. Zwischen diesen zwei Welten war er gefangen. Aber von seinen Buchhonoraren konnte er bald nicht mehr leben, und der Spalt zwischen Wunsch und Wirklichkeit wurde immer größer. So lieh er sich Geld von seinen Freunden – und aß wie aus Trotz im Kempinski.

Wulf erhielt den Leo-Baeck-Preis und die Carl-von-Ossietzky-Medaille; 1970 wurde er Ehrendoktor der Freien Universität. Und die Tatsache, dass er gleich am nächsten Tag loslief, um sich neue Bögen mit dem Briefkopf Dr. h.c. Joseph Wulf drucken zu lassen, zeigt, wie sehr er sich nach Anerkennung seiner Arbeit sehnte. Doch es war die philosophische Fakultät, die ihm die Ehre zuteil werden ließ, nicht die der Historiker. Die blickten auf ihn herab. Dieser Journalist könne doch gar nicht wissenschaftlich arbeiten. Außerdem stehe das von Traum und Trauer geprägte Bild des jüdischen Opfers der sachlichen Objektivität der deutschen Historiker entgegen, meinte Martin Broszat, ab 1972 Leiter des „Instituts für Zeitgeschichte“.

In die Mitte der vergangenheitsblinden und pseudoobjektiven Gesellschaft wollte Wulf ein Mahnmal wider das Vergessen setzen. Seit 1964 arbeitete er an seinem Lebenswerk: die in der Welt verstreuten Dokumente in einem „Internationalen Dokumentationszentrum zur Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Folgeerscheinungen“ zu sammeln. Schon der Name implizierte das, was keiner hören wollte: Es ist nicht vorbei. Die Nazizeit wirkt auch in unsere Gegenwart hinein. Für das Institut hatte sich Wulf einen besonderen Sitz ausgesucht: Die Villa Marlier. „Niemand hatte eine Ahnung, welche Geschichte dieses Haus hatte“, sagt der Publizist Gerhard Schoenberner, der damals zu den Gründern des Unterstützervereins zählte. Für Wulf wurde hier Geschichte manifest, symbolisierte dieses idyllisch gelegene Haus das, was den Holocaust einzigartig macht.

Wulf sammelte eine Menge Mitstreiter um sich. Karl Jaspers war ebenso Mitglied im Verein wie Golo Mann, Helmut Gollwitzer und Simon Wiesenthal. Auch der Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt unterstützte das Vorhaben. Erst mit seinem Weggang nach Bonn änderte sich das Klima. Immer mehr Bedenken wurden laut. So sprach das Wochenblatt „Christ und Welt“ vom „Denkmal der Schande“ und fragte sich, was denn am Nationalsozialismus eigentlich noch zu erforschen sei. Außerdem sei es falsch, „den Weg der Deutschen in die Zukunft mit weiteren düsteren Kultstätten zu versehen“.

Chefredakteur des Humanistenblattes war ein Mann namens Giselher Wirsing, der seinen ersten Karrierehöhepunkt zur Nazizeit als Schriftleiter der „Münchner Neuesten Nachrichten“ hatte. Der NS-Sicherheitsdienst urteilte über ihn: „Dr. Wirsing hat sich im Laufe der Zusammenarbeit mit dem SD als williger, fleißiger und außerordentlich wertvoller Mitarbeiter erwiesen.“ Am 26. März 1941 hielt der Doktor einen schneidigen Vortrag über „Die Judenfrage im Vorderen Orient“, bei der er sich ausführlich über die „Internationale Bindung zwischen der Entwicklung des Zionismus und der Politik des Finanzjudentums“ ausließ. Probleme, nach dem Krieg einen Job zu finden, hatte Wirsing nicht. Wulf hatte das in seinem Buch „Das Dritte Reich und seine Denker“ dokumentiert. Und so schloss sich der Kreis. Ein Vertreter der neuen alten Elite wandte sich gegen eine Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.

Aber selbst völlig unverdächtige Männer waren gegen eine Gedenkstätte. Eugen Gerstenmaier, der am 20. Juni 1944 aktiv am Anschlagsversuch auf Hitler beteiligt war, wäre am liebsten mit der Spitzhacke angerückt. „Da kommt nur eines infrage, nämlich das Haus abreißen, so dass keine Spur von dieser Schreckensstätte übrig bleibt!“, sagte er. Und auch der neue Regierende Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) wandte sich gegen das Vorhaben. Zwar sei er grundsätzlich für ein Forschungsinstitut, aber bitte nicht am Wannsee, denn das werde zu einer „makaberen Kultstätte“, wie er 1967 in einem offenen Brief in der „Welt am Sonntag“ schrieb. Die unglückliche Formulierung klebte lange an Schütz.

In ihrer Mission, das Institut zu verhindern, entdeckten Politiker und Presse ihr Herz für Kinder. Das Haus der Endlösung war seit den 50er Jahren Schullandheim des Bezirks Neukölln. „Nazidokumente wichtiger als Arbeiterkinder?“, fragte die „Deutsche National- und Soldaten-Zeitung“ scheinheilig, als Wulfs Vorhaben bekannt wurde. Die Neuköllner SPD ging mit den gleichen Argumenten auf die Barrikaden und sagte ihrerseits eine Zunahme der rechtsradikalen Wählerstimmen voraus, sollte das Institut anstelle des Schullandheims treten. Letztendlich sagte der Senat Nein, obwohl der Jüdische Weltkongress ein Ausweichquartier für die Kinder angeboten hatte.

Mal um mal schlug der Senat dem Verein neue Gebäude für das Dokumentationszentrum vor. Wenn der sein Einverständnis gab, waren die Gebäude plötzlich doch nicht mehr zu haben. Wulf begann, darüber zu resignieren. In einem Brief an Marion Gräfin Dönhoff schrieb er im Dezember 1967, dass in einem Land, in dem man „Angst hat, dass Antisemitismus und NPD wachsen, wenn wir das Haus am Wannsee für eine Forschungsstätte über den Nationalsozialismus bekommen“, kein Boden für frei denkende und kämpferische Menschen sei.

1972 wurde der Unterstützerverein endgültig aufgelöst. Wulfs Lebenswerk schien am Widerstand der Gesellschaft gescheitert zu sein. Erst Mitte der 80er Jahre bekam die Idee einer Ausstellung im Haus der Wannseekonferenz wieder Auftrieb. Vor 15 Jahren, am 20. Januar 1992, eröffnete in der Villa Marlier dann endlich eine Gedenk- und Bildungsstätte. Joseph Wulf hat das nicht mehr erlebt.

1973 starb seine Frau Jenta. Wulf fiel in eine tiefe Depression. Ein Jahr später schrieb er an seinen Sohn David: „Ich habe hier 18 Bücher über das Dritte Reich veröffentlicht, und das alles hatte keine Wirkung. Du kannst dich bei den Deutschen tot dokumentieren, es kann in Bonn die demokratischste Regierung sein – und die Massenmörder gehen frei herum, haben ihr Häuschen und züchten Blumen.“

Am 10. Oktober 1974 stürzte sich Joseph Wulf aus dem Fenster seiner Wohnung in der Giesebrechtstraße Nr. 12. Zu seinem Begräbnis nach Tel Aviv kamen sein Sohn, ein paar Mitkämpfer aus Krakau und drei Freunde aus Deutschland.

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