Zeitung Heute : Ein Marktplatz rund um das virtuelle Berliner Rathaus

KURT SAGATZ

Mitte Oktober werden in der Berliner Senatskanzlei und bei der debis-Tochter Primus-Online viele Mitarbeiter erleichtert aufatmen, denn dann soll Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen den Startknopf für das Stadtinformationssystem (SIS) drücken."Sie müssen uns für diesen Tag nur noch die Technik hinstellen", ergänzte Horst Ulrich von der Senatskanzlei den Primus-Online-Geschäftsführer Bernd Rumscheid am Dienstag morgen im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Seine etwas scherzhafte Bemerkung erfolgte nicht ohne Hintergrund, denn die Public Private Partnership zwischen dem Land Berlin und der Daimler-Benz-Tochter debis hat inzwischen die verbliebenen großen Hürden genommen, nachdem es zuvor zu einigen Verzögerungen gegenüber den ursprünglichen Planungen gekommen war: In der letzten Woche wurde die Kooperation zwischen debis und der Berliner Volksbank auf Seiten der SIS-Betreiber vom Kartellamt genehmigt und auch die Tinte unter den Verträgen zwischen dem Land und der debis-Tochter als federführender Betreibergesellschaft des Online-Informationssystems ist inzwischen getrocknet.Nun müssen "nur" noch die technische Infrastruktur fertiggestellt und der Aufbau des Rechenzentrums am Heidelberger Platz abgeschlossen werden.Auch diverse Gespräche mit potentiellen Partnern des SIS müssen noch in trockene Tücher gelangen.

Mit dem SIS verbindet das Land Berlin hochgesteckte Zielen.Das Online-Medium, das sowohl über das Internet als auch über diverse Info-Terminals im Stadtgebiet sowie später auch vom heimischen Fernsehgerät mit spezieller Settop-Box aus erreicht werden kann, soll den Kontakt der Berliner und den Besuchern der Stadt mit den Behörden der Metropole sowie deren Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und andere Institutionen erleichtern.Wenn künftig ein Bonner seinen Umzug in die neue Bundeshauptstadt plant, soll er über das Infosystem mit den entsprechenden Hilfen vom Einwohnermeldeamt bis zur Malerfirma versorgt werden.Hierzu wird die debis-Tochter unter der weltweit einprägsamen Adresse www.berlin.de eine Plattform aufbauen, auf der die unterschiedlichen landeseigenen und kommerziellen Angebote der Stadt zu finden sein werden.Und damit dort nicht das gleiche unbefriedigende Suchen losgeht, das sonst mit dem Internet verbunden wird, wird Primus-Online zudem durch entsprechende Wegweiser und Verlinkungen dafür sorgen, daß der Besuch in der virtuellen Metropole Lust statt Frust bei den Nutzern hervorruft.

Ein zentrales Element des vom Land vorgegebenen Rahmens ist der kostenlose Zugang zum Informationssystem.Neben den Telefongebühren werden daher keine zusätzlichen Kosten für den Besuch von berlin.de anfallen.Über eine spezielle Starter-Software, die ebenfalls umsonst ausgebeben werden soll, erfolgt die Einwahl zum Nulltarif - solange man sich im Angebot des SIS bewegt.Wer über den Primus-Online-Zugang hinaus weiterführende Links ins Internet oder andere Web-Angebote nutzen möchte, zahlt an die debis-Tochter eine Providergebühr, die im unteren Bereich liegen soll.

Im Mittelpunkt des Stadtinformationssystems stehen die Informationsangebote des Landes selbst.Die bereits bestehenden 3500 Internet-Informationsseiten werden vollständig in das neue Angebot überführt.Sämtliche Verwaltungen und auch die Bezirke werden mindestens mit einem Rumpfangebot zu finden sein.Einige Verwaltungen und Bezirke scheuen zwar nach Ulrichs Angaben derzeit noch die Kosten und Mühen, die mit der virtuellen Präsenz verbunden sind, andere Landeseinrichtungen oder Bezirksämter hätten allerdings bereits die Chancen der neuen Medien erkannt und versuchen nun offensiv, ihre Außenkontakte über das Netz zu verbessern.Als Beispiele nannte er die Senatsbereiche Stadtentwicklung, Wissenschaft / Kultur, Wirtschaft, Arbeit sowie Schulen.Aber auch bei den Bezirken gibt es Vorreiter wie Charlottenburg, Wilmersdorf, Marzahn, Hellersdorf oder Friedrichshain, sagte Ulrich.

Das Internet lebt bekanntlich von der Interaktivität.Bereits zum Start werden einige Verwaltungen Online-Formulare zum Download anbieten, später sollen ausgewählte Behörden-Transaktionen auch komplett online möglich sein.Hierzu bedarf es jedoch noch eines geeigneten Zertifizierungsverfahrens, um Mißbrauch auszuschließen.An einem digitalen Signaturverfahren arbeiten unter anderem debis und die Bundesdruckerei, das Verfahren befindet sich bereits in der Genehmigungsphase, so Rumscheid.Auch das Land ist bestrebt, eine allgemeingültige digitale Signatur für alle Verwaltungsvorgänge nutzen zu können.

Für das Ticketing, das ebenfalls unter berlin.de angeboten werden soll und am Anfang die 26 Opern und Theaterhäuser der Spielzeit AG umfaßt, ist eine digitale Signatur nicht notwendig.Hier wird eine Registrierung bei berlin.de ausreichen.Bezahlt werden kann sowohl beim Ticketing als auch bei den anderen Shopping-Angeboten im SIS entweder mit Kreditkarte oder über ein spezielles Online-Shopping-Konto, das die Berliner Volksbank als Mitgesellschafter des SIS kostenlos anbieten wird.Weitere Zahlungsarten wie die Geldkarte sollen folgen.Überhaupt soll das SIS zur Erprobung neuer Technologien genutzt werden, um Berlin als Kompetenzzentrum für die neuen Medien zu etablieren.

Aus Sicht von debis als Betreiber des Dienstes ist selbstredend neben dem Informationsgedanken auch interessant, wie langfristig mit dem Online-Geschäft auch Geld verdient werden kann.Nach Anlaufinvestitionen von 10 Millionen Mark in den ersten zwei Jahren rechnet Rumscheid in spätestens drei bis vier Jahren mit Erlösen.Die wesentliche Einnahmequelle wird darin bestehen, daß sich Firmen und Institutionen unter der einprägsamen Adresse www.berlin.de präsentieren können.Über 50 intensivere Gespräche hierzu wurden bereits geführt, konkrete Ergebnisse werden erst zum Start des Systems erwartet, dann nämlich, wenn rund um das virtuelle Berliner Rathaus der Online-Marktplatz eröffnet wird.

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