Zeitung Heute : Ein moralisches Angebot

Manager haben nicht gelernt, Werte zu managen. Aber ein schlechtes Image vermasselt am Ende die Bilanz. Deshalb schickt die Stiftung der Deutschen Wirtschaft angehende Bosse zu einem Seminar mit der schwierigen Frage: Geld oder Gewissen?

Constanze von Bullion

Es dauert keine Viertelstunde, bis es richtig laut wird am Konferenztisch und die Bosse von morgen sich in den Haaren liegen. „Unmöglich!“, ruft einer. „Unverantwortlich!“ ein anderer. Hände fliegen in die Luft, Köpfe werden geschüttelt, es ist offenbar nicht ganz einfach, die Welt aus der Perspektive der Chefs zu betrachten. In der Firma für Schnittblumen werden Mitarbeiter giftigen Pestiziden ausgesetzt, irgendjemand muss den Job doch machen, oder? Im Forschungsinstitut sitzt ein Stasispitzel, und die Spielzeugfabrik will einen leicht brennbaren Teddy vom Markt nehmen. Bloß nicht überreagieren, warnt jetzt einer, der den Profit nicht aus den Augen verlieren und die Sache erst mal im Management diskutieren will.

Wie viel Moral gesund ist fürs Geschäft, das ist recht umstritten bei den Chefs der Zukunft, die heute noch in Jeans und Turnschuhen stecken, in einem Seminarsaal im Taunus sitzen und an Tischen voller Spielkarten eifrig zocken. „Ethik-Dilemma“ heißt das Spiel, bei dem 50 angehende Manager Gewissensfragen lösen müssen. Studenten, Fachhochschüler und Doktoranden sitzen hier, alle gelten als besonders begabt, alle sind Stipendiaten der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Die wird vor allem von großen Konzernen gesponsert und fördert Nachwuchs mit Führungsqualitäten – von dem mehr erwartet wird als exzellente Noten.

„Unsere Stipendiaten sollten nicht nur Potenzial haben, Personalverantwortung zu übernehmen, sondern auch im sozialen Umfeld Initiative zeigen“, sagt Projektleiter Ulrich Hinz. Und weil zum nachhaltigen Erfolg etwas mehr gehört als maximale Abzocke in minimaler Zeit, hat die Stiftung zum Pflichtseminar nach Kronberg geladen, in ein Ausbildungszentrum der Deutschen Bank, wo es einen hübschen Pool, breite Bankdirektorenbetten und ein strammes Arbeitsprogramm gibt – die Eliten von morgen sollen ein wenig Moral lernen.

Bilder werden an die Wand projiziert, der Medienunternehmer Thomas Haffa, der wegen Kursmanipulation vor Gericht steht, ist da zu sehen; der US-Unternehmer Dennis Kozlowski, der Millionen für private Ölbilder aus der Firmenkasse genommen haben soll, und der Aufschneider Bodo Schnabel, der zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, weil er die Umsätze seines Unternehmens offenbar frei erfunden hatte. Keine Frage, die Herren sind wenig geeignet, das Image der freien Wirtschaft aufzupolieren.

Die steckt nach dem Niedergang der New Economy tief in der Vertrauenskrise, vorbei die sorglose Zeit der Alles-geht-Mentalität. „Wir haben das Problem, dass Manager nicht gelernt haben, Werte zu managen", sagt Guido Palazzo, ein agiler Unternehmensberater aus der Schweiz, der demnächst einen Lehrstuhl für „Unternehmensethik“ in Lausanne begründet und dem deutschen Nachwuchs nun per Spiel vermitteln will, warum Moral Konjunktur hat im Geschäftsleben.

Ein schlechtes Image drückt den Kurs

„Wenn ich heute den Firmennamen Nike ins Internet eingebe, kriege ich nicht nur Informationen über Turnschuhe, sondern auch über Kinderarbeit in Asien“, sagt Palazzo. So was sieht nicht nur unschön aus, es drückt auch auf die Kurse. „Da geht es nicht um Ethikgesäusel, sondern um knallharte finanzielle Interessen.“ Milliardenschwere Konzerne müssen dicht machen, weil ihr Management sich bereichert hat. Selbst Deutschland ist in der Liste korrupter Staaten von Transparency International auf Platz 18 aufgestiegen.

