Zeitung Heute : Ein "Möchtegern-Spielmacher" setzt sich zwischen alle Stühle

NIZZA .Von den Kritikern an den Pranger gestellt, von den Mitspielern abgelehnt, vom Trainer abgestempelt.Alle Welt regte sich über Andreas Möllers empörende 32-Minuten-Darbietung gegen Mexiko auf, nur der Dortmunder selbst ließ wieder einmal jegliche Selbstkritik vermissen."Ich glaube, ich habe meinen Teil dazu beigetragen, das Spiel noch umzudrehen", tönte der von Jupp Heynckes zum "Möchtegern-Spielmacher" und von Günter Netzer zum "Schönwetter-Spieler" abgekanzelte Dortmunder.

Möller wäre vielleicht zu einem anderen Urteil über sich selbst gekommen, wenn er sich den 2:1-Sieg gegen Mexiko noch einmal vor Augen geführt hätte.Doch das Angebot der ARD, eine Auswahl von Belegen seiner ärmlichen Vorstellung selbst zu kommentieren, lehnte der 30jährige ab.Es sei besser, jetzt nicht zu reden, meinte Möller.Als Entschuldigungsgrund für seine Leistung hatte er am Vorabend lapidar angeführt: "Es ist gerade bei diesen Witterungsbedingungen nicht einfach für die Spieler, die eingewechselt werden."

Für mangelndes Engagement, aufreizende Lässigkeit und geringe Laufbereitschaft aber sind Möllers Worte wohl keine Erklärung.Wie schon beim 2:2 gegen Jugoslawien, als er zur Halbzeit ausgewechselt wurde, wirkte der Borussen-Star wie ein Fremdkörper.Bundestrainer Berti Vogts gelang es daher auch nur mühsam, seinen Ärger zu verbergen."Sie haben ja die Leistung von Andreas Möller gesehen, als er reinkam", meinte er nach Schlußpfiff betont emotionslos im ZDF- Studio.Und wenige Minuten später stellte er in den Katakomben des Stade La Mosson ironisch fest, Möller habe wohl keinen entscheidenden Verdienst an der Wende gehabt.

"Möller sieht man nicht, wenn es schwer wird", fällte der frühere Nationalspieler Netzer ein vernichtendes Urteil über den Dortmunder.Nachdem er ihn vor Turnierbeginn zum "Hoffnungsträger dieser Weltmeisterschaft" erklärt hatte, schrieb er ihn am Montag abend für alle Zeiten ab: "Er ist kein Spieler, mit dem er rechnen kann.Und das wird sich wohl auch nicht mehr ändern."

Dabei hätte man erwarten können, daß Möller endlich Taten sprechen lassen würde, nachdem er sich bislang nur verbal zur Wehr gesetzt hatte.Als offensichtlich wurde, daß er sich innerhalb des Kollegenkreises keiner großen Lobby erfreut, hatte er zum Gegenangriff geblasen.Er finde es "unmöglich, daß Oliver Bierhoff Politik für einen Spieler macht", hatte sich der Dortmunder beklagt, weil der Torjäger vom Dienst wie auch Kapitän Jürgen Klinsmann die flankierenden Maßnahmen von Thomas Häßler herausgestellt hatte.

Damit hatte der Dortmunder gegen ein ungeschriebenes Gesetz verstoßen.Keine öffentliche Kritik an Mannschaftskameraden - dieses Dogma gilt seit der Europameisterschaft 1996 in England.Möller aber läßt jede Einsicht vermissen."Zu dieser Kritik stehe ich.Ich kann nicht verstehen, daß in der Zeitung Spieler gefordert werden", meinte Möller in Montpellier, "diese Sache kann ich nicht stehen lassen".

Zuvor allerdings hatte er nichts unternommen, um die These zu widerlegen, daß die deutsche Nationalmannschaft derzeit besser ohne ihn als mit ihm auskommt.Andreas Möller sitzt mal wieder zwischen allen Stühlen.

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