Die Stipendiaten rücken zusammen, Fragekärtchen werden verteilt. Jeder Spieler soll sich vorstellen, Unternehmer zu sein und durch clevere Reaktionen in ethischen Konflikten Geld- oder Image-Karten sammeln. Ganz hinten im Saal sitzt Gunnar Clausen, ein schmaler junger Mann, der mit 25 schon an seiner Promotion in Betriebswirtschaft arbeitet und möglichst bald „Verantwortung übernehmen und viel Freiheit haben“ will. Unternehmerische Freiheit, versteht sich.

Gunnar Clausen hat sich schon in der Schule gelangweilt – „es fehlt die Binnendifferenzierung zwischen Schwachen und Leistungsfähigen“ –, jetzt wippt er ungeduldig mit den Füßen. Eine Frage wird vorgelesen: „Ich baue Schnittblumen an und beschäftige viele Studenten. Neulich habe ich gelesen, dass die Pestizide Leberkrebs verursachen. Was soll ich tun? Antwort 1: Ich übertrage die Arbeit weiter an junge Leute, da sie nur wenige Stunden arbeiten. Antwort 2: Ich informiere die Arbeiter und entlohne sie höher. Antwort 3: Ich beschließe, den Blumenanbau aufzugeben.“ Stirnrunzeln in der Runde, Gunnar hat sich schon entschieden. Zuschläge werden nicht gezahlt. „Es wird ja dauernd irgendwas Neues entdeckt, das Krebs erregt.“

Auch Susanne Günther zuckt kaum mit der Wimper, sie will ihre Arbeiter zunächst nicht warnen. Die 21-Jährige stammt aus einer Lehrerfamilie in Ostdeutschland, studiert in Chemnitz Politik und will später mal „an einer Schaltzentrale der EU oder der Nato sitzen“. Susanne Günther hat viel übrig für soziales Engagement und kümmert sich ehrenamtlich um behinderte Kinder. Ihre Geschäfte aber führt sie mit kühlem Kopf. Krebs hin oder her, der Blumenanbau muss weiterlaufen, sagt sie. Kassiert eine Geld-Karte und betrachtet zufrieden ihren wachsenden Kontostand.

Jetzt regt sich Niko von Stillfried auf. Der Biologiestudent aus München trägt Nickelbrille und stoppeligen Bart, hat früher mal eine Entwicklungshilfe-Gruppe gegründet und mault jetzt über unsinnige Spielregeln. „Ich akzeptiere die Antworten nicht“, sagt er, „beim Pflanzenschutz kann ich doch nach unschädlicheren Alternativen suchen, es gibt immer eine optimierte Lösung.“ Susanne aus Chemnitz findet das Gemäkel blöd. „Du sollst spielen und nicht die Regeln diskutieren.“

Nächste Frage, wieder gibt es Streit. „In Ihrer Spielzeugfirma stellt sich heraus, dass ein Teddybär leicht entflammbar ist. Was tun Sie? 1: Ich warne die Händler. 2: Ich vermerke die Testergebnisse künftig auf der Packung. 3: Ich nehme den Teddy vom Markt.“ Der Bär muss aus den Läden, sagt Susanne Günther, die brennende Kinderbetten befürchtet. Gunnar Clausen, der Betriebswirtschaftler, ist zurückhaltender. „Es ist doch viel gefährlicher, wenn die Gardine brennt“, überlegt er. Und Oliver Liebfried, ein stiller Elektrotechnikstudent aus dem Ruhrpott, der sich über Real- und Fachhochschule in die Studienstiftung vorgearbeitet hat, fände auch einen Warnhinweis ausreichend. „Das hat doch ’ne ähnliche Funktion wie vom Markt nehmen.“ So viel Pragmatismus wird immerhin mit zwei Image-Karten belohnt.

„Ist ja krass“, schimpft jetzt wieder Niko von Stillfried. „Wenn der Teddy brennt, ist das Image doch auch im Eimer.“ Für lange Debatten aber bleibt keine Zeit. Schon muss über den Chef der Forschungsabteilung entschieden werden, von dem die Zeitung schreibt, er habe als Stasi-Mitarbeiter einen Dissidenten hinter Gitter gebracht. Lösung 1: fristlos entlassen. Lösung 2: eine Besprechung mit dem Management einberufen und feuern. Lösung 3: den Mann zur Rede stellen und ihm weiter vertrauen. Jetzt ist BWL-Gunnar aus Köln entsetzt: „Für diese Form der Denunziation habe ich kein Verständnis.“ Susanne aus Chemnitz sieht das ganz anders. „Spitzeln ist vielleicht das falsche Wort“, sagt sie, „da wurden nur Berichte geschrieben.“ Niko, wie immer, will die Kröte nicht schlucken. Wer weiß, ob stimmt, was in der Zeitung steht.

Der Quertreiber mit der vollen Kasse

Am Ende des Spiels übrigens, als alle Karten abgerechnet sind, hat Quertreiber Niko die vollste Kasse. Nimmermüde Manöverkritik schützt offenbar vor unreflektierten Entscheidungen. Gunnar Clausen dagegen, der forsche Betriebswirtschaftler, liegt finanziell nur im Mittelfeld. Susanne Günther ist gut bei Kasse, muss aber noch am Image arbeiten. Elektrotechniker Oliver Liebfried, der meist nach Gefühl entschieden hat, ist fast pleite.

Und die Moral von der Geschicht’? Gibt es nicht, sagt Spielleiter Palazzo, als alle erwartungsvoll nach vorne schauen. Die Bewertung der Antworten ist so angelegt, dass sie Widerspruch provozieren müssen. Was hier gelernt werden soll, ist nicht die Lösung, sondern in einem moralischen Konflikt Für und Wider abzuwägen. Ein Dilemma zeichnet sich dadurch aus, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt, nur ein Besser und ein Schlechter. „Egal, wie Sie entscheiden, Sie verletzen eigene Werte, oder Sie verletzen Menschen um sich herum.“ Defining moments, nennt Palazzo solche Schlüsselmomente, auf die kaum ein Manager vorbereitet ist.

In der nächsten Runde sollen die Stipendiaten Konflikte aus der eigenen Arbeitswelt präsentieren. Ein Student berichtet, wie eine Baufirma ihn beauftragte, Ungereimtheiten im Controlling zu klären. Er fand heraus, dass ein Kollege einen Fehler vertuscht hatte, wollte ihn aber nicht ans Messer liefern – und verschleierte den Bericht. Unverantwortlich, findet Gunnar Clausen. „Nächstes Mal fährt der Typ den Betrieb an die Wand.“

Was moralisch ist und was nicht, das hat für die Unternehmergeneration von morgen nur wenig mit Schutz und Schonung zu tun, aber viel mit Gerechtigkeit und Leistung. Nicht alles für alle, sondern jedem seinen Platz, das ist der Tenor der Gespräche, die später bei italienischer Feinkost geführt werden. Die Gesellschaft der Zukunft, da sind sich alle einig, wird sich daran gewöhnen müssen, dass es eine Führungselite und ungleiche Verhältnisse gibt. „Die Grundbedürfnisse der Menschen müssen gesichert sein“, sagt Gunnar Clausen, „ansonsten zählt die Leistungsgerechtigkeit.“ Susanne Günther, die Chemnitzerin, sieht das ähnlich. „Wer ohne Verschulden nichts leisten kann, soll unterstützt werden“, sagt sie. Und der Rest? „Arbeitslosen- und Sozialhilfe staffelweise kürzen.“

Sie vertrauen fest auf ihre eigene Kraft, und nur für Sekunden tun sich kleine Risse auf in diesem selbstbewussten, ungebrochenen Weltbild. Fragt man Oliver Liebfried, den Aufsteiger aus dem Kohlenpott, wovor er sich fürchtet, spricht er vom „Herzinfarkt mit 40“ und von dieser diffusen Angst, „dass das alles zerreißt in Deutschland und so ’ne Art Apokalypse kommt“. Niko von Stillfried, der ewige Skeptiker, ist längst im Pub und hält sich mit Caipirinha bei Laune. Er träumt von einem Leben auf einem Bauernhof, mit Kindern und Arbeit in einem „mulidisziplinären Beratungsteam“. Was heißt schon Elite, sagt er irgendwann. „Vielleicht gibt es einfach Leute, deren Ressourcen für alle nutzbar gemacht werden sollten.“

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